Weißbier im Blut

Komödie | Deutschland 2020 | 96 Minuten

Regie: Jörg Graser

Ein Kriminalkommissar aus Niederbayern sitzt nach einem langen Berufsleben resigniert mehr im Wirtshaus als am Schreibtisch. Auch im Mordfall auf einem hochverschuldeten Bauernhof ermittelt er nur widerwillig, bis ihm ein junger Kollege vor die Nase gesetzt wird und der Kommissar sich einer Berufstauglichkeitsprüfung unterziehen soll. Die vom Autor der Romanvorlage selbst inszenierte Kriminalgroteske erliegt einem krampfhaften Willen zur Schrillheit und entwirft eine postapokalyptische Wirrnis voller Irrer und Psychopathen, in der anarchische Provokationen und systemkritische Töne untergehen.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Jörg Graser
Buch
Jörg Graser
Kamera
Michael Wiesweg
Musik
Stofferl Well
Schnitt
Kai Schröter
Darsteller
Sigi Zimmerschied (Kommissar Kreuzeder) · Brigitte Hobmeier (Dr. Carmen März) · Luise Kinseher (Gerda Bichler) · Johannes Herrschmann (Kriminaloberrat Becker) · Max Schmidt (Bauer Holzner)
Länge
96 Minuten
Kinostart
27.05.2021
Fsk
ab 12; f
Genre
Komödie | Krimi | Literaturverfilmung

Schwarzhumorige Kriminalkomödie um einen niederbayerischen Ermittler, der nach einem langen Berufsleben jetzt lieber im Wirtshaus als am Schreibtisch sitzt. Als er seinen Platz für einen jungen Nachfolger räumen soll, erwacht sein Widerstandsgeist.

Diskussion

Lustig oder nervig? Die Auffassung, bis wohin etwas noch lustig ist und ab wann es nervt, ist gewiss schwankend, aber bei Jörg Grasers Verfilmung seiner Kreuzeder-Krimigroteske „Weißbier im Blut" stellt sich recht schnell und unabweisbar der Eindruck ein, dass die Geschichte nur noch nervt. Wie kommt das?

Allein vor sich hinbrütend sitzt Kommissar Kreuzeder (Sigi Zimmerschied) im düsteren, nahezu menschenleeren Wirtshaus. Sein Chef im Passauer Kommissariat namens Becker (Johannes Herrschmann) beschimpft ihn, weil er, der doch einmal sein „bester Mann“ gewesen sei, sich jetzt nur mehr im Wirtshaus herumtreibe. Kreuzeder ignoriert den Ruf zur kriminalkommissarischen Pflicht, bestellt sich das nächste Weißbier und den nächsten Obstler und wartet auf seinen Schweinsbraten.

5 Weißbier und 6 Obstler

Kellnerin Gerda (Luise Kinseher) präsentiert die Rechnung: „5 Weißbier und 6 Obstler!“, und der Film inszeniert das so, als würde die Sauferei den Kommissar Kreuzeder zu einem besonders urigen Typ machen. Mehr noch: Es wird so getan, als würde Kreuzeders steigender Alkoholpegel ihm einen gewissen Erleuchtungshorizont eröffnen. Was schon zu Beginn schwer nachzuvollziehen ist, denn die Geschichte taumelt und torkelt ähnlich heftig wie der Protagonist.

Am ersten Tatort, an dem Kreuzeder dann doch aufkreuzt, finden sich im Stall eines abgelegenen Bauernhofs Leichenteile an einem Mähdrescher. Kreuzeder fragt die Kollegin von der Spurensicherung: „Wo ist der Rest von der Leiche?“ Sie: „Vielleicht im Mähdrescher?“ Er: „Also Gulasch!“ Sie: „Nein, mehr so‘ne Roulade. Der Mähdrescher macht Bündel!“ Das ungefähr ist das Niveau des als „bluttriefend und schwarzhumorig“ vermarkteten Films.

Tragisches türmt sich auf: das Bauernsterben, die verheerende EU-Politik und die mediale Verblödung. Der Bauer verliert seine Hof wegen der ruinösen EU-Gesetzgebung, der Serienmörder wird zu einem solchen, weil er zu viele Action- und Katastrophenfilme sieht und sich für einen Actionhelden hält. Alle Figuren, vom sadistischen Wirt über den ätzenden Bankangestellten bis zum depperten Pfarrer, malt Jörg Glaser zu möglichst schrillen Karikaturen aus, mal in grobklotziger Volkstheatermanier, mal als bizarre Kasperei. Besonders peinlich wird es, wenn Brigitte Hobmeier die Figur der Polizeipsychologin Dr. Carmen März, die Kreuzeders Berufstauglichkeit testen soll, zur absurden Gaga-Persona macht.

Luise Kinseher kann ihrer Kellnerin Gerda eine gewisse Erdung und Glaubwürdigkeit verleihen, aber dann muss auch sie einen Parkour peinlich-peinigender Auftritte absolvieren. Das niederbayrische Universum des Films erscheint als postapokalyptische Wirrnis, bevölkert von Irren, Psychopathen und Durchgeknallten.

Sigi Zimmerschied auf den Leib geschrieben

Jörg Graser habe die Figur des Passauer Kommissars Kreuzeder, so heißt es, dem Kabarettisten Sigi Zimmerschied „auf den Leib geschrieben“. Als Roman erschien „Weißbier im Blut“ im Jahr 2012, danach gab es eine Hörspielfassung und Interpretationen bei Soloauftritten von Zimmerschied. Die Kreuzeder-Figur wurde darin deutlicher als jetzt im Film als eine Art anarchistischer Provokateur erkennbar. Ein Kommissar, der in tiefste Sinnkrisen stürzt, weil er nach 20 Jahren Dienst feststellen musste, dass die Verbrecher, die er verhaftet hat, eher „arme Säue“ als abgründige Bösewichter waren, man sie also eher bemitleiden denn verurteilen müsste, während die eigentlichen Bösewichter dieser Welt unbehelligt an den Schaltstellen der Macht sitzen.

Von dieser systemkritischen Kontur bleiben im Film nur wenige klischeehafte Restspuren, etwa beim Auftritt in einer wunderschönen niederbayrischen Barockkirche, wo der Kommissar den Pfarrer verhöhnen kann, weil Pracht und Prunk einer solchen Kirche doch dem widersprechen, dass Jesus für die Armen und Notleidenden eingetreten sei. Der Kreuzeder des Films ist kein Provokateur, sondern ein immerzu schlecht gelaunten Grantler, der alle anpöbelt, das nächste Weißbier bestellt, und die verbleibenden Wirklichkeitskontakte wie Halluzinationen im Bier-Obstler-Koma wahrnimmt. Es ist, als hätten Graser/Zimmerschied bei der Verfilmung den Glauben an ihren Helden verloren.

Krampfhafter Willen zum Schrillen

Meist werden die Abenteuer bajuwarischer Kommissare und Polizisten à la Eberhofer oder Hubert&Staller im Genre der Krimi-Comedy erzählt. Graser versucht in „Weißbier im Blut“ die Kreuzeder-Story als möglichst schrille Krimi-Groteske zu erzählen, wobei man am Ende nur mehr einen krampfhaften Willen zur Schrillheit wahrnehmen kann. Der ist nicht abendfüllend, sondern nervig.

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