tick, tick… BOOM!

Musical | USA 2021 | 116 Minuten

Regie: Lin-Manuel Miranda

Vor seinem 30. Geburtstag hadert der junge Musical-Komponist Jonathan Larson damit, dass es noch keines seiner Werke an den Broadway geschafft hat. Eine öffentliche Präsentation seines Wunschprojektes könnte ihn voranbringen, doch verspürt er vor dem entscheidenden Termin zusehends Zweifel, ob er auf dem richtigen Weg ist. Ein biografisches Musicaldrama über das Ausnahmetalent Jonathan Larson (1960-1996) mit vielfältigen interessanten Einblicken ins US-amerikanische Theatersystem und originellen Musikszenen. Neben der Künstlerseite sind andere Aspekte seines Lebens deutlich oberflächlicher erfasst, sodass der Film eher als Genre- und Systemreflexion funktioniert. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
TICK, TICK...BOOM!
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Lin-Manuel Miranda
Buch
Steven Levenson
Kamera
Alice Brooks
Musik
Jonathan Larson
Schnitt
Myron I. Kerstein · Andrew Weisblum
Darsteller
Andrew Garfield (Jon) · Alexandra Shipp (Susan) · Robin de Jesus (Michael) · Vanessa Hudgens (Karessa) · Joshua Henry (Roger)
Länge
116 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Musical

Eine vor dem Hintergrund der von der AIDS-Epidemie gezeichneten Künstlergemeinde New Yorks spielende Verfilmung des autobiografischen Musicals von Jonathan Larson über dessen Ringen um den künstlerischen Durchbruch.

Diskussion

Mangel an Ideen ist nicht das Problem von Jonathan Larson (Andrew Garfield). Auch wenn der junge Mann Anfang 1990 in einem Diner arbeiten muss, um seine Miete zahlen zu können, und sein Durchbruch als Musical-Komponist stur auf sich warten lässt, hat er diesen Traum unverdrossen im Blick. Zumal die Kreativität munter fließt: Für einen kompletten neuen Song braucht er in der Regel nur einen Tag; Themen findet er an jeder Ecke – und wenn es ein Lied über Zucker ist, nur um in Übung zu bleiben.

Doch zugleich hat Larson das Gefühl, dass ihm die Zeit davonläuft und die Entscheidung über sein Leben bald endlich fallen müsse; in seinem Kopf höre er eine Zeitbombe ticken, wie er erklärt. Was keine vorzeitige Midlife-Krise ist, sondern in seiner Situation aus mehreren Gründen sehr nachvollziehbar: Der nahende 30. Geburtstag mahnt Larson daran, dass die berühmtesten Musical-Komponisten, darunter auch sein großes Idol Stephen Sondheim, mit dreißig Jahren ihren ersten Broadway-Triumph bereits verbucht hatten; hinzu kommt die Dauerpräsenz des Todes in seinem Dasein durch die noch grassierende AIDS-Epidemie, der regelmäßig homosexuelle Freunde zum Opfer fallen. Und die dunkle Ahnung, dass er selbst 1996 mit erst 35 Jahren an einer Aortendissektion (einem Riss der Hauptschlagader-Wand) sterben wird, schwebt dem jungen Komponisten ebenfalls bereits vor Augen.

Ein Platz in der Musical-Geschichte

„tick, tick… BOOM!“ ist der Name des autobiographischen Bühnenprogramms, mit dem Jonathan Larson Anfang der 1990er-Jahre als Solo-Musical-Show einen ersten öffentlichen Achtungserfolg erzielen konnte, nachdem er sich ein knappes Jahrzehnt mit dem Einstieg ins kommerzielle Musical-Geschäft abgemüht hatte. Die Verfilmung von Larsons Durchbruch greift dreißig Jahre später nun nicht nur die seither erfolgte Bühnen-Überarbeitung von „tick, tick… BOOM!“ auf, sondern weist Larson auch von Anfang an den ihm gebührenden Platz in der Musical-Geschichte zu – der von dem Komponisten nicht mehr erlebte Kassen- und Kritikerfolg seines AIDS-Musicals „Rent“ ist in der Erzählung unterschwellig stets mitbedacht.

