Liebesfilm | Deutschland 2021 | 131 (fünf Folgen) Minuten

Regie: Benjamin Gutsche

Eine Serie um vier unterschiedliche homosexuelle Männer in Berlin, die auf ihre Weise alle nach Liebe und Geborgenheit suchen. Dabei droht eine langjährige Beziehung plötzlich zu zerbrechen, ein finanzieller Schuldenberg wächst unaufhörlich, ein Lebenstraum platzt und die große Liebe bleibt unerwidert. Während die Figuren und Dialoge durchaus authentisch wirken, kommt die Handlung nicht über das Niveau einer Vorabend-Soap-Opera hinaus. Das führt zu der banalen, aber noch längst nicht selbstverständlichen Erkenntnis, dass die Liebe unabhängig von der sexuellen Orientierung bei allen Menschen gleiche Probleme heraufbeschwören kann. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Benjamin Gutsche
Buch
Benjamin Gutsche
Kamera
Felix Poplawsky
Musik
Chris Bremus
Schnitt
Regina Bärtschi · Günter Schultens
Darsteller
Benito Bause (Vince) · Frédéric Brossier (Robbie) · Arash Marandi (Levo) · Christin Nichols (Sarina) · Mads Hjulmand (Tom)
Länge
131 (fünf Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Liebesfilm | Serie

Eine Serie um vier unterschiedliche homosexuelle Männer in Berlin, die auf ihre Weise alle nach Liebe und Geborgenheit suchen.

Diskussion

Unique. Gay. Das sind die Untertitel, mit der die Serie „All You Need“ in der ARD beworben wird. Damit wagt sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen in die noch ungewohnten Gewässer der (sexuellen) Vielfalt abseits des heterosexuellen Mainstreams, denn die vier Protagonisten sind schwul. Zwar hat es die Serie nicht ins Hauptprogramm geschafft, aber in digitalen Zeiten reicht auch die Mediathek. Notfalls kann man beim Sender One die fünf halbstündigen Episoden an zwei getrennten Abenden analog mitverfolgen.

Wobei sich „All You Need“ gut an einem Stück bewältigen lässt. Die Figuren sind auf charmante Weise eigenwillig, sodass man gerne an ihrem hippen Berliner Großstadtleben teilnimmt. Da ist der Medizinstudent Vince (Benito Bause), der „Typen wechselt wie Unterhosen“, sich aber von der Beziehung mit Robbie (Frédéric Brossier) die große Liebe erhofft. Und da ist Vinces Ex-Mitbewohner Levo (Arash Marandi), der mit seinem erst spät geouteten Partner Tom (Mads Hjulmand) zusammen in die Vorstadt zieht. Levos iranische Eltern, vor allem sein Vater, sind angesichts des Umzugs eher skeptisch. Tom wiederum muss seine neue Identität und die Beziehung mit Levo in Einklang mit seinem Sohn bringen.

Reden und Lachen über Sex

Same same but different. Dieser Spruch trifft nicht nur auf verschiedene Kulturen zu, sondern auch auf unterschiedliche sexuelle Orientierungen. Dass das Dating- und Sex-Leben bei den Figuren unterschiedlich abläuft, zeigt sich schon zu Beginn, wenn Vince im Schlafzimmer „Dickpics“ mit dem Handy verschickt, die beiden Mitbewohner Levo und Sarina hereinplatzen und nicht amüsiert sind, vor allem Sarina nicht – „Aber jedem sein Fetisch!“. Alle können darüber lachen, und in diesen Momenten wirkt „All You Need“ authentisch unangestrengt und entspannt.

Es wird mit einer Selbstverständlichkeit über Sex geredet, die vor dem Hintergrund der #actout-Kampagne zeitgemäß erscheint - Anfang dieses Jahres haben zahlreiche Schauspieler*innen aus der deutschen Film-, Fernseh- und Theaterbranche gemeinsam ein mediales Coming-Out lanciert. Auch in „All You Need“ sind vor und hinter der Kamera Kreative aus der Community vorbildlich proportional zum Inhalt vertreten, unter anderem der Regisseur und Autor Benjamin Gutsche. Auch deshalb wirken die Dialoge und die Konflikte sehr natürlich.

