Komödie | USA 2021 | 134 Minuten

Regie: Craig Gillespie

Ein rebellisches Mädchen wächst in London in der Obhut zweier diebischer Brüder auf. Als junge Frau steigt es in die Modebranche ein, muss jedoch erkennen, dass ihre ehrgeizige Chefin rücksichtslos die Ideen ihrer Mitarbeiter ausbeutet, und wird darüber zu deren Konkurrentin. Eine komödiantische Erzählung des Werdegangs der Erzschurkin Cruella de Vil aus dem Zeichentrickfilm „101 Dalmatiner“, die sich vom missverstandenen Kind zur genialisch-diabolischen Mode-Ikone entwickelt. Der schauprächtige Film kann die Wandlung der Protagonistin psychologisch nur bedingt glaubhaft machen, besticht aber durch ein Feuerwerk der Attraktionen, das sich eher an Erwachsene richtet. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
CRUELLA
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Craig Gillespie
Buch
Dana Fox · Tony McNamara
Kamera
Nicolas Karakatsanis
Musik
Nicholas Britell
Schnitt
Tatiana S. Riegel
Darsteller
Emma Stone (Estella / Cruella de Vil) · Emma Thompson (Baroness von Hellman) · Mark Strong (Boris) · Joel Fry (Jasper Badun) · Paul Walter Hauser (Horace Badun)
Länge
134 Minuten
Kinostart
27.05.2021
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 12.
Genre
Komödie | Krimi

Schauprächtiger Film über die Jugend der späteren „101 Dalmatiner“-Erzschurkin Cruella De Vil als Waisenkind und ehrgeizige Konkurrentin einer skrupellosen Modezarin.

Diskussion

„Man sagt, es gäbe fünf Arten der Trauerbewältigung: Leugnen, Wut, Verhandeln, Depression und Hinnahme. Nun, ich möchte eine hinzufügen: Rache!“

Estella (Tipper Seifert-Cleveland, später Emma Stone) ist wahrlich keine einfache Persönlichkeit. Die Zeit im Internat war der Horror – zumindest für ihre Mitschüler. Immerhin hatte sie die fürsorgliche Catherine de Vil (Emily Beecham), die das Schlimmste von dem so häufig missverstandenen Teenager fernhielt – jedenfalls dachte das Mädchen so. Doch plötzlich ist Estellas Mutter tot. Durch ein tragisches Missgeschick liegt sie da, zerschellt auf den Klippen am Fuße des mächtigen Anwesens ihrer Arbeitgeberin Baroness von Hellman (Emma Thompson). Ein Unfall?

Estella wird die Wahrheit erst zehn Jahre später erfahren und ihre Rache wird furchtbar und perfide. Zuvor begleiten wir die Waise aber noch ein wenig auf ihrem Weg des Erwachsenwerdens im London unsere Tage. Ein wenig haben sich die Drehbuchautoren Dana Fox und Tony McNamara in der Anfangsphase ihres Films schon von Dickens’ „Oliver Twist“ inspirieren lassen. Nur, dass der diabolische Fagin und der drakonische Bill Sykes ein wenig mit der Persönlichkeit des unschuldigen Oliver verschmolzen sind, um final zur unberechenbaren Cruella werden zu können. Die „Coming of Age“-Geschichte eines Mädchens mit Hang zur Meisterdiebin wird so zum Tagebuch eines angehenden Ungeheuers.

Die Jugend eines angehenden Monsters

So muss es auch sein, denn Estella, die sich später Cruella und noch später teuflisch Cruella De Vil nennen wird, ist eine der fiesesten Personen der Filmgeschichte. Wer jemals Walt Disneys Trickfilm 101 Dalmatiner gesehen hat, weiß es. Anderenfalls sollte man dies vielleicht noch schnell nachholen, bevor man sich den pfefferscharfen Genüsslichkeiten hingibt, die das 134-minütige Feuerwerk der Eitelkeiten in dem sehr weit gefassten Prequel „Cruella“ bereithält. Wie sie zu dem wurde, was sie wurde, ist aber nur ein Teil der Geschichte von Craig Gillespies Realfilm. Zunächst lernt das Mädchen seine zweieinhalb einzigen Freunde kennen und wir die wertvollen Sidekicks, die es in einem Disney-Film nun mal benötigt. Dies sind der tumbe, aber bauernschlaue Horace (Paul Walter Hauser), der treuselige, aber mit allen Wassern des Kleinkriminellen-Daseins gewaschene Jasper (Joel Fry) und Wink, die kleine raue und gewitzte Promenadenmischung, die weiterweiß, wenn keiner sonst es tut. In dieser Konstellation könnte es weitergehen, könnten Abenteuer bestanden werden, bis irgendein reicher Gönner das Mädchen aus der Gosse fischt und alle glücklich werden können. Doch der Film ist keine unbeschwerte Kinderunterhaltung. Immerhin wird Cruella nicht überleben, wie sie schon gleich in ihrem ersten von vielen Off-Kommentaren nebulös prophezeit.

