Dokumentarfilm | Brasilien 2021 | 74 Minuten

Regie: Luiz Bolognesi

Das Volk der Yanomami, das im brasilianisch-venezolanischen Grenzgebiet des Amazonas lebt, ist durch gierige Goldsucher, aber auch die Zivilisation an sich bedroht. Mit einer Mischung aus dokumentarischer Beobachtung und szenischen Reenactments nähert sich der Film seinen Mythen, Ritualen und Selbstverständigungen, aber auch dem Kampf um den Erhalt seines Lebensraums. Auch wenn der Film kein Selbstzeugnis indigener Kultur ist, bildet die hybride Form eindrucksvoll die Perspektive einer Kultur ab, die den Versuchungen der Moderne nur wenig entgegenzusetzen hat. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
A ÚLTIMA FLORESTA
Produktionsland
Brasilien
Produktionsjahr
2021
Regie
Luiz Bolognesi
Buch
Luiz Bolognesi · Davi Kopenawa Yanomami
Kamera
Pedro J. Márquez
Musik
Talita de Collado
Schnitt
Ricardo Farias
Länge
74 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Mischung aus dokumentarischer Beobachtung und szenischen Reenactments über das indigene Amazonasvolk der Yanomami, ihre Mythen, Rituale und Selbstverständigungen, aber auch ihren Kampf um den Erhalt ihres Lebensraums.

Diskussion

Die Yanomami unterscheiden nicht zwischen Traum und Realität. Wachzustand und nächtliche Vision sind für das indigene Amazonasvolk keine getrennten Erfahrungen, sondern zwei ebenbürtige Wahrheiten. Der Traum, von einem Jaguar gejagt worden zu sein, ist eine ebenso reale Erfahrung wie die tatsächliche Jagd, die am Tag darauf erlebt wird. Traum, Mythos und Erinnerung verschmelzen im Weltbild des Stammes, der tief im Dschungel zwischen Amazonas und Orinoco lebt, zu einer Erfahrung.

Ein Film für und über die Yanomami

„The Last Forest“ ist der Versuch, diese spezifisch indigene Erfahrung ästhetisch zu spiegeln. Auf eine geduldige Betrachtung des Alltags der Yanomami folgt ein Reenactment ihres Schöpfungsmythos. Die von den Yanomami selbst nachgestellten Sagen gleicht der Film dabei immer wieder mit anthropologischen Beobachtungen ab. Etwa wenn eines der Kinder, das der Erzählung aufmerksam gelauscht hat, fragt, warum die Seegöttin Thueyoma nicht ertrinkt, obwohl sie ihr gesamtes Leben unter Wasser verbringt. Fiktives und Dokumentarisches laufen ohne klare Trennlinie ineinander und formen ein filmisches Mischwesen, das anthropologisches, politisches und erzählerisches Interesse eint.

Der Film ist keineswegs ein authentischer Selbstausdruck einer Volksgruppe, doch der Filmemacher Luiz Bolognesi, dessen Schaffen sich immer wieder den indigenen Völkern der Amazonasregion widmet, schafft es in der hybriden Form, zu gleichen Teilen einen Film über die Yanomami und einen Film für die Yanomami zu machen.

Eine Erzählung über indigene Kultur ist heute notwendigerweise auch eine Erzählung ihrer fortschreitenden Vernichtung. Bolognesi folgt dazu aber weder den Pfaden der Goldschürfer, die immer tiefer in den Regenwald vordringen, noch denen der Yanomami-Krieger, die sie abzufangen versuchen, sondern er betrachtet die Bedrohungslage über den Lebensentwurf der indigenen Gemeinschaft, der dem der Zivilisation diametral entgegengesetzt ist. Auch wenn es eine Szene gibt, die das Aufeinandertreffen von Yanomami mit einer kleinen Expeditionsgruppe zeigt, wird der eigentliche Konflikt zwischen indigener und zivilisierter Welt primär dort verhandelt, wo nachhaltige Technologie das Leben bestimmt und das Land dem Leben und nicht dem Bergbau dient.

Entstehung und drohende Vernichtung

Der Schöpfungsmythos der Yanomami, jedenfalls die Version, die der Schamane und Yanomami-Führer Davi Kopenawa formuliert, erzählt von der Entstehung und der drohenden Vernichtung der indigenen Gemeinschaften, aber auch von todbringenden und lebenserhaltenden Rohstoffen. In seiner Erzählung wird das Erz und mit ihm Pestilenz und Krankheit von Omama, dem ersten Menschen des Waldes, tief in der Erde vergraben. Was die zivilisierte Welt für ihr Fortbestehen braucht, ist für die Yanomami die Ader der Krankheit. Einmal aufgegraben, vergiftet sie Flora und Fauna und bringt weitere Bergbauunternehmen, Goldgräber und mit ihnen den langsamen und unaufhaltsamen Tod.

Kopenawa ist der Mann, der in beiden Welten gelebt hat und nun sein Volk aussterben sieht. Er rät einem jungen Yanomami davon ab, sich den Goldgräbern anzuschließen, und verdeutlicht ihm, dass ihn die Männer nie als ihresgleichen akzeptieren werden. Eine Warnung, die später mit einem Vortrag in Harvard gespiegelt wird. Der Schamane spricht vor einem halbvollen Hörsaal und sitzt kurz darauf verloren auf dem Bett eines Hotelzimmers. Ein Bild, das in Frage zu stellen scheint, dass der Auftritt vor der westlichen Bildungselite Realität und nicht doch ein Traum war. Die traurige Wahrheit des Films ist, dass dies für den Fortbestand der Yanomami heute kaum noch einen Unterschied macht.

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