Mein Freund, der Pirat (2020)

Kinderfilm | Niederlande 2020 | 95 Minuten

Regie: Pim van Hoeve

In einer niederländischen Kleinstadt liegt eines Tages ein Piratenschiff neben den pastellgetönten Wohnblöcken, was hohe Wellen schlägt und hüben wie drüben für Missverständnisse und Verwirrung sorgt. Die Freibeuterfamilie sorgt für einige Aufregung und hat Mühe, sich in die kleinbürgerliche Gesellschaft einzufinden. Die nach einer Kinderbuchreihe entstandene Culture-Clash-Komödie reproduzierte dabei eine Reihe von Stereotypen, unterhält aber mit vielen Gags und einem Happy End, das alle Unterschiede als relativ benennt. Allerdings verheddert sich der als Auftakt einer Reihe gedachte Kinderfilm in seiner etwas zu großen Vielfalt an Themen und Motiven. - Ab 8.

Filmdaten

Originaltitel
DE PIRATEN VAN HIERNAAST
Produktionsland
Niederlande
Produktionsjahr
2020
Regie
Pim van Hoeve
Buch
Sander de Regt
Kamera
Guido van Gennep
Musik
Matthijs Kieboom
Schnitt
Jurriaan van Nimwegen
Darsteller
Matti Stooker (Michiel Brugman) · Samuel Beau Reurekas (Billy Donderbus) · Celeste Holsheimer (Elizabeth Daandels) · Egbert Jan Weeber (Hector Donderbus) · Tygo Gernandt (Knochiger Cornelius)
Länge
95 Minuten
Kinostart
19.05.2022
Pädagogische Empfehlung
- Ab 8.
Genre
Kinderfilm | Literaturverfilmung

In einem beschaulichen niederländischen Kleinstädtchen geht eines Tages ein Piratenschiff vor Anker. Die Freibeuterfamilie sorgt für einige Aufregung und hat Mühe, sich in die kleinbürgerliche Gesellschaft einzufinden.

Diskussion

Eigentlich ist Sandberg ja eine mehr als beschauliche Siedlung direkt am Meer. Was an einem normalen Tag dort so passiert? „Zweimal Ebbe, zweimal Flut“, sinniert Michael (Matti Stooker) gelangweilt. „Oh, und eine Windböe.“ Seit sein bester Freund weggezogen ist, ist es furchtbar langweilig. Doch eines Morgens liegt ein Piratenschiff direkt neben dem Haus! Darin wohnen Betsie und Hector Donnermann (Sarah Janneh, Egbert-Jan Weeber) mit ihrem Sohn Billy (Samuel Beau Reurekas) und dem Großvater (Peter van Heeringen), dem nicht nur ein Name, sondern auch einige Körperteile fehlen, so wie man es von einem Piraten wahrscheinlich erwartet. Mit dabei sind außerdem der Oktopus Freddy, der Papagei Papagei und, im Wasserbassin rund ums Schiff: Roy, „der beste Wachhai der westlichen und der südlichen Hemisphäre“.

Der Nachtisch zuerst

„Wir beginnen immer mit dem Nachtisch. Ist doch schade, wenn man nach dem Essen keinen Platz mehr dafür hat“, heißt es auf dem Piratenschiff. Diese Botschaft ist klar: Hier legt man großen Wert auf die schönen, angenehmen Dinge des Lebens. Da gehört es auch zum guten Ton – „zu unserer Kultur“ –, anschließend einen schönen Rülpser von sich zu geben.

Es geht also recht schräg zu in „Mein Freund, der Pirat“ (nicht zu verwechseln mit dem hierzulande gleichlautenden bulgarischen Film von 1981, der Tarsem Singh zu „The Fall“ inspirierte) und außerdem ziemlich locker. Die Piratenfamilie wirkt fröhlich aus der Zeit gefallen, wie aus einem Historienfilm in eine nicht ganz zeitgenössische Kleinstadtsiedlung verpflanzt: hier ein knarziges Holzschiff mit ausziehbaren Ferngläsern und Schatzkiste, dort endlose Supermarktgänge mit Kühlregal und mindestens sechs verschiedenen Sorten Milch.

Drehbuchautor Reggie Naus hat seine eigene Buchserie „De Piraten van Hiernaast“ für die Leinwand adaptiert und in die bewährten Hände von Pim van Hoeve gelegt, von dem schon die „Dummy, die Mumie“-Adaption mit ihren bislang zwei Fortsetzungen stammt. Auch für „Mein Freund, der Pirat“ gibt es schon eine Fortsetzung („De piraten van hiernaast: De ninja’s van de overkant“), die seit April 2022 in den niederländischen Kinos läuft.

Culture-Clash hüben wie drüben

Naus und van Hoeve legen die Geschichte vor allem als Culture-Clash-Komödie an, mit braven, pastellfarbenen, sehr rechteckigen bis quadratischen Wohlstandshäuschen und einem in jeder Hinsicht ausgreifenden Schiff; passend dazu sind auch die Persönlichkeiten entworfen. Die verklemmte Nachbarin wird vor Scham fast ohnmächtig, als sie sich nach dem Piratenmahl dann doch einen kleinen Rülpser entlocken kann.

Die ungelenken Eingliederungsversuche der Familie in die bürgerliche Gesellschaft sind höchst amüsant. Wie funktioniert das mit dem Einkaufen im Supermarkt oder dem Geldverdienen? Das lässt reichlich Raum für kleine Gags. Aber auch für einige Ambivalenzen. Denn in den Pastellblöcken wohnt natürlich das weiße Bürgertum in seinen unterschiedlichen Facetten von komplett spießig bis entspannt offen für Neues. Die Piratenfamilie ist sehr deutlich als „das Andere“ markiert, mit wilden, bunten Klamotten, unaufgeräumten Frisuren und unterschiedlicher Herkunft – die Mutter ist schwarz, der Vater tief sonnengebräunt.

„Mein Freund, der Pirat“ nutzt für seine Figuren eine durchaus schwierige Mischung von Stereotypen. Die freundliche Koexistenz, die der Film dann als Happy End in Aussicht stellt, ermöglicht immerhin die Perspektive, dass Unterschiede nicht Gegensätze sein müssen; die auch historisch durchaus problematischen Motive werden aber weder an- und ausgesprochen noch wirklich entschärft.

Der Film nimmt sich zu viel vor

Die Hauptschwierigkeit ist allerdings, dass „Mein Freund, der Pirat“ sich insgesamt zu viel vornimmt. Es geht nicht nur um den „kulturellen“ Konflikt, der sich auch weniger im Rülpsen nach dem Essen äußert, sondern auch noch um eine mögliche Freundschaft zwischen Michael und Billy, um die Frage, ob Mädchen – namentlich Michaels Nachbarin Elisabeth (Celeste Holsheimer) – eigentlich gleichwertig Piratinnen sein können, und schließlich kommt auch noch der Erzfeind der Donnermanns ins Spiel, der Knochige Cornelius (Tygo Gernandt).

Die Vielfalt der Motive ist vermutlich der Vorlage mit ihren zahlreichen Büchern geschuldet; Naus wollte vermutlich auch für künftige Filme schon mal alle Themen und Personen eingebunden haben. Im ersten Film entsteht so ein überladener und unfokussierter Eindruck, zumal in einem Land, in dem die Buchreihe nicht weiter bekannt ist.

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