A Classic Horror Story

Horror | Italien 2021 | 95 Minuten

Regie: Roberto De Feo

Nach einer Autopanne irgendwo in der Wildnis Kalabriens gerät eine Reisegruppe an eine obskure und blutrünstige Kult-Gemeinschaft. Zwar gelingt es den Reisenden zunächst, sich in der Kapelle der Gruppe zu verbarrikadieren, doch ihre Peiniger finden trotzdem Mittel und Wege, sie nach und nach zu dezimieren. Wie sein Titel verspricht, liefert der Film zunächst klassischen, nicht gerade originellen, aber handwerklich solide umgesetzten Backwood-Horror; im letzten Drittel bekommt die Handlung dank einer radikalen Wendung und als eindrückliche Kritik an filmischer und medialer Leidens-Schaulust eine zusätzliche Intensität. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
A CLASSIC HORROR STORY
Produktionsland
Italien
Produktionsjahr
2021
Regie
Roberto De Feo · Paolo Strippoli
Buch
Roberto De Feo · Paolo Strippoli · Lucio Besana · Milo Tissone · David Bellini
Kamera
Emanuele Pasquet
Musik
Massimiliano Mechelli
Schnitt
Federico Palmerini
Darsteller
Matilda Lutz (Elisa) · Francesco Russo (Fabrizio) · Peppino Mazzotta (Riccardo) · Will Merrick (Mark) · Yuliia Sobol (Sofia)
Länge
95 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Horror

Horrorfilm um eine italienische Reisegruppe, die durch einen Autounfall in Konflikt mit einer isoliert lebenden Kult-Gemeinschaft gerät.

Diskussion

Können Italiener eigentlich gute Horrorfilme machen? Um diese angesichts von Genre-Größen wie Dario Argento provokativ dreiste Frage kreist die italienische Netflix-Produktion „A Classic Horror Story“, die dem Zuschauer in klassischer Genre-Manier die schwangere Elisa (Matilda Lutz) vorstellt, die sich per Mitfahr-App einer bunt durchmischten Reisegruppe in einem betagten Wohnmobil anschließt, um ihre Mutter in Süditalien zu besuchen. Nachdem der Trupp sich tagsüber munter schwatzend und scherzend seinen Weg durch die dichten Wälder Kalabriens gebahnt hat, kommt das Wohnmobil nachts von der engen Straße ab und prallt gegen einen Baum. Als die ohnmächtigen Insassen kurze Zeit später erwachen, trauen sie ihren Augen nicht: Das Wohnmobil steht plötzlich mitten auf einer Lichtung, umgeben von schier endlosen Wäldern – und weit und breit keine Straße zu sehen. Dafür ist in der Nähe eine Holzhütte mit seltsamer Architektur sowie einer blutroten Tür. Und als sich den Verunglückten schemenhafte Figuren mit hölzernen Masken nähern, beginnt das wahre Grauen.

So weit, so gewöhnlich

Die Regisseure Roberto de Feo („The Nest“) und Paolo Strippoli präsentieren ihr Gemeinschaftswerk zunächst als typischen Hinterwäldler-Horror um eine isoliert lebende Gemeinschaft, die in kultischer Ehrerbietung die drei „edlen Ritter“ Osso, Mastrosso und Carcagnosso anbeten – die Gründungsväter der drei italienischen Mafia-Familien Cosa Nostra, Camorra und 'Ndrangheta. Dass sich eine Gruppe verängstigter Reisender in ihr Heiligstes verirrt, kommt den Anhängern mehr als gelegen, steht doch ein Blutritual an der Tagesordnung, und es fehlen noch ein paar (un-)freiwillige Spender. Zwar gibt sich die Gruppe lange standhaft und verbarrikadiert sich in der okkulten Holzkapelle, doch erwartungsgemäß läuft nicht alles wie geplant, sodass einer nach dem anderen den Kultisten zum Opfer fällt. So weit, so gewöhnlich entrollt sich die erste Stunde von „A Classic Horror Story“ vor dem Zuschauer, wenngleich mit einem stimmigen Production Design, das eine ähnliche Andersweltlichkeit ausstrahlt wie die Gestaltung der traditionsbewussten Dorfgemeinschaft in Ari Asters „Midsommar“, sowie handwerklichem Geschick in puncto Spannungsaufbau und blutiger Gewaltdarstellung. Und gerade wenn man denkt, der Film versande nun in der unoriginellen Mittelmäßigkeit, spielt das Regie-Duo im letzten Drittel noch eine Trumpfkarte aus und stellt das bisher gesehene komplett auf den Kopf.

Alles auf Anfang

So gelingt ein Finale, das das zuvor gesehene aus seiner Genre-Pelle schält und zwei völlig neue Blickwinkel eröffnet. Insbesondere der zweite löst in einer nicht mal einminütigen, aber trotzdem aufschlussreichen Szene das gesamte Filmkonstrukt aus den Angeln und schneidet eine afilmische Ebene an, die nicht nur scharfe Kritik an unserem modernen Sehverständnis von Filmen übt, sondern auch an der voyeuristischen Schaulust an Abbildungen realen Leides im digitalen Kontext. Leider stoßen de Feo und Strippoli diese Tür erst sichtlich spät auf, sodass ihre kritische Botschaft nur in einem kurzen Überraschungsmoment aufflammt. Nichtsdestotrotz erhält „A Classic Horror Story“ so einen spannenden und unerwarteten Meta-Kniff, der in seiner Intensität etwa mit Drew Goddards „The Cabin in the Woods“ verglichen werden kann, und die Eingangsfrage mit einem „Ja, können sie (immernoch)!“ beantwortet.

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