Lu von Loser

Komödie | Deutschland 2021 | 87 Minuten

Regie: Alice Gruia

Eine Webserie aus kurzen Episoden über eine schwangere Sängerin, die ihrer etwas unreifen Protagonistin bei deren Abwehrkampf gegenüber der Mutterrolle folgt. Dabei wirft sie einen erfrischend mitleidlos-ehrlichen Blick auf die Protagonistin inklusive der unsympathischen, destruktiven Seiten. Das kleine Format überzeugt durch pointierte Figurenzeichnungen und schön beobachtete, skurrile Alltagsbegegnungen, aber auch substanzielle Themen wie die postnatale Depression. Das gelungene Nebeneinander von schmerzhafter Realität, trocken-schwarzem Humor und kreativen formalen Lösungen wird durch die stimmig komponierte Musik abgerundet. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Alice Gruia
Buch
Alice Gruia
Kamera
Thorsten Schönrade
Musik
Tom Ashforth
Schnitt
Vlad Litvak · Rafael Maier · Hamed Mohammadi
Darsteller
Alice Gruia (Lu) · Stephanie Kämmer (Therapeutin) · Martin Ofori (Wolfgang) · Martina Eitner-Acheampong (Mutter) · Jonas Baeck (Timo)
Länge
87 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Komödie | Serie

Eine schwarzhumorige Webserie um eine junge Frau, die in der Schwangerschaft mit ihrer zukünftigen Mutterrolle hadert. Eine „Sadcom“ von Regisseurin, Produzentin, Autorin und Hauptdarstellerin Alice Gruia.

Diskussion

Als die Sängerin Lu (Alice Gruia) ein einziges Mal einen Song zum Besten gibt, heißt der – frei nach Samuel Becketts bekanntem Zitat – „Fail better“. Und das ist natürlich programmatisch gemeint. An demselben Abend, an dem sie zur Gitarre am Lagerfeuer singt, legt sie im wahrsten Sinne des Wortes den Keim für ein Leben, das sich für sie selbst nach einem einzigen großen Scheitern anfühlen wird. Denn in der Nacht wird sie Sex haben, mit Timo, ihrer so nervigen wie nerdigen Jugendliebe.

„… da fragt man sich, wie die es abends ins Bett schafft, ohne vom Auto überfahren worden zu sein“

Doch diese Hintergründe erfährt der Zuschauer erst später, in einer Rückblende. In Folge 1 der 8-teiligen Webserie lernt man die etwa 30-jährige Lu kennen, die ungewollt schwanger wieder bei ihrer dauerplappernden Mutter in Köln einzieht. Ihre Berliner Band startet derweil ohne sie, dafür aber mit dem von ihr geschriebenen „Fail Better“-Song karrieremäßig voll durch. Der Vater ihres ungeborenen Kindes ist besagter Timo, dem einen, alkoholgetränkten Wiedersehen sei Dank. Am schwersten aber wiegt, dass Lu gar nicht Mutter sein will – beziehungsweise Angst vor der Rolle hat. Einmal beschreibt sie sich in der dritten Person gegenüber ihrer Hebamme so: „Sie ist nämlich auch so’n Typ, da fragt man sich eh, wie die es abends ins Bett schafft, ohne vom Auto überfahren worden zu sein. Die ist halt nicht gerade… präsent. Also ich kann das schon gut nachvollziehen, dass sie sich da sorgt, wie sie da so lange auch noch auf wen anderes mit aufpassen soll!?“ Und so sarkastisch bis zynisch, passiv und wenig anpackend, wie man Lu hier kennenlernt, erscheinen derlei Zweifel durchaus berechtigt.

„Lu von Loser“ oder auch „Lu von Lusche“ stellt sie sich dementsprechend gerne vor, wenn Leute nach der Herkunft der Abkürzung „Lu“ fragen. Das Sich-selbst-Heruntermachen ist ein Stück weit auch Pose, und Lus grundsätzlich negativer Habitus zudem eine diffuse Rache an ihrem ziemlich anstrengenden Umfeld. Dieses besteht vor allem aus ihrer leicht übergriffigen Mutter (Martina Eitner-Acheampong) und dem überbesorgten, uncoolen Timo (Jonas Baeck), zwischenzeitlich aber auch aus Mitgliedern einer Selbsthilfegruppe, die Lu besucht. Doch natürlich hat Lus Selbst-Bashing einen wahren Kern, zählen Selbstvertrauen und Selbstachtung nicht zu ihren Stärken. Die Anfang 30-Jährige hat, wie so viele ihrer Generation, Angst vor Emotionen und Festlegungen, vor allem aber vor der weitreichendsten von allen, der jahrzehntelangen Verpflichtung des Kinder-Habens. Was sie mit ihrer rotzigen Art gegenüber allem und jedem zu überspielen sucht.

