Action | Großbritannien 2021 | 90 Minuten

Regie: Martin Owen

Eine auf Zeitgeist und Werbeästhetik getrimmte Neuadaption des Charles-Dickens’ Klassiker „Oliver Twist“. Im Zentrum agiert der jugendliche Oliver, genannt Twist, ein Freerunner und talentierter Street-Art-Künstler. Das introvertierte Waisenkind lebt auf Londons Hochhausdächern und gerät in den kriminellen Dunstkreis von Fagin, der als Gangsterboss einen Kunstraub plant und sich damit an einem Galeristen rächen will. Ein planloses Drehbuch, ermüdende Parkoursequenzen sowie ein blasses Darstellerensemble sorgen in diesem ebenso wirren wie missratenen Genrehybrid für reichlich dramaturgischen Leerlauf und unfreiwillige Komik. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
TWIST
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2021
Regie
Martin Owen
Buch
John Wrathall · Sally Collett
Kamera
Håvard Helle
Musik
Neil Athale
Schnitt
Jeremy Gibbs
Darsteller
Raff Law (Twist) · Michael Caine (Fagin) · Lena Headey (Sikes) · Franz Drameh (Batesy) · David Walliams (Losberne)
Länge
90 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Action | Coming-of-Age-Film | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
Capelight
Verleih Blu-ray
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Action statt Armut und Popkultur statt Proletariat: Martin Owen versucht Dickens’ Literaturklassiker „Oliver Twist“ für ein YouTube-affines Publikum zu adaptieren.

Diskussion

„In der Geschichte, die ich euch erzählen will, geht’s um nen jungen Typen: Oliver“, heißt es zu Beginn von „Twist“ vor schwarzer Leinwand und in nonchalantem Tonfall aus dem Off. „Hier wird nicht gesungen und nicht getanzt. Und es gibt definitiv kein Happy End“, fügt die junge männliche Erzählerstimme fast schon drohend hinzu.

Schließlich handelt es sich hier, zumindest im Drehbuch von John Wrathall und Sally Collett, um eine Adaption des Charles-Dickens-Klassikers „Oliver Twist“, die „eine erfrischende Version für das 21. Jahrhundert“ bieten soll, wie Regisseur Martin Owen ausdrücklich betont. „Wir wollten neue ikonische Charaktere schaffen und haben uns dafür von Heist-Movies und dem vibrierenden Zeitgeist im urbanen London von heute inspirieren lassen. Oliver Twist sollte filmisch so umgesetzt werden, wie man es vorher noch nie auf der Kinoleinwand gesehen hatte.“

Planlos auf Zeitgeist getrimmt

Wer in "Twist" jedoch nach sinnstiftenden Parallelen zwischen der Gegenwart und dem viktorianischen Zeitalter oder nach Dickens’ harscher Sozialkritik Ausschau hält, wird in dieser wirren, ermüdenden Neufassung keinesfalls glücklich. Denn in der auf Zeitgeist, Popkultur und Computerspiel- wie Social-Media-Welten getrimmten Interpretation des 1838 erstmals erschienenen Klassikers passt dramaturgisch wie ästhetisch schlichtweg gar nichts zusammen.

Das Mäandern zwischen poppigen Coming-of-Age-Elementen, seichten Familiendrama-Elementen und ruppigen Actionkino-Bausteinen beginnt schon in einem kurzen Flashback zum Auftakt des Films. Darin sieht man den kleinen Oliver (Finley Pearson) zusammen mit seiner sanftmütigen Mutter Molly (Sally Collett) beim Malen am heimischen Küchentisch, aber auch in der „National Gallery“ beim Betrachten klassischer Gemälde von William Hogarth bis John Everett Millais’ „Ophelia“.

Der verkitschte „Romantic Comedy“-Look im Weichzeichner-Modus (Bildgestaltung: Håvard Helle) wechselt zusammen mit den blumigen Dialogen allerdings alsbald in einen auf Tempo und schnelle Montage gemünzten Musikvideo-Stil, der vor allem das erste Drittel des Films bestimmt. Doch anstatt zu unterhalten oder gar zu überraschen, ermüdet dieses penetrant wiederkehrende Gestaltungsmittel schon nach wenigen Szenen.

Nach dem kurzen Intermezzo zwischen Mutter und Sohn folgt ein harter Schnitt. „Oliver nennt mich eigentlich niemand mehr. Für alle bin ich nur noch…“, setzt die jugendliche Erzählerstimme noch einmal kurz an, ehe der Filmtitel „Twist“ in grellem Gelb und selbstverständlich in Großbuchstaben zentriert ins Bild crasht.

Parallel setzt dröhnende Popmusik ein. Und es folgt die erste von erstaunlich vielen Produktplatzierungen deutscher Sportartikelhersteller und Autobauer, die mit dem visuellen Vorschlaghammer serviert werden zusätzlich von der zusammenhangslosen Geschichte ablenken. Warum genau Raff Law, der den älteren Twist mimt, als Freerunner und talentierter Street-Art-Künstler überhaupt bei der Gangsterbande des ehemaligen Kunsthändlers Fagin (Michael Caine) anheuert, wird nie ersichtlich. Zusammen mit Sikes (umgedeutet zur Frau: Lena Headey), Batsey (Franz Drameh) und Dodge (Rita Ora) wird „Twist“ stattdessen kurzerhand Teil eines zahmen Kunstraub-Kommandos, das sich angestiftet von Fagins Vergeltungsgelüsten an dem schmierigen Galeristen Dr. Crispin Losberne (David Walliams) rächen will.

Unausgegorener Mix

Ergänzt durch aufgesetzt wirkende „Gender Trouble“-Szenen und vermeintlich zeitgeistige Dialoge („Ich bin schon Dreiviertelveganer. Das sagt einem der gesunde Menschenverstand. Und Google natürlich“) funktioniert diese unausgegorene Dickens-Variante weder als kinetischer Action- noch als spannungsreicher Kriminalfilm, zumal sie mit unschlüssigen Jugendfilm- und Rachedrama-Strukturen in manieristischer Weise zusätzlich aufgebläht wird.

Dem unausgegorenen Mix aus rapiden Musikstilwechseln, ultraschnellen Tempi und retardierenden Verfolgungsjagden im Blickfeld der Londoner Skyline gelingt es nie, irgendeine Art von Suspense zu kreieren, was zu deutlichen Längen führt.

Was bleibt, sind missratene Referenzen an den britischen Street-Art-Künstler Banksy sowie das hitzig-witzige Gangsterkino eines Guy Ritchie, denen jedoch jede Form von Esprit und selbstironischen Twists fehlt.

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