Dancing Queens (2021)

Tanzfilm | Schweden 2021 | 110 Minuten

Regie: Helena Bergström

Eine junge Frau von einer Insel in den Bohuslän-Schären leidet unter der Trauer um ihre verstorbene Mutter und hat darüber fast ihre Passion fürs Tanzen verloren; trotzdem lässt sie sich von ihrer Großmutter überreden, für ein Vortanzen in die Stadt zu reisen. Aus dem Vortanzen wird zwar nichts, doch landet sie durch einige Verwicklungen bei der Show eines Drag-Clubs, weil der dortige Tanzstar und Choreograf auf ihr Können aufmerksam wird. Als angeblicher junger Mann in Drag bringt sie neuen Schwung in die Truppe und in ihr eigenes Leben, doch nicht nur ihre Lüge bezüglich ihres Geschlechts, sondern auch ihr Verlust machen ihr noch zu schaffen. Der Film verbindet das Tanzmotiv stimmig mit dem Thema der Trauerarbeit und amalgamiert Genreelemente des Tanzfilms, des Dramas und der Verwechslungskomödie zu einer stimmigen Einheit, die durch das gute Darstellerensemble geerdet wird. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
DANCING QUEENS
Produktionsland
Schweden
Produktionsjahr
2021
Regie
Helena Bergström
Buch
Helena Bergström · Denize Karabuda
Musik
Gaute Storaas
Darsteller
Molly Nutley (Dylan Pettersson) · Fredrik Quinones (Victor) · Marie Göranzon · Claes Malmberg · Christopher Wollter
Länge
110 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 12.
Genre
Tanzfilm | Tragikomödie

Ein schwedischer Tanzfilm um eine junge Frau, die sich nach einem schweren Schicksalsschlag ins Leben zurück tanzt – als junger Mann in Drag.

Diskussion

Bei dem Titel denkt man sofort an ABBA; die schwedische Regisseurin Helena Bergström setzt in ihrem Film allerdings nicht auf Musik ihrer Landsleute, sondern auf andere Ohrwürmer. Zu Beginn erklingt Whitney Houstons sehnsuchtsvoller 1980er-Pophit „I Wanna Dance With Somebody“: And when the night falls/Loneliness calls/Oh, I wanna dance with somebody/I wanna feel the heat with somebody“. Ein Einstieg, der die Stimmung der Hauptfigur dieses Tanz-Dramas zugleich trifft und hoffnungsvoll konterkariert. Auch Dylan Petterson (Molly Nutley) fühlt sich einsam und sehnt sich nach neuer Lebendigkeit; doch steht ihr die Trauer um ihre Mutter im Weg, die vor rund eineinhalb Jahren an Krebs verstorben ist. Der schwungvolle, treibende Rhythmus des Whitney-Houston-Songs reibt sich an der schwerblütigen Melancholie, die von Dylan Besitz ergriffen hat. Eigentlich ist sie passionierte Tänzerin, wie ihre Mutter, und hat deren Tanzschule in einem kleinen Ort auf einer Schären-Insel übernommen; weil das Tanzen sie aber immer wieder an die Mutter und damit an ihren Verlust erinnert, will die alte Freude daran nicht mehr richtig aufkommen: Der Drang, sich förmlich frei zu tanzen, kollidiert mit dem omnipräsenten Schmerz, was Hauptdarstellerin Molly Nutley und die Inszenierung sehr schön in einer ersten Tanzszene einfangen. Außerdem sorgt sich Dylan um ihren ebenfalls von dem Verlust niedergeschmetterten Vater und hilft in dessen Lebensmittelhandlung aus. Zeit und Mut, ihren eigenen alten Lebenstraum zu verfolgen, nämlich Tänzerin an einer Bühne zu werden, hat sie unter diesen Umständen nicht.

Die Heldin wird zum jungen Mann in Drag

Zum Motor dafür, dass Dylan aus dem Trauer-Kokon ausbricht, wird ihre Großmutter: Sie nötigt die junge Frau, trotz aller Vorbehalte bei einer Audition in der Stadt vorzutanzen, bei der Tänzer*innen für eine internationale Truppe gesucht werden. Zwar wird daraus nichts, doch landet Dylan bei ihrem Trip in die Metropole durch Zufall in einem Drag Club, und ihr Schicksal nimmt eine unerwartete Wendung: Eigentlich will sie in dem Etablissement nur als Putzaushilfe einstringen; dem jungen Choreografen vor Ort (gespielt von Tänzer und Choreograf Frederik Quinones, der auch die Tanzszenen des Films gestaltet hat), der mit der schrägen kleinen Truppe des Clubs gerade eine neue Show einübt und diese mit seinen hohen Ansprüchen nervt, fällt jedoch ihr Tanztalent auf. Und prompt wird Dylan, die sich vor den anderen als junger Mann ausgibt, zum guten Geist der Truppe, der der Show und der alternden Diva des Clubs zu neuem Schwung verhilft. Dylan wiederum scheint dadurch, dass sie in eine andere (Geschlechter-)Rolle schlüpft, ihren Kummer ein Stück weit hinter sich lassen und wieder Spaß am Tanzen finden zu können. Doch die Realität jenseits der diskokugelglitzernden Welt des Clubs lässt sich nicht abschütteln…

„I Will Survive“

Bergströms Film hält sich mit seiner Story um eine angehende Tänzerin, die nach diversen Rückschlägen schließlich ihren großen Moment auf der Bühne bekommt, brav an gängige Muster des Tanzfilms, gibt dem Ganzen aber eine besondere emotionale Kraft, indem sie den Tanz motivisch mit dem Thema der Trauerarbeit kurzschließt. Neben Houstons Song wird dabei u.a. der Disko-Klassiker „I Will Survive“ zum musikalischen roten Faden, der nicht nur als Hymnus der queeren Subkultur bestens zum Drag-Thema passt, sondern mit seiner Sich-aufrappeln-nach-einem Tiefschlag-Botschaft auch die „Hero’s Journey“ der Hauptfigur schön untermalt. Mit dem bunten, liebeswerten Haufen, der sich in dem Drag Club versammelt – angeführt von Schauspieler und Comedian Claes Malmberg in der Rolle der Diva Tommy, die ihrerseits auch einen Verlust zu verarbeiten hat und sofort zu Dylan eine spontane Zuneigung entwickelt – bekommt Dylan eine Ersatz-Familie; und nicht zuletzt zum Choreografen Victor entwickelt sie eine vage zwischen Freundschaft und Romanze changierende Nähe. Über ihrem neuen Leben schwebt freilich das Damoklesschwert von Dylans Lüge bezüglich ihrer Geschlechtsidentität sowie das Dilemma, dass Dylan sich nun, wo ihre Trauer sich allmählich zu lösen beginnt, schuldig fühlt, ihre Mutter und ihre Familie hinter sich zu lassen.

Bergstörm und ihrem Team gelingt es einfühlsam, die Gefühlsturbulenzen der Hauptfigur in Bilder und Bewegung zu übersetzen; geschickt schmiedet die Inszenierung den aus Tanzfilm, Verwechslungskomödie und Drama amalgamierten Plot zu einer dramaturgischen Einheit, die nicht zuletzt dank der guten Darsteller auf eine Weise geerdet und unprätenziös bleibt, wie man sie bei US-Filmen des Genres selten sieht.

 

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