Drama | USA 2021 | 104 Minuten

Regie: Sean Penn

Eine junge US-Journalistin erinnert sich an ihre Erfahrungen mit ihrem charismatischen Vater, als er als Geldfälscher von der Polizei verfolgt wurde. In mehreren Kapiteln rekapituliert sie ihre Erlebnisse mit dem charmanten Schwindler, Hochstapler und Bankräuber, der meistens abwesend war und seine Lügengespinste kaum von der Wirklichkeit unterscheiden konnte. Die als Rückblende erzählte Adaption nach einer autobiografischen Erzählung zerfällt in eine Vielzahl melancholischer Momente und kreist zumeist um den flamboyanten Betrüger, während die Emanzipation der Tochter eher blass bleibt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
FLAG DAY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Sean Penn
Buch
Jez Butterworth
Kamera
Daniel Moder
Musik
Joseph Vitarelli
Schnitt
Michelle Tesoro · Valdís Óskarsdóttir
Darsteller
Sean Penn (John Vogel) · Dylan Penn (Jennifer Vogel) · Josh Brolin (Onkel Beck) · Norbert Leo Butz (Doc) · Dale Dickey (Großmutter Margaret)
Länge
104 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Literaturverfilmung | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
Koch
Verleih Blu-ray
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Melancholisches Drama um eine junge Frau, die sich an ihre Kindheit und ihren bewunderten Vater erinnert, der als begnadeter Schwindler, Hochstapler und Kleinkrimineller meistens abwesend war.

Diskussion

Wer am Flag Day geboren ist, tauge nichts, schimpft Jennifers Großmutter bitter über ihren Schwiegersohn. Die meisten Geburtstagskinder bezögen das Feuerwerk, die bunten Paraden und fröhlichen Umzüge nämlich auf sich persönlich, obwohl die US-Amerikaner am 14. Juni damit doch eigentlich ihre Flagge und das Land ehren. Jennifers Vater John (Sean Penn) ist dafür in gewisser Hinsicht ein Musterbeispiel. Auf verwackelten Super-8-Filme erkennt man den charismatischen Lebemann, der in seiner Star-Spangeld-Bluse vor Euphorie fast platzt und freudetrunken ein knallrotes Cabrio ins Wasser steuert. Zum Glück ist es ein Amphicar, das in den Wellen nicht untergeht. Das ganze Land winkt ihm zu, all die aufregenden Dinge scheinen für ihn inszeniert, die Menschen nur seinetwegen gekommen zu sein.

Die Kehrseite dieses narzisstischen Gemüts verfolgt die Tochter schreckensstarr knapp zwei Jahrzehnte später am Fernseher mit: Die Polizei jagt im Januar 1992 einen Mann in einem schweren Auto durch die Außenbezirke von Minneapolis, weil er Banknoten im Wert von 22 Millionen Dollar gefälscht hat. Am Steuer: ihr Vater John. Sein Talent für „Chancen“ hat den flamboyanten Schwindler einmal mehr in eine Sackgasse manövriert, aus der es diesmal kein Entkommen gibt.

Unter Chopin geht es nicht

In all den Jahren zuvor war er in ähnlichen Situationen einfach verschwunden, hatte die auf Pump gekaufte Farm oder das überschuldete Haus in Brand gesteckt, die kleine Familie verlassen oder Jennifer und ihren Bruder nach einem Sommer am See wieder zur ihrer trunksüchtigen Mutter zurückgeschickt, weil ihn ein paar Typen zusammengeschlagen hatten, denen er wieder mal Geld schuldete.

Jennifer blieb dann oft nur noch die Erinnerung an den magischen Glanz beim Barbecue, wenn sich Chopins „Nocturne op. 71“ auf dem Plattenteller drehte, oder an den in der Abendsonne verheißungsvoll winkenden Happy-Highway-Harry, eine Billboard-Figur, deren Skizze sie fast wie ein Amulett viele Jahre um den Hals trug. John hatte sie gemalt, ohne auch nur einmal hinzuschauen, nur nach ihrer Beschreibung; je genauer man Dinge benenne, so die Worte ihres Vaters, desto klarer und plastischer treten sie vors innere Auge.

