Lingui - Heilige Bande

Drama | Frankreich/Deutschland/Belgien 2021 | 87 Minuten

Regie: Mahamat-Saleh Haroun

Als ihre junge Tochter ungewollt schwanger wird, scheint sich die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter in der Hauptstadt des Tschad zu wiederholen. Doch die Tochter will nicht sozial geächtet werden und entschließt sich zu einer Abtreibung. Diese ist aber gesetzlich verboten und auch aus religiösen Gründen undenkbar – ein Dilemma, das durch weibliche Solidarität unterlaufen wird. Der Film mischt die reizvolle Erkundung der Alltagsrealität mit einem kraftvollen Exempel weiblicher Selbstermächtigung. Allerdings ist der Optimismus angesichts der gelebten Solidarität unter den Frauen eher einer märchenhaften Dramaturgie als der Komplexität realer Machtverhältnisse geschuldet. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LINGUI
Produktionsland
Frankreich/Deutschland/Belgien
Produktionsjahr
2021
Regie
Mahamat-Saleh Haroun
Buch
Mahamat-Saleh Haroun
Kamera
Mathieu Giombini
Musik
Wasis Diop
Schnitt
Marie-Hélène Dozo
Darsteller
Achouackh Abakar (Amina) · Rihane Khalil Alio (Maria) · Youssouf Djaoro (Brahim) · Briya Gomdigue (Fanta) · Saleh Sambo (Imam)
Länge
87 Minuten
Kinostart
14.04.2022
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama

Diskussion

Amina ist irritiert und besorgt. Seit ein paar Tagen ist ihre 15-jährige Tochter Maria sehr verschlossen und abweisend. Darauf angesprochen, will sie nicht reden. Als die besorgte Mutter nachforscht, erfährt sie, dass Maria der Schule verwiesen wurde, weil sie schwanger ist. Damit wiederholt sich leicht variiert Aminas eigene Geschichte, zumindest in den Augen der Tochter, die nicht so enden will wie ihre Mutter. Amina wurde während der Schwangerschaft von Marias Vater verlassen, ebenfalls der Schule verwiesen und von ihrer Familie verstoßen. Jetzt lebt sie als Alleinerziehende am Rande von N’Djamena, der Hauptstadt des Tschad, und hält sich mit dem Verkauf von Feuerschalen über Wasser, die aus dem Draht alter LKW-Reifen gefertigt werden. Amina ist alles andere als wohlhabend, aber doch so unabhängig, um die Avancen des älteren Nachbarn Brahim freundlich, aber bestimmt abzuwehren.

Doch ihre Tochter will nicht zur Außenseiterin werden und ist deshalb entschlossen, das Kind nicht zu bekommen. Damit würde sie allerdings gegen das Gesetz und die Religion verstoßen. Die gläubige Amina versucht deshalb hinter das Geheimnis des Erzeugers zu kommen, was Maria aber strikt ablehnt. Aus guten Gründen, wie sich zeigt. Deshalb gilt es für Mutter und Tochter, einen Weg zu finden, der eine Abtreibung ermöglicht.

In der Hauptstadt des Tschad

Regisseur Mahamat-Saleh Haroun nutzt von da an die Gelegenheit, den Blick zu weiten und Impressionen von den Lebensumständen in N’Djamena zwischen Tradition und Gegenwart zu sammeln. Das Zentrum der Stadt vibriert durch seine zahllosen Mopeds und PKWs; die jugendliche Clique von Maria feiert freizügige Poolpartys, der strenge Imam mahnt zu Gebet und zum Besuch der Moschee und träumt von einer Art von Beichtzwang, der ihm seinen Job erleichtern würde. Es gibt zahlreiche, von der Öffentlichkeit abgewandte Hinterhöfe und Binnenräume, wo Gespräche geführt und Pläne geschmiedet werden. In diesen atmosphärischen Passagen überzeugt „Lingui“ durch eine technisch versierte Kameraarbeit und ein brillantes Sounddesign, das Einblicke und Sounds einer selten gezeigten Lebensrealität liefert.

Diesem quasi dokumentarischen Touch steht allerdings der märchenhaft-stringente Handlungsverlauf entgegen. Angesichts der anfänglichen Verzweiflung beiden Protagonistinnen ist man erstaunt, wie rasch die Entfremdung zwischen Mutter und Tochter schwindet und ein kraftvolles Team entsteht. Insbesondere die unermüdliche Amina erweist sich dabei als unerhört mutige und kämpferische Frau, die alles tut, um ihrer Tochter die „Freiheit“ zu sichern. Wohin Amina sich auch wendet, immer öffnet sich eine Tür, die einen Ausweg aus einer eigentlich ausweglosen Situation bietet.

Und wie in einer Daily Soap folgt auf die Hoffnung ein Rückschlag und auf den Rückschlag eine neue Hoffnung. Da ist die Heilerin, die nicht nur abtreibt, sondern auch eine Genitalverstümmelung vortäuschen kann. Der Mutter ist dann das Risiko für ihre Tochter zwar zu groß, sie kann mit der Information aber trotzdem etwas anfangen. Dafür gibt es dann eine Klinik, die heimlich, aber professionell Abtreibungen vornimmt, dafür aber auch ein entsprechendes Honorar kassiert. Parallel dazu will Aminas Schwager seine Tochter beschneiden lassen. Deren verzweifelte Mutter Fanta wendet sich an die „verstoßene“ Amina, weil die ja immer irgendwelche Tricks parat hat, um Probleme zu lösen. Amina verfügt dann auch über die gewünschte Idee und erhält zum Dank das dringend benötigte Geld. Die Schwestern fallen sich in die Arme.

Die subversive Solidarität der Frauen

Genau darauf bezieht sich der Filmtitel „Lingui“, denn das „heilige Band“ ist die subversive Solidarität der Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft. Es handelt sich um eine Art pragmatischer Feminismus, der ohne Theorie auskommt, dafür aber sehr konkret behilflich ist, den Alltag gemeinsam zu bewältigen. Amina und Maria erfahren in einer Krisensituation, dass sie gar nicht alleine kämpfen müssen, sondern dass eine Art Gegenöffentlichkeit existiert, in der guter Rat, Erfahrungen, Adressen und Telefonnummern getauscht werden. Weil sich das alles fast leichthin entwickelt, kann sich dieses leicht unrunde Exempel weiblicher Selbstermächtigung sogar noch den Luxus erlauben, den Verursacher von Marias Schwangerschaft ganz handfest zur Rechenschaft zu ziehen.

Aminas in der solidarischen Gemeinschaft gewachsenes Selbstbewusstsein und ihre spürbare Kraft im Umgang mit den herrschenden Männern schlagen gegen Ende ins Komödiantische um, wenn dem Imam die Hand hingehalten wird oder der reiche Schwager mit großer Geste die Zurichtung seiner Tochter feiert, die gar nicht stattgefunden hat. Das Lachen der Anwesenden könnte ein Verlachen sein.

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