Karottenkopf (1925)

Drama | Frankreich 1925 | 118 Minuten

Regie: Julien Duvivier

Ein kleiner Junge wird wegen seiner roten Haare verspottet und findet in seiner Familie keine Unterstützung, seine boshafte Mutter lässt an ihm sogar ebenfalls ihren Groll über ihre unglückliche Ehe aus, während er seinem Vater gleichgültig zu sein scheint. Erst ein neues Dienstmädchen nimmt sich des Jungen an. Stummfilmadaption eines Romans, mit dem ihrem Regisseur Julien Duvivier der Durchbruch gelang und den er sieben Jahre später als Tonfilm selbst erneut verfilmte. - Ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
POIL DE CAROTTE
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
1925
Regie
Julien Duvivier
Buch
Julien Duvivier · Jacques Feyder
Kamera
Ganzli Walter · André Dantan
Musik
Gabriel Thibaudeau
Darsteller
Henry Krauss (Herr Lepic) · Charlotte Barbier-Krauss (Frau Lepic) · André Heuzé (François Lepic, genannt "Karottenkopf") · Fabien Haziza (Félix) · Renée Jean (Ernestine)
Länge
118 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 10.
Genre
Drama | Literaturverfilmung | Stummfilm

Ein Stummfilm-Drama von Julien Duvivier um einen rothaarigen Jungen und seine alles andere als harmonische Familie

Diskussion

„Eine Familie ist eine Gruppe von Personen, die unter demselben Dach leben und sich nicht ausstehen können“. Der zehnjährige François Lepic, von allen seiner roten Haare wegen nur „Poil de carotte“ – Karottenkopf – gerufen, weiß, wovon er schreibt, als er einen Schulaufsatz zum Thema „Familie“ verfassen soll. Nicht nur, dass seine Mutter ihn mit lustvoller Bösartigkeit und hinterlistigem Entrüstungsbedürfnis schikaniert und bei jeder kleinen Gelegenheit bestraft – seine älteren Geschwister machen sich auch noch über ihn lustig, der Vater bemerkt ihn gar nicht. Einzig das neue Dienstmädchen Annette hat Verständnis für den Buben und hilft ihm, wo sie nur kann. Und bei seinem besten Freund, dem Familienhund, findet er Schutz und Geborgenheit. Trotzdem: François möchte geliebt werden – als Mitglied einer glücklichen Familie. Doch es kommt noch schlimmer: Als sein Bruder Felix Geld aus der Haushaltskasse klaut, um seine Affäre mit einer Bardame zu finanzieren, wird der Junge von seiner Mutter prompt des Diebstahls bezichtigt. Für sie ein klarer Fall, doch nicht für den Vater: Die Eltern geraten so sehr in Streit, dass François sich die Schuld für die unglückliche Ehe gibt. In seiner Verzweiflung sieht er nur einen Ausweg…

Der Pessimist des französischen Kinos

Julien Duvivier (1896-1967): Das ist jener Regisseur, der 1937 mit gleich zwei Filmen, „Spiel der Erinnerung“ und „Pépé le Moko – Im Dunkel von Algier“, den poetischen Realismus in Frankreich mitprägte. In England drehte er 1941 „Ein Frauenherz vergisst nie“ mit Merle Oberon in der Hauptrolle, danach arbeitete er sogar in Hollywood. Nach seiner Rückkehr wurde er in den 1950er-Jahren einem großen Publikum durch „Don Camillo und Peppone“ und „Don Camillos Rückkehr“ bekannt, nicht zuletzt wegen Fernandel als streitlustigem Priester. Fast 50 Jahre dauerte Duviviers Karriere, die 1919 mit „Haceldama ou le prix du sang“ begann und 1967 mit „Mit teuflischen Grüßen“ endete. Eine Karriere, die parallel zur Entwicklung des französischen Kinos verlief, von Feuillade (bei dem Duvivier assistiert hatte) bis Godard.

„Karottenkopf“ entstand 1925 nach einem Roman von Jules Renard, der den Regisseur so sehr beschäftigte, dass er ihn 1932 als Tonfilm noch einmal inszenierte. Duvivier, oftmals als Pessimist des französischen Kinos bezeichnet, konzentrierte sich vor allem darauf, die vielen Facetten menschlicher Gemeinheit und Grausamkeit zu zeigen, nicht zu vergessen die verheerenden Auswirkungen, die dieses Verhalten auf ein unschuldiges Kind hat. Die Nebenhandlung um eine geldgierige Verführerin steht nicht im Roman. Duvivier fügte sie selbst hinzu, um die Schraube der Bösartigkeit noch weiter anzuziehen.

Und doch ist der Film nicht so düster, wie man vielleicht glauben könnte. François’ Missgeschicke haben besonders zu Beginn des Films immer auch einen Anflug von absurder Komik, etwa, wenn er seinen Nachttopf nicht finden kann und sich im Kamin erleichtert – was seine Mutter kurz darauf zu einer gemeinen Inszenierung nutzen wird. Charlotte Barbier-Krauss spielt diese Mutter zwar als Monster. Doch ihr unvorteilhafter Schnurrbart sorgt für eine surreale Irritation, die die Grenze zur Karikatur überschreitet. Luis Buñuel dürfte das gefallen haben!

Spaß an kreativen Lösungen

Bemerkenswert ist auch Duviviers stilistische Verspieltheit, etwa, wenn er die Mutter via Split Screen in gleich mehreren Bildern nörgeln lässt oder der Vater vielfach dabei zusehen muss, wie sein jüngster Sohn zur Arbeit gezwungen wird. Ein anderes Mal unterteilt der Regisseur mit einem Spiegel das Bild, um so die Gedanken der Figuren zu unterstreichen. Duvivier hat sichtlich Spaß daran, immer wieder kreative Lösungen für seine Kompositionen zu finden. Das große Plus seines Films ist aber der zwölfjährige Titeldarsteller: André Heuzé sieht mit seinen vielen Sommersprossen und dem Struwwelkopf nicht nur knuffig aus, er legt den sympathischen Lausbuben auch in einer bewundernswerten Bandbreite an, von verspielt-ungezogen bis düster-traurig. Von all seinen Stummfilmen ist „Karottenkopf“ Julien Duviviers Lieblingsfilm.

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