Doch vor dem Ende steht noch der genüssliche Aufstieg einer Frau in die Annalen der Bösewicht-Geschichte an. Und der geschieht mit Nadel und Faden, mit Zeichenblock, Filzstift, farbiger Kohle, Schnittmusterbogen, auserlesenem Zwirn, unbändiger Kreativität und spitzer Zunge. Mode ist das Zauberwort oder vielmehr die abgefahrenste Couture, die man sich jenseits von Twiggys und Audrey Hepburns Sixties-Roben nur vorstellen kann. Der Teufel trägt Prada wird hier modetechnisch noch ein wenig exaltierter auf die Spitze getrieben. Die Baroness von Hellman, besagte Arbeitgeberin von Estellas seliger Mutter, ist die Fashion-Queen der Londoner Modewelt. Quasi eine Coco Chanel und Anna Wintour in Personalunion, die mit ihren Kollektionen nichts Geringeres als ein alljährliches Wunder kreiert. Doch die Göttin regiert nicht durch eigene Kreativität, sondern durch gnadenloses Ausbeuten der Ideen ihrer Mitarbeiter.

Der Traum von der Modeschöpferin

Und noch bevor Estella erfährt, wie es wirklich mit ihrem Verhältnis zur Baroness steht, hat sie einen Traum, um der Kleinkriminellen-Karriere zu entfliehen. Mode ist auch ihre Erfüllung, wie sie schon in diversen Coups beweisen konnte. Mit ein wenig krimineller Energie gelingt ihr es, in den engeren Kreis der Grand Lady of Fashion zu gelangen. Die Geschichte könnte abermals ihren Lauf nehmen, sie könnte an der Tyrannei der Baroness wachsen, besser werden und am Ende vielleicht mit einer umjubelten Kollektion den Teufel hinter sich lassen.

Allerdings steht das Ende des Films ja fest. Die doch ganz sympathische Estella muss den Wandel zum menschlichen Monster Cruella De Vil durchlaufen. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, unter dem auch das dramaturgische Gerüst von „Cruella“ schwer zu ächzen und zu knarzen hat. Hier ist „Rache“ nun das Zauberwort, Traumatisierung steht im Nebensatz. Und ein paar „Jekyll & Hyde“-Twists fungieren als Schmiermittel.

Wie durch ein Wunder biegt sich das Gerüst, aber es bricht nicht. Das liegt in erster Linie an der Qualität der Gewerke: Kurzweilig und ereignisreich sind die immer neuen Kleider, mit denen sich Cruella und die Baroness vom Laufsteg fegen, die grotesken aber doch ausgesucht geschmackvollen Kostüme, die ihre Protagonisten so perfekt kleiden. Es sind die Auftritte dieser Kunstwerke zu den Takten der Musik von Ike und Tina Turner, Nina Simone, Queen, den Bee Gees, Supertramp und den Rolling Stones. Kostümdesignerin Jenny Beavan und Musik-Supervisorin Susan Jacobs sind die wahren Helden des Films, Kameramann Nicolas Karakatsanis und Editorin Tatiana S. Riegel stehen ihnen kaum nach. Laune macht auch die Spielfreude von Emma Thompson und Emma Stone. Für putzige Momente, wie sie jeder gute Disney-Film zu bieten hat, sorgt schließlich die bunte Hunde-Crew.

Eher ein Film für Erwachsene

Doch warum Cruella im Alter wirklich so böse wird, dass sie zu jener Hassfigur aufsteigt, die alle Kinder fürchten, das will sich partout nicht schlüssig erzählen lassen. Wenn die perfekt gezündeten optischen und akustischen Nebelkerzen wieder den Blick auf das Eigentliche zulassen, bleibt ein wenig Ernüchterung und Gesichtsmuskelkater ob des mehr als zweistündigen Dauer-Grinsens. Auch jenseits der Länge ist „Cruella“ nichts für Kinder, die die Boshaftigkeiten trotz der Hunde mit Ermüdung quittieren werden. Sie sind mit dem Trickfilm besser bedient als mit dem Prequel. Eltern und Erwachsenen können jedoch einigen Genuss erwarten, vor allem wenn sie sich für vermeintliche Nebensächlichkeiten begeistern können.

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