Komödie | USA 2021 | (acht Folgen à ca. 30) Minuten

Regie: Jenée LaMarque

Vier afroamerikanische Freundinnen aus Harlem versuchen Beziehungsleben, Karriere und kulturelle Identität unter einen Hut zu bekommen. Die scharfzüngige Serie lehnt sich an die Sitcom „Sex and the City“ (1998-2004) an, die um vier weiße Frauen von der Upper East Side in New York kreiste. Im Unterschied dazu werden aber nicht nur Geschlechterrollen und -beziehungen auf den Prüfstand gestellt, sondern auch Herkunfts- und Klassendynamiken im Zentrum der afroamerikanischen Kultur beleuchet. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
RUN THE WORLD
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Jenée LaMarque · Justin Tipping · Nastaran Dibai · Millicent Shelton
Buch
Leigh Davenport
Kamera
Mauricio Rubinstein
Musik
Robert Glasper
Schnitt
Elizabeth Merrick · Marnee Meyer
Darsteller
Amber Stevens West (Whitney) · Andrea Bordeaux (Ella) · Bresha Webb (Renee) · Corbin Reid (Sondi) · Tosin Morohunfola (Olabisi "Ola" Adeyemo)
Länge
(acht Folgen à ca. 30) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Komödie | Serie

Eine schwarze Antwort auf „Sex and the City“: Eine scharfzügig-humorvolle Serie um eine afroamerikanische Freundinnen-Clique, die im New Yorker Stadtteil Harlem lebt, liebt und arbeitet und kämpferisch-stolz ihre Identität als schwarze Frauen neu bestimmt.

Diskussion

Wer an New York als Hauptstadt der Welt denkt, denkt an Liberty Island, Wall Street und die Upper East Side. „Run the World“ denkt ein Stückchen weiter. Genauer gesagt, ein kleines Stückchen weiter nördlich. Das Zentrum der Welt heißt hier Harlem. Drehte sich „Sex and the City“ (1998-2004), jene Serie, an der sich Showrunnerin Leigh Davenport ausrichtet, reibt und abarbeitet – noch um die Apartments, Stadthäuser und Cocktailbars des südlichen Manhattans, kreisen die Wege der Protagonistinnen in "Run the World" um das „Swing Low“ genannte Harriet-Tubman-Denkmal im mittlerweile gentrifizierten Zentrum der afroamerikanischen Kultur.

Ein großes soziales Gefälle zwischen dem Quartett der schwarzen Frauen aus Harlem und ihren fast zwanzig Jahre älteren Vorgängerinnen in der Upper East Side gibt es nicht. Ella, Renee, Sondi und Whitney sind nicht weniger stylish, smart und erfolgreich. Doch im neuen geografischen Bezugsrahmen, der zugleich ein kultureller ist, gewinnt das ursprüngliche „Vier High-Society-Ladys erobern New York“-Format eine neue Dynamik: weniger Manolo Blahnik, mehr Beyoncé, mehr Ralph Ellison, mehr Harriet Tubman, mehr Party und sehr viel mehr Konfliktpotenzial.

Herkunfts- und Klassenfragen

Denn obgleich die Figuren als Schriftstellerin, Geschäftsfrau, Geisteswissenschaftlerin oder Investmentbankerin erfolgreich sind, hält das keinen Spinner aus der Peripherie davon ab, neben dem Harriet-Tubman-Denkmal eine Kanonade rassistischer Beleidigungen abzulassen. Es ist genau dieser Zwischenraum aus „schwarzer“ Geschichte, der tief in der eigenen Community verwurzelten Identität und dem im eigenen Leben erworbenen Status, den „Run the World“ einzukreisen versucht.

Neben den bekannten und erprobten dramaturgischen Fragen „Wer mit wem?“ treffen auch Herkunfts- und Klassenfragen aufeinander – und zwar ohne wie ein störendes Gewicht am humoristischen Grundton zu hängen. In Renees Scheidungsstreit etwa – eine der schönsten Szenen der Serie – wächst alles auf denkbar komische, absurde Weise zusammen. Renees Mann, der eine Karriere als Musikproduzent einer völlig unbekannten Band verfolgt, schmeißt nicht nur seinen Job im Finanzwesen hin, sondern offenbart zugleich, dass er die Band mit dem gemeinsamen Ersparten durchfüttert. Als Renee ihn konfrontiert, verirren sich seine Ausflüchte in eine haarsträubende Argumentationslinie, die versucht, seine vorigen Arbeitsverpflichtungen als Kontinuitätslinie zur Sklaverei darzustellen, woraufhin sie die Schrank- und Kühlschranktüren in der Wohnung aufreißt, um herauszufinden, wie die Sklaverei sich in den Streit hineingeschlichen hat.

Dynamische Erzählung & ästhetische Gimmicks

Was „Run the World“ jenseits der kulturellen Verlagerung und den Darstellerinnen, die ihr mit sichtbarer Spielfreude folgen, zum faszinierenden Amalgam aus „Sex and the City“ und „Girlfriends“ macht, ist das wesentlich dynamischere Format. Der grob gezeichnete Plot, der auf eine Hochzeit, eine Scheidung und die Wiederaufnahme einer früheren Beziehung zusteuert, wird nicht nur regelmäßig mit unzähligen Varianten von Partys (Karaoke-Abend, Clubnacht, Alkoholfrühstück und Tanzen im Park) und den dazugehörigen ästhetischen Gimmicks (Zeitlupen, Point-of-View-Shots und Protagonisten-zentrierte Steadicam) ausstaffiert, sondern nimmt sich eine ganze Episode Zeit, den Protagonistinnen ihre Egoismen und Eitelkeiten in einer Therapiesitzung bei Rosie O’Donnell um die Ohren zu hauen.

„Run the World“ ist dort am besten, wo sich individuelle Eitelkeit, Exzentrik und schwarze Geschichte auf gleichermaßen gefährliche und komische Weise nahekommen. Wenig überraschend spielt Sex als intimster Begegnungsraum hier die entscheidende Rolle. Wenn Ella ihren Freundinnen erzählt, sie habe beim ersten Versuch, im Doggie-Style mit einem weißen Mann zu schlafen, Harriet Tubmans Stimme gehört, ist das ihr Humor, ihre Eitelkeit, aber eben auch genau der Punkt, an dem sie an eine persönliche, intime Grenze stößt, von der sie bisher nie etwas wusste. Wenn sie das dritte Mal in Folge den Versuch startet, den Schriftsteller-Kollegen abzuschleppen, die Liebesnacht aber erneut scheitert, ist das nicht ein Teil des Puzzles, wer ihr Mann fürs Leben, wer ihr „Mr. Big“ sein könnte, sondern eben auch ein Ausdruck für Ellas überhasteten Versuch, alle potenziellen „Katastrophen“ ihres Lebens (die Karriere, die nicht steil genug verläuft und das Privatleben, das eben noch nicht Party, Freundinnen und die perfekte Beziehung unter einen Hut gebracht hat) in einer berauschten Nacht zusammenzukitten.

Sex ist nicht nur der Hintergrund, vor dem die eigentlich wichtigen Dinge passieren, sondern der einzige Moment wirklicher Verwundbarkeit, der die Geschlechts-, Herkunfts- und Klassendynamiken sichtbar macht, die im Alltag verborgen bleiben. Die vier Ladys aus Harlem haben also nicht unbedingt mehr Sex als ihre Vorgängerinnen aus der Upper East Side. Aber definitiv den besseren.

Kommentar verfassen

Kommentieren