Drama | Kasachstan/Frankreich 2020 | 89 Minuten

Regie: Adilchan Jerschanow

Ein Kleinkrimineller und glühender Cineast kommt nach einer längeren Haftstrafe frei und versucht, seinen Traum vom ersten Kino im ländlichen Kasachstan zu verwirklichen. Zur Seite steht ihm eine junge Prostituierte, doch er muss immer wieder gegen die Widerstände der korrupten Landbevölkerung ankämpfen. Mittels schwarzen Humors zeichnet der Film ein pessimistisches Porträt seines Heimatlandes, das mit Frauenfeindlichkeit und Gewalt durchsetzt ist. Der tragikomische Film greift gekonnt auf Western-Elemente und Versatzstücke von französischen und US-amerikanischen Gangsterfilmen zurück und verbindet sie zu einer schön komponierten Ode an die Cinephilie, die zum Mittel einer träumerischen Selbstbehauptung inmitten einer Welt ohne Gnade wird. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
SCHELTAJA KOSCHKA
Produktionsland
Kasachstan/Frankreich
Produktionsjahr
2020
Regie
Adilchan Jerschanow
Buch
Adilchan Jerschanow · Inna Smailowa
Kamera
Jerkinbek Ptjralijew
Musik
Alim Sairow · Iwan Sintsow
Schnitt
Adilchan Jerschanow
Darsteller
Azamat Nigmanow (Kermek) · Kamila Nugmanowa (Eva) · Sanjar Madi (Schambas) · Jerschan Schamankulow · Jerken Gubaschew
Länge
89 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama

Tragikomischer Film über einen naiven Ex-Häftling, der in einer Welt ohne Gnade auf die Kraft des Kinos setzt, um sich gegen alle Widrigkeiten zu behaupten.

Diskussion

Nicht jeder guter Schauspieler ist auch ein guter Verkäufer. Das Bewerbungsgespräch des jungen Kermek (Azamat Nigmanow) verläuft alles andere als erfolgreich: „Was kannst du?“ – „Alles.“ – „Konkret?“ – „Konkret alles. Ich kann jede Szene aus Jean-Pierre Melvilles ‚Le samouraï‘ nachspielen.“ Der Junge im Trenchcoat und mit Hut, aber auch in Hawaii-Shirt und Shorts streicht mit seinem Finger langsam über die Hutkante. Mit zusammengekniffenen Augen blickt er nach rechts und nach links. Die zwei Personalchefs sehen dem Bewerber ausdrucklos zu. Das sind nicht gerade die gewünschten Fähigkeiten für den Verkauf, aber als Wachmann wird er eingestellt. Er muss lediglich die Plastiktüten ausrollen, damit der Kundenservice schnell vonstattengeht. Doch das ist bereits zu viel für Kermek. Ein Haufen zerknüllter Tüten später steht eine Schlange starr dreinblickender Männer vor ihm.

Absurde Aktionen und keine Reaktionen

Diese Art von Deadpan-Humor lässt an Regisseure wie Jim Jarmusch und Aki Kaurismäki denken: statische Einstellungen, absurde Situationskomik, emotionslose Gesichtsausdrücke. Mit diesen Mitteln arbeitet auch der Regisseur Adilchan Jerschanow aus Kasachstan. Zusammen mit seine Ehefrau Inna Smailowa hat er das Drehbuch zu „Yellow Cat“ geschrieben. Mittels des Humors zeigt er die dunklen Seiten seines Heimatlands und macht sie ein wenig erträglicher; trotzdem bleibt einem das Lachen immer wieder im Hals stecken. Es ist ein schwarzer Humor, der über Körperaktionen funktioniert. Meistens ist es Gewalt.

Kermek hat eine kriminelle Vergangenheit als Ladendieb. Nach seinem Gefängnisaufenthalt schafft er es nicht, Fuß zu fassen. Er findet keinen Job, beziehungsweise die Jobs, die ihm ein Polizist vermittelt, führen Kermek noch weiter in die zwielichtige Halbwelt. Er soll als Geldeintreiber arbeiten. Notfalls soll er die Schuldner verprügeln oder erschießen. Der unbeholfene Mann fühlt sich in dieser Rolle nicht besonders wohl. Er träumt davon, ein Kino in den Bergen zu eröffnen und findet in einem ländlichen Bordell eine Unterstützerin. Die Prostituierte Eva (Kamila Nugmanowa) – helle Haut, feuerrote Haare, blaues Kleid – träumt von einer Weltreise, lässt sich von Kermek aber überreden, zunächst mit ihm das Kino aufzubauen. Zusammen fliehen sie vor den Polizisten, den Freiern und der Zuhälterin in die weiten, endlosen Steppen von Kasachstan.

Auf der Flucht vor der gewalttätigen Gesellschaft

Immer wieder erklingen traumverlorene Musikstücke von Carl Orff, die schon Terrence Malick in seinem Frühwerk Badlands verwendet hat. Hier wie dort geht es um ein Paar, das versucht, den einengenden Regeln der Gesellschaft zu entfliehen, und das notfalls auch zur Waffe greift. Als ein Erntehelfer Kermek an die Polizei verraten will und ihn mit dem Messer bedroht, wehrt sich der Junge und tötet den Angreifer aus Notwehr. Kermek kann Eva gerade noch rechtzeitig vor einer Vergewaltigung retten. Das Paar flieht ein weiteres Mal.

Adilchan Jerschanow zeichnet ein ziemlich pessimistisches Bild seiner Landesgenossen. Die Männer vergehen sich an den Frauen und gehorchen einem lokalen Mafiaboss – selbst der Polizist. Kermek kann nur überleben, indem er sich an die Korruptheit und Gewalttätigkeit anpasst oder aber beides konsequent verweigert: „Ich will nicht für dich arbeiten!“

Zerschossene Träume

Der Traum vom Kino ist allerdings nur von kurzer Dauer. Kaum ist eine weiße Leinwand unter freien Himmel aufgespannt, vor der Kermek eine Tanznummer aus „Singin’ in the Rain“ zum Besten gibt, tauchen die Handlanger des Mafiabosses wieder auf. Das Publikum bestand nur aus Eva.

In seinen Aussagen ist „Yellow Cat“ ernüchternd: Kino ist in so einem Land gesellschaftlich nicht möglich. Damit ist es letztlich ein Film über zerschossene Träume. Oder positiv ausgedrückt: Erst durch die Verarbeitung der grausamen Wirklichkeit über das Drehen dieses Films gelang es Jerschanow, seine Träume vom Kino in die Gegenwart zu überführen.

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