Abenteuer | Deutschland 2020 | (8 Folgen) Minuten

Regie: Markus Goller

Eine achtteilige Serie um ein aus dem Ruder laufendes Resozialisierungsprojekt: Durch eine erlebnispädagogische Maßnahme in den Alpen sollen einige junge Kriminelle ihren Sinn für Gemeinschaft und Solidarität stärken. Doch dann wird eines Nachts ein Bergführer und Betreuer ermordet aufgefunden. Die Gruppe gerät in Panik und flieht aus Furcht vor Konsequenzen in die Berge, wo sie eine unerwartete Bedrohung erwartet. Während jede Folge den Background einzelner Figuren aufrollt, entwickelt sich die Gegenwartserzählung vom klassischen Whodunit zum Sozialexperiment à la „Der Herr der Fliegen“. Die Chance auf Besserung wird dem menschlichen Hang zur Gewalt entgegengesetzt, als sich die jungen Menschen abseits aller regulatorischen Mechanismen selbst organisieren müssen. Trefflich besetzt, spannend und bildgewaltig, nimmt die Serie zwar einige Logikbrüche und Klischees in der Figurenzeichnung in Kauf, fasziniert aber im Ganzen als souveräne Mischung aus Abenteuer und soziologischer Versuchsanordnung. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Markus Goller · Lennart Ruff
Buch
Arne Nolting · Jan Martin Scharf · Klaus Wolfertstetter
Kamera
Christian Stangassinger · Jan-Marcello Kahl
Musik
Volker Bertelmann
Darsteller
Emma Drogunova (Kim) · Merlin Rose (Ron) · Rouven Israel (Marvin) · Béla Gabor Lenz (Justin) · Maria Dragus (Lindi)
Länge
(8 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Abenteuer | Science-Fiction | Serie

Eine achtteilige Drama-Abenteuer-Serie um ein aus dem Ruder laufendes Resozialisierungsprojekt für jugendliche Straftäter: Nach einem Mord setzen sich die jungen Teilnehmer eines pädagogischen Camps in den Alpen in die Wildnis der Berge ab.

Diskussion

Immer klarer dringt das Geschrei aus der Dunkelheit heraus. Erinnerungsfetzen blitzen auf. Eine junge Frau starrt auf ihre blutige Hand und auf die kämpfenden Männer direkt vor ihr. Verwirrung und Aggression liegen über den nächtlichen Bildern – und die Gewissheit: Hier ist etwas gründlich schiefgelaufen. Ein Schnitt, und das Bild taucht in die taghellen Totalen eines schroffen Gebirgsmassivs. Unten auf der dicht bewaldeten Bergstraße verfolgt die Kamera einen großen Reisebus, wie ein Vogel.

Nicht von ungefähr erinnert diese Anfangsszene an den Beginn von „Shining“ mit der Anreise der Familie Torrance zum Overlook-Berghotel. Hier fand Stanley Kubricks Versuchsanordnung einer von jeder zivilisatorischen Kontrolle abgeschnittenen Kleinstformation statt: Vater, Mutter, Kind – Axt.

In der Serie „Wild Republic“ sind es dagegen zehn straffällige Jugendliche, die sich im Rahmen eines Resozialisierungsprogramms in die Wildnis der Südtiroler Alpen begeben. Acht Wochen „erlebnispädagogische“ Outdoor-Erfahrung sollen für eine Rückbesinnung auf das bessere Selbst sorgen – so zumindest hofft es der Psychologe Lars Sellien, der mit seiner Freundin Rebecca, einer Sozialpädagogin, das Projekt angestoßen hat. „Strafe? Neue Wege der Erziehung“ heißt sein in Talkshows gehyptes Buch.

Sellien delegiert von zu Hause aus. Die (heimlich schwangere) Freundin ist vor Ort als Betreuerin dabei. Gleich zu Beginn schickt sie einen der Jugendlichen nach Hause, als der schon auf den ersten Metern die junge Kim attackiert. Kim versteckt sich hinter ihrer coolen Fassade und ist doch tief verletzt, so wie alle anderen Teilnehmenden. Die Liebe zu einem anfänglich charmanten "Loverboy" und zu ihrem behinderten Bruder ließen die junge Frau in die Prostitution und dann in die aktive Mitarbeit bei einem Menschenhändlerring abrutschen.

Strafe? Neue Wege der Erziehung

Jede der acht Episoden rollt im Stil der Isolations-Serie „Lost“ die Hintergrundgeschichten der Protagonisten in Rückblenden auf: Anführer-Typ und Millionärssohn Ron wollte als Öko-Aktivist dem System den Stecker ziehen, schlug dann aber bei einer Protestaktion einen Sicherheitsbeamten versehentlich zum Krüppel. Genauso affektiv und unglücklich waren die brutale Übersprungshandlung des etwas rundlichen Außenseiters Marvin und der Autounfall der drogensüchtigen Influencerin Jessica. Was diese jungen Menschen vereint, ist das Bedürfnis dazuzugehören, geliebt zu werden oder sich vom schädlichen Einfluss ihrer Herkunft abzukoppeln.