Wobei sich die Konflikte aber auch gender-neutral lesen lassen, da sie auch für ein Hetero-Publikum interessant sind. Levo ringt etwa damit, eine Beziehung zu dem Sohn seines Freundes aufzubauen. Doch der blockt. Da hilft es nicht einmal, dass der zartbesaitete Levo sich zum Paintball-Spielen überreden lässt. Als Stiefelternteil ist man immer der Böse.

Vince wiederum hat Schwierigkeiten, mit Robbie Intimität im Sinne von Vertrauen aufzubauen – ein klassisches Problem der Generation Tinder und Grindr. Robbie erzählt ihm nicht, dass die Trennung von seinem Ex mit einem Faustschlag endete, und Vince wiederum nicht von seinem Seitensprung.

Rassismus im deutschen Alltag

Außerdem gelingt es der Serie, Sexualität mit anderen Parametern aus dem deutschen Alltag zu verknüpfen, etwa Rassismus. Vince erlebt einige unschöne Momente. Von einer fremden Frau im Kaufhaus muss er sich anhören: „Da wo Sie herkommen, macht man das vielleicht so.“ Und von einem Security-Mann wird er nach dem Kassenzettel gefragt. Das führt zu einer kleinen Krise zwischen Vince und Robbie, der sich als weißer, durchtrainierter „Cis“-Mann nicht in die Lage seines Freundes hineinversetzen kann. Aber die Versöhnung lässt nicht lange warten. Robbie bestellt sich ein Buch mit dem Titel „Exit racism“.

An solchen Stellen bleibt „All You Need“ manchmal nur auf Vorabend-Soap-Opera-Niveau, wenn mit Sätzen wie „Ich wollte dich nicht verletzen“ Probleme beschwichtigt werden, die zuvor mit erhobenem Zeigefinger exponiert wurden. Auch wirkt es etwas halbgar, wenn die Serie versucht, #MeToo in einer Nebenhandlung und mit Sarina eine Frau als Nebenfigur unterzubringen, ohne sich Zeit für eine angemessene Thematisierung zu nehmen.

Manche Sidekicks bleiben blass oder verschwinden grundlos. Was ist mit dem israelischen AirBnB-Gast bei Vince, der als frischer Single in der Ferienwohnung trauert? Was passiert mit Robbies Exfreund nach der Prügelei? Und was macht Sarina, außer schwanger zu werden und ein Jahr später das Kind von der Kita abzuholen?

Große Fragen des Lebens

Was „All You Need“ fehlt, zeigt ein Vergleich mit der Serie „Pose“, in der es um eine queere Gruppe von „People of Color“ im New York der 1980er-Jahre geht. Im Zentrum der ersten Staffel steht die große Frage, wie schwierig es ist, das „wahre“ Ich in einer Welt zu finden, in der Körper zwangsläufig mit „falschen“ Normen und Erwartungen verknüpft sind. In der zweiten Staffel geht es darüber hinaus darum, wie sich der oder die Einzelne zur Gemeinschaft verhält, wenn sich sowohl das Individuum als auch das Kollektiv zu den Marginalisierten zählen.

Solche Episoden überspannende Themen fehlen in „All You Need“. Die Figuren machen alle ihr eigenes Ding. Der Radius reicht vom Büro über den Minigolfplatz bis hin zur schwulen Sauna. Meistens arbeiten sie; Vince lernt fürs Studium und dazwischen wird ausgiebig gefeiert. Die Partyszenen wirken durch das Set- und Licht-Design sowie durch den großartigen Soundtrack durchaus hochwertig. Doch für die A-Liga reicht die Oberfläche nicht. Alle suchen nach Nähe und gleichzeitig nach Selbstentfaltung, was zu den meisten Liebes- und Eifersuchtskonflikten führt. Darin unterscheiden sich Schwule nicht im Geringsten von Heteros. Diese Erkenntnis ist zwar banal, aber nicht selbstverständlich. Immerhin bekennt sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen damit zur Regenbogen-Farbe.

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