Der Therapeut von nebenan

Drama | USA 2021 | 251 (6 Folgen) Minuten

Regie: Jess Peretz

Ein liebenswerter, aber zielloser Mittvierziger fühlt sich latent überfordert, seitdem er den Familienbetrieb übernommen hat. Er ringt mit Panikattacken und Neurosen, bis ein Psychiater sein Leben umkrempelt. Dessen Therapie entpuppt sich als manipulatives Psychospiel, das die Existenz des Protagonisten zusehends in Gefahr bringt. Die Dramaserie zeichnet eine vergiftete Beziehung nach und changiert zwischen leichtfüßiger Komödie und verdrehter Liebesgeschichte, wobei sie auf hervorragende Darsteller bauen kann, dramaturgisch aber auf Dauer recht redundant wirkt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE SHRINK NEXT DOOR
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Jess Peretz · Michael Showalter
Buch
Georgia Pritchett
Kamera
Michelle Lawler
Schnitt
Liza Cardinale
Darsteller
Will Ferrell (Martin Markowitz) · Kathryn Hahn (Phyllis Shapiro) · Paul Rudd (Dr. Isaac Herschkopf) · Casey Wilson (Bonnie Herschkopf) · Gable Swanlund (Nancy)
Länge
251 (6 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Serie | Tragikomödie

Schwarzkomödiantische Serie um ein toxisches Arzt-Patienten-Verhältnis: Ein Psychiater betreut einen Patienten, der mit Neurosen und mangelndem Selbstbewusstsein ring, woraus ein Abhängigkeitsverhältnis entsteht, das der Seelenarzt schamlos auszunutzen beginnt.

Diskussion

„Mensch Marty, du musst endlich erwachsen werden!“, möchte man dem New Yorker Martin „Marty“ Markowitz (Will Ferrell) zurufen. Eigentlich müsste Marty mitten im Leben stehen, doch er ist ein verzagtes Nervenbündel, verstrickt in ein Knäuel miteinander wetteifernder Neurosen. Willensschwach, antriebslos und jedem noch so unausstehlichen Zeitgenossen gegenüber hyperzuvorkommend. Haltlos groovt er durch die mittleren Jahre seines Lebens. Ein Beispiel: Seine Ex besteht auch nach der Trennung noch darauf, von Marty das Geld für den gemeinsam geplanten Urlaub ausgezahlt zu bekommen. Dem lieben Frieden zuliebe ist Marty geneigt zu zahlen. Bis er auf den charismatischen Psychotherapeuten Isaac „Ike“ Herschkopf (Paul Rudd) trifft.

Ein Rundum-Paket – mit Tücken

Martys resolute Schwester Phyllis (Kathryn Hahn) hat ihrem Bruder den Rat mit auf den Weg gegeben, sich endlich professionelle Hilfe zu suchen, denn sein Schluffi-Dasein kollidiert nach dem Tod der Eltern zunehmend mit seiner Rolle als neuer Chef des Familienunternehmens. Der Job als Stofffabrikant erfordert Schneid und unternehmerische Entschlusskraft. Marty aber fehlt beides. Doch Dr. Ike, wie Marty seinen geistigen Mentor künftig nennt, hat Einschneidendes mit dem Riesenbaby vor.

Der ehrgeizige Therapeut interpretiert sein psychoanalytisches Mandat als Rundum-Paket. Die erste Intervention in Martys lasche Lebenspraxis besteht darin, der Ex klarzumachen, dass sie künftig keinen Cent mehr erhält. Der Auftritt der beiden in der Wohnung der Verflossenen gelingt; Marty ist dank Dr. Ike euphorisiert und glaubt, die Welt nach seinem Willen umgestalten zu können.

Als nächstes gilt es, seiner Schwester Phyllis Grenzen aufzuzeigen. Als sie ihn bittet, aufgrund einer finanziellen Schieflage den Familientrust zu öffnen, lehnt Marty dies ab. Er könne ihr nicht länger bei jeder Gelegenheit aus der Patsche helfen. Phyllis wittert hinter Martys neuer Standhaftigkeit zurecht die Manöver von Ike. Sie stellt den Psychiater zur Rede. Doch es kommt zum offenen Bruch zwischen den Geschwistern, die Zeit ihres Lebens ein inniges Verhältnis pflegten.

Mittels eingängiger Erfolgslosungen bringt Ike Marty schließlich dazu, sein Unternehmen umzukrempeln. Der Einfluss des Doktors auf das Leben seines Patienten wächst und wächst. Bald schon teilen die beiden sich eine Residenz in Martys Sommerhaus in den Hamptons, denn als Ike die Ausmaße des Familienbesitzes der Markowitzes erfasst, werden seine Eingriffe in Martys Leben immer umfassender. Aus dem Patienten-Arzt Verhältnis entwickelt sich ein vermeintlich freundschaftliches und unternehmerisches.

Gefangen im Netz des Narzissmus

Den Zuschauern ist längst klar, dass Marty tief in einer großangelegten Psycho-Manipulation steckt. Doch der kann sich nicht so schnell aus den narzisstischen Fängen seines Gegenspielers befreien. Auf dem Rücken seines Klienten und dessen Vermögen errichtet Isaac Herschkopf eine glamouröse Scheinexistenz.

Die achtteilige Dramaserie basiert auf einer wahren Geschichte, die als Podcast von Joe Nocera eine erste künstlerische Bearbeitung erfuhr. Der Handlungszeitraum der Erzählung erstreckt sich über mehr als 30 Jahre. Die Verfilmung des Stoffes, für die die Autorin Georgia Pritchett sowie Regisseur Michael Showalter verantwortlich zeichnen, lebt vor allem von den Hauptdarstellern Paul Rudd, Will Ferrell und Kathryn Hahn. Der charismatische Rudd weiß in seiner Rolle als fieser Manipulator besonders zu überzeugen. Und Kathryn Hahn stellt eindrücklich unter Beweis, dass ihre pure schauspielerische Anwesenheit jede erdenkliche Produktion aufzuwerten vermag. Will Ferrell gibt souverän den weltfremden Sympathieträger Marty, der eigentlich mehr Kontrolle über sein Leben gewinnen will und dann in eine Abhängigkeit gerät, durch die ihm die Kontrolle über sein Leben mehr denn je entgleitet.

Zwischen Komödie und Liebesgeschichte

Ein bisschen scheint er dabei allerdings nicht nur in den Fängen seines vermeintlich besten Freundes gefangen zu sein, sondern auch den wenig einfallsreichen Launen des Drehbuchs zu unterliegen. Viel zu früh ahnt man, auf was es in dem Verhältnis der beiden Männer hinausläuft. Und zu früh gibt die Inszenierung sämtliche Erzählumschwünge preis, so dass sich die Handlung im Fortgang der acht Episoden als extrem repetitiv entpuppt.

Das ist schade, weil die Story durchaus gekonnt zwischen einer leichtfüßigen Komödie und einer total verdrehten Liebesgeschichte um die beiden männlichen Hauptfiguren changiert. „Der Therapeut von nebenan“ handelt damit von der schrecklichen Macht des Narzissmus, der sich ja auch in der Wirklichkeit immer breiter macht.

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