Im Erfinden, Einbilden oder in der blühenden Ausmalung war er schwer zu übertreffen, doch in der Wirklichkeit zerstoben die Wunschgebilde nur allzu schnell. Wohl auch deshalb kehrt der Film immer wieder zu einer Handvoll Einstellungen zurück, auf denen die Tochter fragend-konsterniert auf das Geschehen blickt, das in zahllosen Rückblenden vom Sommer 1975 bis ins Jahr 1992 entfaltet wird, als der „Flim-Flam Man“, wie er in der zugrundeliegenden Erzählung heißt, als Geldfälscher auffliegt. Denn John Vogels Geschichte ist nicht erfunden, sondern als „The True Story of my Fathers Counterfeit Life“ von seiner Tochter autobiografisch rekonstruiert.

Flirrend-magische Erinnerungen

Die Inszenierung kapriziert sich allerdings nicht auf die „true story“-Elemente, sondern rückt die erinnernde Erzählperspektive der Tochter ins Zentrum, ihre Sehnsucht nach dem so oft abwesenden, aber umso mehr bewunderten und verehrten Vater, der wie kein anderer Kuchen backen, Geschichten erzählen und die Welt verzaubern konnte. Allerdings zerfällt die komplexe Vater-Tochter-Beziehung darüber in eine Unzahl impressionistischer Momente, die zwischen Verklärung und Depression schwanken und oft mit melancholisch-melodiösen Gitarrentönen unterlegt sind. Dass die heranwachsende Tochter irgendwann selbst auf Abwege gerät und als Drifterin durchs Land stromert, bleibt darin bloße chronologische Episode wie auch der Umstand, dass sie schließlich als Journalistin Fuß fasst und sich nicht mehr mit Halbwahrheiten und illusionären Ausflüchten abgeben will.

Die schmerzhafte Emanzipation von der väterlichen Überfigur, die mit tiefen Enttäuschungen, Einsamkeit und Verlusterfahrungen einhergeht, wirkt merklich blass. Was zählt, ist der nur langsam erlöschende Glutkern des Übervaters, den Sean Penn als begnadeten Selfmade-Man verlebendigt, der in seinen Lügengespinsten so sehr aufgeht, dass er Schein und Sein kaum mehr unterscheiden kann; in der besten Szene des Films beendet er ein fingiertes Telefonat formvollendet mit rollenkonformen Höflichkeitsformeln, obwohl ihm seine Tochter die gekappte Leitung unter die Nase hält.

Bill Clinton und das „Flim-Flam“-Thema

Keine gute Entscheidung war es hingegen, Sean Penn auch mit der Regie zu betrauen und aus dem Film eine Art Familienunternehmen zu machen, da die Rolle von Jennifer mit Penns eigener Tochter Dylan Penn (und die ihres Bruders mit Hopper Penn ebenfalls familienintern) besetzt wurde. In einer früheren Produktionsphase von „Flag Day“ war wohl auch Alejandro González Iñárritu als Regisseurs vorgesehen, was dem Stoff sicher eine andere Richtung gegeben hätte. Einmal taucht im Hintergrund auch Bill Clinton auf, der sich Januar 1992 mit einem legendären Fernsehinterview geschickt von üblen Nachreden befreite, was auf die zeitgeschichtliche Fallhöhe des „Flim-Flam“-Themas anspielt, da sich beim späteren US-Präsidenten Wahrheit und Lüge auch nicht immer eindeutig unterscheiden ließen. In der Inszenierung von Penn aber reduziert sich die Adaption über weite Strecke auf das aufwändig produzierte Drama einer Tochter, die sich lange Jahre nicht aus dem Schatten ihres betrügerischen Vaters befreien kann. Dem US-amerikanischen „Flag Day“ geht es darin nicht viel anders als dem Highway-Harry: Sie dienen als szenische Anker, ohne dass ihr metaphorischer Mehrwert auch nur ansatzweise ausgelotet würde.

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