Drama | Spanien 2020 | 74 Minuten

Regie: David Moragas

Ein junger katalanischer Dokumentarfilmer strandet auf dem Weg zur Premiere seines Debüts mit einem Start-up-Mitarbeiter in dem New Yorker Appartement, wo dieser in einer Wohngemeinschaft lebt. Im Laufe einer gemeinsam verbrachten Nacht kommen sich die zwei jungen Männer in tastenden, unsicheren Gesprächen näher, trotz ihrer sehr unterschiedlichen Weltsichten. Ein in jeder Hinsicht statisches Kammerspiel, das unaufgeregt in Schwarz-weiß-Bildern von der Unentschlossenheit seiner Figuren erzählt. Trotz der soliden Darsteller erzeugt angesichts des leidenschaftslosen Drehbuchs die zwischenmenschliche Reibung, von der der Film erzählen will, keine rechten Funken. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
A STORMY NIGHT
Produktionsland
Spanien
Produktionsjahr
2020
Regie
David Moragas
Buch
David Moragas
Kamera
Alfonso Herrera-Salcedo
Musik
Ángel Pérez
Schnitt
Bernat Aragonés
Darsteller
Jacob Perkins (Alan) · David Moragas (Marcos) · Jordan Geiger (Tristan) · Marc DiFrancesco (Sergi)
Länge
74 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Liebesfilm

Ein Kammerspiel um einen jungen katalanischen Dokumentarfilmer, der auf dem Weg zur Premiere seines Debüts mit einem Start-up-Mitarbeiter in dessen New Yorker Appartement strandet und dort die Nacht verbringt.

Diskussion

Die Geschichte des Kinos ist auch eine Geschichte kurzer Begegnungen. Immer wieder wird es so oder so ähnlich erzählt: Das Schicksal bringt zwei Fremde zusammen. Die Zeit, die ihnen gegeben wird, ist begrenzt. Sie verleben gemeinsam Stunden oder Tage, lernen sich kennen oder sogar lieben. Am Ende steht die Frage, was von dieser Zeit bleibt. „Begegnung“ von David Lean, die „Before“-Trilogie von Richard Linklater, Renoirs „Landpartie“ und so weiter. Vielleicht ist es naheliegend, so zu erzählen, weil auch jeder Film so ist. Wir begegnen ihm, baden zwei Stunden lang in seinem Licht, und spätestens mit dem Abspann stellt sich die Frage, was von diesem Zusammentreffen bleibt.

Interessanterweise spiegelt die Beziehung zwischen den Figuren dabei oftmals die zwischen Zuschauer und Film. Geschichten von stürmischer Liebe wollen stürmisch geliebt werden, neun Jahre der Trennung münden in einer Fortsetzung nach neun Jahren. „A Stormy Night“, das Debüt des katalanischen Regisseurs David Moragas, ist ein kleiner und zweifelnder Film, grüblerisch in sich selbst versenkt. Ein tapsiger Film über zwei unsichere, unbeholfene Menschen auf der Suche nach Halt und einem festen Stand.

Zwei Menschen, zwei Weltsichten

Der junge katalanische Dokumentarfilmer Marcos (gespielt vom Regisseur) soll von New York aus zur Premiere seines Debüts fliegen, doch durch einen starken Sturm bleiben alle Maschinen am Boden. So verbringt er die Nacht in der Wohnung einer früheren Kommilitonin. Dort trifft er auf ihren Mitbewohner Alan (Jacob Perkins), der sich mit der Arbeit für ein Start-up-Unternehmen herumplagt. Eine Spannung liegt in der Luft. Es ist kaum Zeit vergangen, Marcos hat noch nicht einmal geduscht – und schon hat Alan ihn zwei Mal geküsst. Dabei hat er, im Gegensatz zum Filmemacher, einen festen Freund. Die Nacht liegt vor ihnen, Versprechen und Drohung in einem.

Mit diesen zwei unterschiedlichen Menschen treffen auch zwei Weltsichten und Lebensentwürfe aufeinander. Alan fertigt gerne Zeichnungen von Filmszenen an, beispielsweise von Woody Allen und Mia Farrow. Er ist schließlich selbst ein „Stadtneurotiker“, ein New Yorker Nervenbündel. Seine Arbeit ist ein kurioser Bullshit-Job für das Unternehmen „Wetopia“, ein undurchschaubares Grindr-Konkurrenzprodukt, das eine „weniger heteronormative Umgebung“ eröffnen soll. Marcos ist skeptisch, genau wie Alan gegenüber seinem Filmdebüt. Darin verarbeitet der Katalane mehrere alte Beziehungen, bislang ohne wirkliche Zustimmung der Ex-Partner.