Eine One-Woman-Show von Alice Gruia

Die von Alice Gruia geschriebene, inszenierte und in der Hauptrolle auch gespielte Serie, deren Episoden jeweils nur zwischen knapp 5 und 9 Minuten lang sind, folgt nun dieser leicht unreifen Protagonistin bei deren offen zur Schau getragenem Abwehrkampf gegenüber der neuen Verantwortung – beziehungsweise später auch bei dem Versuch, sich mit der Mutterrolle anzufreunden.

Die im experimentierfreudigen Quantum-Labor der ZDF-Redaktion des „Kleinen Fernsehspiels“ entstandene sogenannte „Sadcom“ tritt in durchaus große Fußstapfen: Der harte, mitleidlose Blick auf die zentrale weibliche Protagonistin mit ihren unverhohlenen unsympathischen, destruktiven Seiten, dazu das Schreiben und Schauspielern in Personalunion, das erinnert ein bisschen an die BBC-/Amazon-Serie „Fleabag“ der grandiosen Phoebe Waller-Bridge – ohne freilich deren Qualität zu erreichen. Dafür gründelt die ZDF-Webserie zu wenig tief (was natürlich auch an der Kürze des Formats liegt) und bleibt bei allen originellen Einfällen hin und wieder klischeehaft (beispielsweise in der erwartbar überzogen gezeichneten Systemischen Aufstellung von Lus Schwangerschaft in Folge eins).

Pointierte Figuren, skurrile Alltagssituationen

Als eine Art Fingerübung zum relativ neuen Genre der „Sadcom“ – eine dramatische Serie mit komödiantischen Zügen; sozusagen eine Sitcom in ernst und realitätsverbunden – aber ist „Lu von Loser“ wirklich gelungen. So überzeugen Hauptfigur und Ausgangssituation gleichermaßen. Die von Alice Gruia (mit echtem Babybauch!) uneitel und selbstmitleidlos gespielte Lu bleibt bei aller Antriebslosigkeit, Miststückhaftigkeit und zur Schau gestellten schlechten Laune ausreichend sympathisch; ähnlich verhält es sich mit den schrägen Figuren, die Lus Welt bevölkern. Diese werden mit wenigen Strichen klar gezeichnet (und überzeugend gespielt), was ein wichtiges Pfund ist in einem so kurzen Format.

Dazu kommen toll beobachtete, skurrile Alltagssituationen und Begegnungen, aber auch ernste Themen wie postnatale Depression, deren Schwere hier nicht in Wohlgefallen aufgelöst werden. Und während die depressive Laura, eine Kollegin von Lus Mutter, lethargisch im Zimmer nebenan sitzt, tagträumt sich Lu vor den Hochglanz-Hochzeitsfotos von Laura und Ehemann in absurd-entlarvende Szenen und Dialoge des entsprechenden Foto-Shootings hinein. Dieses Nebeneinander von schmerzhafter Realität, trocken-schwarzem Humor und kreativen formalen Lösungen funktioniert ziemlich gut. Abgerundet wird das Ganze durch die von Tom Ashforth stimmig komponierte, im besten Sinne coole Musik – allem voran der „Hit“-Song „Fail Better“, der sich wie ein roter Faden durch die Folgen zieht.

Damit fügt sich „Lu von Loser“ wunderbar in die mittlerweile schon recht lange, (wenn auch nicht unbedingt quotentechnisch, so aber doch künstlerisch) erfolgreiche Reihe von formal und inhaltlich interessanten Produktionen aus dem ZDF-Quantum-Labor ein, die von „Eichwald, MdB“ über „Lerchenberg“, „Familie Braun“ und „Komm schon!“ hin zu dem unlängst gesendeten Projekt „#heuldoch“ reicht.

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