Dabei geht es vorderhand erst einmal um ein anderes Herzensprojekt von Larson: Acht Jahre hat er zu Beginn des Films bereits an „Superbia“ gearbeitet, einer satirischen Dystopie ähnlich George Orwells „1984“, und laut Larson „das erste Musical für die MTV-Generation“. Doch neben viel Vorschusslob, unter anderem auch von Stephen Sondheim persönlich, gibt es keine konkreten Hinweise auf eine baldige Premiere, zudem fehlt dem zweiten Akt noch ein guter Song für die weibliche Hauptfigur. Larson ringt noch mit einem seltenen Fall ausbleibender Ideen, als ein Produzent eine öffentliche Workshop-Aufführung organisiert, bei dem das Roh-Werk konzertant präsentiert und Reaktionen gesammelt werden sollen. Plötzlich mit der Aussicht auf echte Resonanz konfrontiert, mehren sich bei dem so selbstbewussten Künstler mit einem Mal die Zweifel: Ist er wirklich bereit für das kommerzielle Musical-Geschäft und die Möglichkeit, dass seine Arbeit auch auf Ablehnung stoßen könnte? Oder sollte er nicht vielleicht lieber einen einfacheren Weg wählen wie den Gang in die Werbung und finanziell einträgliche Jingles komponieren, wie es sein Freund Michael ihm beständig vorschlägt?

Im Dilemma zwischen Kunst- und Kommerzansprüchen

Die Abwägung zwischen Integrität und Unsicherheit auf der einen und Absicherung, aber Ausverkauf der künstlerischen Werte auf der anderen Seite, ist eines der Themen, denen sich Lin-Manuel Mirandas Verfilmung in besonderem Maße widmet. Neben diesen kunstmoralischen Fragen interessiert „tick, tick… BOOM!“ außerdem die spezifische Struktur der amerikanischen Musical-Welt, durch die ein Musical von der Idee bis zur endgültigen Fassung etliche Stufen durchlaufen kann, und das dafür notwendige Netzwerk an Autoren, Komponisten und Darstellern. Die faszinierenden Aspekte dieser Sphäre der New Yorker Theaterszene, die künstlerischen Feinschliff ebenso anstrebt wie eine auf ein möglichst großes Publikum abgestimmte Form, setzt Lin-Manuel Miranda in seiner ersten Spielfilm-Regiearbeit mitreißend in Szene. Eine erwartbare Begeisterung, denn schließlich gelang ihm einige Jahre nach Larson in diesem System selbst der erste Broadway-Triumph mit „In the Heights“ – in seinem Fall mit 28 Jahren –, der ihn zur jungen Musiktheater-Sensation des 21. Jahrhunderts machte, so wie es Jonathan Larson posthum für die 1990er-Jahre geworden war.

Hommage an die New Yorker Theaterwelt

Die Identifikation mit dem Werdegang von Larson führt Miranda mit einer allgemeinen Hommage an die New Yorker Theaterwelt zusammen, indem er für seinen Film zahlreiche Stars von Musical- und Sprechtheater wie auch etliche Komponisten-Kollegen in Miniauftritten vor die Kamera holt. Diese Referenzen verleihen dem ohnehin schon komplexen „tick, tick… BOOM!“ noch eine dritte Ebene neben der erzählten Handlung um Larsons Ringen mit seinem ersten Musical und der vom Zuschauer unmittelbar erlebten Adaption seines zweiten Musicals. In den Gesangs- und Tanzszenen verrät Miranda auch immer wieder bildlichen und choreografischen Einfallsreichtum, insbesondere im fließenden Übergang zwischen Realität und Fantasie-Vorstellungen. Zudem erweist sich Andrew Garfield als beachtlich guter Sänger, auch wenn seine Aneignung der teils exaltierten Mimik des echten Jonathan Larson etwas gewöhnungsbedürftig ist.

Wenn der Film trotz dieser Vorzüge dramaturgische Durchhänger hat, dann vor allem deswegen, weil Jonathan Larsons Leben jenseits seiner Künstler-Seite ungleich weniger interessant erscheint. Sein Umfeld mit Partnerinnen und bohemienhaften Szene-Freunden ist eher oberflächlich gezeichnet, selbst die neben ihm facettenreichste Figur seines Freundes Michael (Robin de Jesus), den ähnliche Selbstzweifel plagen und der durch eine positive HIV-Diagnose weit konkreter von einem absehbaren Ende seines Lebens ausgehen kann, bleibt jenseits dieser Spiegelungen recht blass. Daher gelangt „tick, tick… BOOM!“ auch nicht recht über die genre- und systemreflexiven Aspekte hinaus, die Einordnung von Jonathan Larson als Visionär, der „noch viele Fragen“ hatte, löst der Film nur bedingt ein. Was jedoch bleibt, sind seine Kompositionen, vitale und eingängige Lieder, die eindringlich daran gemahnen, welches große Talent mit dem frühen Tod von Jonathan Larson verloren ging.

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