Auf alles, was uns glücklich macht

Drama | Italien 2020 | 135 Minuten

Regie: Gabriele Muccino

Vier Jugendfreunde finden und verlieren sich in der italienischen Geschichte ab den 1980er-Jahren. Von der unbeschwerten, nostalgisch verbrämten Jugend an folgt die von Tragik angehauchte Komödie den Höhepunkten der vier Lebensläufe, die dunkle Familien-Erlebnisse ebenso hinter sich lassen wie diverse Einbindungen in die sich wandelnde Gesellschaft. Der wie ein nostalgisches Fotoalbum aufgebaute Film findet als melancholischer und durch die Persönlichkeiten der Hauptfiguren gefärbter Rückblick jedoch keine stimmige dramaturgische Kontur; dem beliebig wirkenden Aneinanderreihen biografischer Höhepunkte mangelt es an Vertiefungen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
GLI ANNI PIÙ BELLI
Produktionsland
Italien
Produktionsjahr
2020
Regie
Gabriele Muccino
Buch
Gabriele Muccino · Paolo Costella
Kamera
Eloi Molí
Musik
Nicola Piovani
Schnitt
Claudio di Mauro
Darsteller
Pierfrancesco Favino (Giulio) · Kim Rossi Stuart (Paolo) · Claudio Santamaria (Riccardo) · Micaela Ramazzotti (Gemma) · Nicoletta Romanoff (Margherita)
Länge
135 Minuten
Kinostart
14.10.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama

Eine melancholische Komödie über vier Jugendfreunde, die sich in vier Jahrzehnten italienischer Geschichte finden und verlieren.

Diskussion

Gemma und Paolo tanzen eng. Noch traut sich keiner von beiden, dem anderen wirklich nahezukommen. Doch der Lauf der Dinge, den Paolos Freund Giulio hier mit sanfter Gewalt anschiebt, indem er ihn in Gemmas Arme führt, zeichnet sich bereits in der ersten gemeinsamen Unterrichtsstunde ab: Gemma und Paolo können nicht voneinander lassen. So pressen sie sich kurz darauf zur Schmalzhymne „(Dreams are my) Reality“ dichter und dichter aneinander, um im entscheidenden Moment, kurz vor dem Kuss, von der Musik betrogen zu werden. Es wird wieder frei getanzt, der intime Moment ist vorbei, die Party geht weiter.

Der gescheiterte und schließlich mit schwitzenden Händen auf dem Heimweg nachgeholte Kuss ist als universelle, nostalgisch überglänzte Jugenderinnerung genau das, was der Film von Gabriele Muccino sucht, aber allzu selten findet. Denn der erste Kuss ist tatsächlich ein Moment, der sich zunächst als Meilenstein ausgibt, aber zunehmend zur flüchtigen Erinnerung innerhalb eines Lebensabschnitts wird.

Die Freundschaft überstrahlt alles

„Auf alles, was uns glücklich macht“ ist ein bewegtes Fotoalbum solcher Momente. Eine Reise, die vom ersten gemeinsamen Sommer über 40 Jahre bis in die Gegenwart führt. Entsprechend nostalgisch wirkt alles, was in der Jugend des Quartetts passiert. Ihre Freundschaft überstrahlt in der Rückschau alles. Man kauft gemeinsam ein Cabrio, entdeckt auf dessen Rückbank den Körper des anderen Geschlechts, rast über die örtlichen Feldwege und lässt selbst die finsteren familiären Realitäten, etwa Giulios gewalttätigen Vater oder den tragischen Tod von Gemmas Mutter, hinter sich.

Die vier Persönlichkeiten, die sich in diesen Jahren langsam miteinander entwickeln, verstreuen sich bald in der jüngeren italienischen Geschichte. Mit zunehmendem Alter muss der Überschwang der Gefühle dem modernen Arbeits- und Familienleben weichen, das bald vehement seinen Platz einfordert. Der ambitionierte Giulio (Pierfrancesco Favino) steigt mit der ihm gegebenen Härte bald in die Oberschicht auf. Die Träumer Paolo (Kim Rossi Stuart) und Riccardo (Claudio Santamaria) ringen als Lehrer und Schreiber ebenso um ihren Lebensunterhalt wie Gemma (Micaela Ramazotti), die als Kellnerin arbeitet.

Politik und Filmgeschichte werden untergemischt

Die Inszenierung ist sichtlich darum bemüht, die Persönlichkeiten der Hauptfiguren nicht in der Gruppen-, sondern auch in der Gesellschaftsdynamik auszuspielen. Die politische und die Filmgeschichte Italiens werden immer wieder sichtbar untergemischt. Ein Streit zwischen den Freunden eskaliert am Trevi Brunnen, genau dort, wo Marcello Mastroianni und Anita Ekberg für einige legendäre Momente „La Dolce Vita“ genossen. Später glaubt der Film an den Aufbruch durch die Fünf-Sterne-Bewegung, der sich Riccardo als prominente Figur anschließt, und hält schließlich, in einem etwas befremdlichen Moment, inne, um die Anschläge auf das World Trade Center auf den Fernsehbildschirmen zu verfolgen.

Eine wirklich profunde Verbindung zwischen Geschichte und Schicksal gelingt allerdings nie. Die persönlichen Umbrüche stehen in Reih und Glied nebeneinander, während die Geschichte in der Peripherie vorbeirauscht. Die Höhepunkte-des-Lebens-Dramaturgie, nach der Muccino die Lebensläufe seiner Hauptfiguren ausrichtet, macht „Auf alles, was uns glücklich macht“ letztlich zu einem sehr flachen Film. Anders als „Wir waren so verliebt“ (1974) von Ettore Scola, an dessen Struktur sich Muccino anlehnt, gibt es keinen gemeinsamen politischen Hintergrund und keinen Verlust, den man zurückblickend gemeinsam betrauern könnte, aber auch keinerlei Vertiefung – sei es ins Private oder Politische.

Schon wartet der nächste Meilenstein

Der melancholische Blick in die Vergangenheit findet keine Risse, keine Kerben und damit auch keinen Halt auf der von vier Freunden geteilten Zeitleiste. Nie scheint genug Platz zu sein, um einen intimen oder historischen Moment in seiner ganzen Größe auffalten zu können. Denn schon in der nächsten Szene wartet der nächste Meilenstein, der oft Jahrzehnte hinter dem letzten liegt. Die Ekstase ist verflogen, der Konflikt vergessen und der Verlust überwunden. Heirat und Scheidung, Geburt und Tod, Streit und Versöhnung stehen gleichberechtigt nebeneinander – alles ist ein Highlight, nichts ist ein Höhepunkt.

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