Memoir of a Murderer

Psychothriller | Südkorea 2017 | 114 124 (Director's Cut) Minuten

Regie: Won Shin-yeon

Ein an Alzheimer erkrankter Serienmörder trifft auf einen Polizisten, den er ebenfalls für einen Serienmörder hält. Mit Fortschreiten seiner Krankheit verstrickt sich der mittlerweile mit seiner Tochter zusammenlebende Mann zunehmend in den Versuch, den Rivalen zu überführen, der dazu noch mit seiner Tochter anbandelt. Der Thriller zeichnet den geistigen Verfall in fragmentarischer Erzählform nach. Er erzählt, im Gegensatz zur Romanvorlage, jedoch nicht von persönlicher und gesellschaftlicher Amnesie der Verbrechen der diktatorischen Nachkriegszeit Südkoreas, sondern macht die Demenzkrankheit zur privaten Identitätskrise eines Mörders, der gleichzeitig versucht, ein Vater zu sein. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
SALINJAUI GIEOKBEOB
Produktionsland
Südkorea
Produktionsjahr
2017
Regie
Won Shin-yeon
Buch
Hwang Jo-yun · Won Shin-yeon
Kamera
Choi Yeong-hwan
Darsteller
Sol Kyung-gu (Byung-su) · Kim Nam-gil (Tae-ju) · Kim Seol-hyun (Eun-hee) · Oh Dal-su (An Byeong-man) · Hwang Seok-jeong (Jo Yeon-joo)
Länge
114 124 (Director's Cut) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Psychothriller | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
Busch Media
Verleih Blu-ray
Busch Media
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Südkoreanischer Thriller um einen ehemaligen Serienkiller, der mit seinen erratisch werdenden Erinnerungen und einem jungen Mann ringt, den er ebenfalls für einen Mörder hält.

Diskussion

Am Ende gibt es keine Gewissheit mehr. Byung-su (Sol Kyung-gu) schaut dem Mann, den er für einen Serienmörder hält, ein letztes Mal nach. Das Gesicht dieses Mannes, das Gesicht des Mörders Min Tae-ju (Kim Nam-gil), in dem er noch bei der ersten Begegnung lesen konnte wie in einem Buch, bleibt verborgen. Der an Alzheimer erkrankte Byung-su sieht nur noch ein Phantom und vielleicht nicht mal das. Zu viele Erinnerungen sind verloren gegangen, um es wissen zu können. Zu viel von der anfänglichen Gewissheit hat die Krankheit, hat der Film, der sie in seiner fragmentarischen Form spiegelt, zerstört. Allein eine Gewissheit ist noch nicht durch die Demenz zerstört worden: Byung-su selbst ist ein Mörder. Zu Beginn des Films „Memoir of a Murderer“ noch ein Mörder im Ruhestand, der die Erinnerung an den Bambuswald, in dem seine Opfer vergraben liegen, ebenso verdrängt hat wie die Kindheitstraumata, die dem Serienkillerdasein vorangingen.

Verdrängte Fragmente von Trauma und Tod

Als wolle sie ein karmisches Gleichgewicht wiederherstellen, bringt die Erkrankung Fragmente dieser Erinnerungen zurück. Die Splitter der Vergangenheit dringen als kurze, brutale Flashbacks in das mittlerweile fast harmonisch wirkende, gemeinsame Leben mit Tochter Eun-hee (Kim Seol-Hyun) ein. Byung-sus Kampf mit den eigenen Abgründen, ist, dem Wesen der Alzheimer-Krankheit nach, bereits zu Beginn aussichtslos: während die kürzlich gemachten Erinnerungen ihm zunehmend entrissen werden, bleiben nur verdrängte Fragmente von Trauma und Tod.

Die Begegnung mit dem Serienmörder Min Tae-ju – ein schlichter Auffahrunfall – setzt den Kampf zwischen beiden Identitäten Byung-sus – Vater und Mörder – als direktes Duell fort. Das Gesicht des jüngeren Mannes verrät Byung-su sofort das, was das Blut, das aus dem beschädigten Kofferraum tropft, dem Zuschauer erst kurz darauf verrät: Min, ein junger Polizist, ist ein Mörder. Seine allzu starr fixierten Augen und sein in apathisch-überlegener Gelassenheit eingefrorenes Lächeln geben sich wenig Mühe, das dazugehörige Innenleben zu maskieren. So wie Byung-su in seinem Gegenüber sofort einen Soziopathen erkennt, sieht auch dieser dem alten Mann seine Vergangenheit auf den ersten Blick an.

Die in den Gesichtern lesbare Gewissheit aufzulösen, ist das eigentliche Programm des Films. Sol Kyung-gu, der als tragischer Protagonist in Lee Chang-dongs „Peppermint Candy“ seinen Durchbruch feierte, und der schauspielerisch enorm experimentierfreudige koreanische Superstar Kim Nam-gil geben diesem Programm eine erratische Dynamik. Das Duell vom gegenseitigen Belauern in der Öffentlichkeit eskaliert bis in die unvermeidlichen brutalen Eruptionen. Die fragmentarische Struktur des Films, mit der die Realitätsebenen zunehmend ununterscheidbarer werden, wirkt mitunter etwas austauschbar. Allzu viele Szenen verlieren sich im emotionalen Hohlraum zwischen Wahn und tatsächlicher Erinnerung. Einzig die Beziehung zwischen dem Vater und der Tochter, die sich zunehmend von ihm entfremdet (und schließlich sogar mit dem Serienmörder-Rivalen anbandelt), verankert den Film emotional fest genug.

Der Film setzt andere Akzente als die Romanvorlage

Das ist auch deswegen wichtig, weil die Demenz des Protagonisten, verglichen mit Kim Young-has Romanvorlage „Aufzeichnungen eines Serienmörders“, im Film als deutlich intimeres Krankheitsbild erscheint. Der Roman verbindet die mörderische Vergangenheit des Protagonisten eng mit der jüngeren Geschichte Südkoreas, während im Film Byung-sus Erinnerung nicht im Kontext der gesellschaftlichen Amnesie der Regierungsverbrechen der Nachkriegszeit verblasst (ein Topos, den auch Bong Joon-hos namensverwandter Thriller „Memories of Murder“ aufgreift, der die Geschichte des ersten dokumentierten Serienmords Südkoreas zu Zeiten der Militärdiktatur zwischen 1986 und 1991 erzählt). Won Shin-yeons Film-Adaption hält alle Bezüge zur koreanischen Geschichte im Subtext verborgen. Der Verlust der Erinnerung ist nicht die pathologische Identitätskrise einer Nation, sondern die eines Vaters, dessen Krankheit alles außer einer vergessen geglaubten Vergangenheit zu verzehren droht. Ob in Byung-sus Bewusstsein der Mörder oder der Vater überlebt, kann letztlich weder der Arzt noch die Polizei feststellen. Bleibt nur die Ungewissheit.

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