„Wild Republic“ stellt dabei gleich zu Anfang die zentrale Frage, ob Bestrafung überhaupt das richtige Mittel sein kann, um Straftäter wieder auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Oder ob Bestrafung nicht ein ums andere Mal dazu führt, den einmal falsch eingeschlagenen Pfad noch breiter auszutreten. Niemand wird böse geboren. Die Umstände, die Verzweiflung und vermeintliche Ausweglosigkeit in einer Notlage führen zu Missetaten – so die Grundprämisse von Sellien, die sich scheinbar auch die Erzählung zu eigen macht.

Ein Mord und seine Folgen

Dann passiert etwas Undenkbares: Ein Bergführer, der den türkischstämmigen Can zuvor noch als „Kanake“ beschimpft hat, wird am Rand des Zeltplatzes tot aufgefunden. Die Situation eskaliert. Die Jugendlichen, die Zeit ihres Lebens ungerecht behandelt wurden, überwältigen die Aufseher. Einer nimmt Rebecca als Geisel. Die anderen ziehen überfordert mit. Die jungen Menschen flüchten in die Wildnis und finden eine abgelegene, von Bergarbeitern zurückgelassene Höhle, in der die Karten des brisanten Soziotops neu gemischt werden.

Auf der einen Seite folgt die Serie unter der Regie von Markus Goller und Lennart Ruff dem klassischen Whodunit. Dicht und intensiv inszeniert, konfrontiert die Serie die Jugendlichen nicht nur mit der lebensfeindlichen Umwelt des Gebirgsmassivs, sondern auch mit der lauernden Gefahr im Gegenüber, der Ungewissheit, wer denn nun den Mord an dem Bergführer begangen hat. Die Suche nach dem Täter wird jedoch bald von der Versuchsanordnung einer Parallelgesellschaft abgelöst, in der vermeintlich alle gleich sind. Die jungen Straftäter sanktionieren Fehlverhalten in der Gruppe mit drakonischen Strafen und reproduzieren damit die selbst erfahrene Abstufung. Die Hierarchien sollten flach sein. Sie werden aber immer spitzer.

Gruppendynamik fern von Eltern und Staat

Die Frage, was passiert, wenn die schützende oder auch strafende Hand von Eltern und Staat keinen Einfluss mehr auf die Entwicklungen in einem Sozialgefüge hat, legt den Vergleich mit „Der Herr der Fliegen“ nahe. Nur dass es in William Goldings 1954 erschienenem Roman sechs- bis zwölfjährige Kinder waren, die ganz auf sich allein gestellt, fernab von Recht und Gesetz, zu marodierenden Wilden werden. Das Recht des Stärkeren und der Hang zu Gewalt wurde als fundamental für Menschen konstatiert. Nun sind die Einwohner der neu gegründeten „wilden Republik“ allerdings nochmal deutlich älter – und haben ihren Sündenfall bereits hinter sich.

Was könnte im Genre der Jugendserie auch spannender sein, als Gruppendynamiken unter die Lupe zu nehmen – in einer Zeit, in der das Ausloten des eigenen Selbst in der Gemeinschaft einen so großen Teil des Denkens und Fühlens ausmacht? Die Besetzung der jungen Figuren ist dabei so trefflich geraten, dass mancher logische Bruch und manche Überzeichnung unter der Flagge der Diversität zu verschmerzen sind. Verfolgungsszenen verstolpern sich im Raum-Zeit-Kontinuum. Ein gefundenes Smartphone läuft tagelang ohne Akku und Strom. Und Jugendliche, die Sellien zuvor noch als völlig unfähig zu Mordtaten beschrieb, lassen sich plötzlich eben dazu hinreißen. Auch wenn manche Figur arg am Klischee entlangschrammt, entfaltet sich ein auf Spannung gebürsteter Überlebenskampf in der „Wildnis des Miteinanders“ – mit beeindruckenden Totalen auf das Gebirgsmassiv und einer dicken Portion Grusel, als herauskommt, dass einer nicht der ist, als der er sich ausgibt. Ein ausgewachsener Psychopath konnte sich unerkannt in die Resozialisierungsmaßnahme einschleusen und löst damit eine gänzlich neue Dynamik aus.

Wird auf der einen Seite die Existenz des Bösen verneint, wird sie hier in der Pathologisierung einer einzelnen Figur eben doch konstatiert. Im Krankheitsfall des eiskalt manipulierenden und von Kindesbeinen an bösartigen Soziopathen weicht „Wild Republic“ die eigene philanthropische Richtschnur auf. Das pure Böse gibt es eben doch – von der Natur gezeugt, in der Wildnis der Natur wieder hervorbrechend. Oder etwa nicht?

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