Marcos glaubt nicht an Monogamie, Alan (eigentlich) schon. Marcos verarbeitet seine inneren Sorgen durch Kochen und Sex, Alan durch Therapie. Der Europäer brennt für politische Kämpfe und den Streit mit der Mehrheitsgesellschaft, der Amerikaner kehrt seine Anstrengungen nach Innen. Beide sind weder wirklich glücklich noch tief betrübt. Ihre Leben sind keine großen Katastrophen, aber erfüllt von Zweifeln. Ihr Potenzial ist für sie nicht nur Verheißung, sondern auch Last. Wo der Mensch alles sein könnte, erscheint er als Mängelwesen, wenn er bei sich selbst bleibt.

Nabelschau

So streiten und scherzen sie, immer ein wenig verlegen. Was kann man freigeben, was muss verborgen bleiben? Am und durch den anderen lassen sich Szenarien und Pfade für sich selbst erproben. Was, wenn der Fremde vor dem begrenzten Ich rettet? David Moragas und sein Kameramann Alfonso Herrera Salcedo filmen die zögerlichen, sprunghaften Gespräche in statischen Zweiereinstellungen. Das Schwarz-weiß der Bilder verweist auf die explizit im Film erwähnten Inspirationsquellen, von Woody Allen bis hin zu Agnès Vardas „Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7“. Kaum erreichbare Vorbilder. Moragas’ New York ist melancholisch und klein, fast klaustrophob. Ein schwarzes Loch. Die engen Einstellungen versprechen keine Welt, sondern künden von einer Gefangenschaft.

Manchmal kann gerade enorme Bedrängung die Welt eines Films öffnen, die Sehnsucht nach all dem Unsichtbaren jenseits des Bildkaders wecken. „A Stormy Night“ fühlt sich leider einfach nur klein an. Eine Nabelschau, gerade im Blick auf größere Fragen zu vage. Ein Film, der sich vor dem Sturm draußen verkriecht, dem seine Angst anzumerken ist. Eindeutig eher ein Alan als ein Marcos, wo eine Pendelbewegung zwischen beiden Tendenzen doch spannender gewesen wäre.

Mehr ein Kribbeln als ein großer Gefühlssturm

Die Darsteller spielen grundsolide. Sie arbeiten sich durch die vorsichtige Annäherung. Die gelegentliche Pointe des Drehbuchs gelingt durch ihre zittrige Energie. Es geht vor und zurück, hin und her. Aber zwischen ihnen passiert leider wenig. Da ist keine Chemie, kein Knall. Da ist Reibung, ein klein wenig, aber die schürft nur an hölzernen Oberflächen. Ihre Existenzen scheinen nur aus dem Sichtbaren zu bestehen, nur die animistische Kraft des Films hält diese beiden Puppen am Leben. Der Sturm ist draußen, vor dem Fenster, nie bei und zwischen ihnen. Er könnte ebenso gut in Spanien oder auf dem Mars wüten. Selbst wo man einander von großen Ängsten erzählt, kommt nie das Gefühl auf, man hätte neue Facetten einer Figur entdeckt. Die Zwiebel entpuppt sich beim Häuten als hohl.

Alles ist so träge, so leidenschaftslos wie hinter einer undurchdringlichen Schicht verborgen. Da ist sicher irgendwo ein Gefühl, aber es bleibt ein fernes, schwer erahnbares Kribbeln und Stechen. „A Stormy Night“ fühlt sich an wie ein eingeschlafener Arm. Oder, um sich dieser empfundenen Distanz noch einmal anders zu nähern: Zweimal im Film schläft Marcos ein. Wir sehen seine Träume, und sie scheinen seine Filme zu sein. Verstohlene Blicke auf frühere Geliebte. Marcos lächelt, Wasser wabert. Marcos träumt seine Filme, vielleicht verfilmt er auch seine Träume. Der Film von David Moragas hat wenig von der Freiheit eines Traums, er fühlt sich oft nur so fern wie einer an. Man sehnt sich nach dem Erwachen, nach der echten Welt, nach Menschen, Lärm und Farben.

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