Drama | Großbritannien/USA 2018 | 112 Minuten

Regie: Brad Furman

Ein Journalist und ein Ex-Polizist aus Los Angeles nehmen die Ermittlungen in einer Reihe von ungelösten Mordfällen – unter anderem an zwei namenhaften Rappern – aus den 1990er-Jahren wieder auf. Dabei stoßen sie auf eine Mauer des Schweigens. Der Neo-Noir-Film führt die Protagonisten an ihre physische wie psychische Belastbarkeitsgrenze und stellt ihre moralische Integrität auf die Probe. Trotz dramaturgischer Unzulänglichkeiten durch die Vielzahl an Fällen gelingt ein spannender, gesellschaftlich eindringlicher Thriller. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
CITY OF LIES
Produktionsland
Großbritannien/USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Brad Furman
Buch
Christian Contreras
Kamera
Monika Lenczewska
Musik
Christ Hajian
Schnitt
Leo Trombetta
Darsteller
Johnny Depp (Russell Poole) · Forest Whitaker (Jack Jackson) · Toby Huss (Detective Fred Miller) · Dayton Callie (Lieutenant O'Shea) · Neil Brown jr. (Rafael Perez)
Länge
112 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Krimi

Heimkino

Verleih DVD
Koch Media
Verleih Blu-ray
Koch Media
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Ein auf Tatsachen beruhendes Krimidrama, in dem ein Ex-Cop und ein Journalist unter anderem die Morde an den Rappern Tupac Shakur und seinem Rap-Kollegen The Notorious B.I.G. aufklären wollen.

Diskussion

Ein Kollege beschreibt Detective Russell Poole (Johnny Depp) vom Los Angeles Police Department (LAPD) als Relikt der „alten Schule“. Aus seiner Stimme ist eine Mischung von Bewunderung und Mitleid zu hören: Mit seiner radikal moralischen Haltung sei Poole ein Außenseiter unter Polizisten, die sich als „diplomatisch“ verstehen (und zumindest teilweise mit „korrupt“ besser beschrieben wären). Diese Außenseiter-Position ist der Grund dafür, dass Poole einige Mordfälle in den 1990er-Jahren nie ganz abschließen konnte. Die Desillusionierung steht ihm ins Gesicht geschrieben: grauer Schnauzer und angegraute Haare; scharfe, aber verbrauchte Gesichtszüge – Johnny Depp verleiht dem abgehalfterten Detective eine ausdrucksvolle Physiognomie.

Die Geister der Vergangenheit lassen Poole nicht los. Seine heruntergekommene Stadtwohnung ist voll mit Notizzetteln und Beweisfotos. Hier sucht ihn der Journalist Jack Jackson zwei Jahrzehnte nach den Taten auf. Forest Whitaker spielt ihn ebenso hartnäckig wie idealistisch – also ungefähr als das, was Poole über die Jahre hinweg abhandengekommen ist. Jackson überredet den Cop, ihm die ungeklärten Fälle aus den 1990er-Jahren im Detail und im Zusammenhang nochmals zu schildern (was im Film in Form von Rückblenden geschieht).

Die berühmtesten Mordopfer waren damals die Rapper Tupac Shakur und The Notorious B.I.G., erschossen im Rahmen des Konflikts zwischen Westcoast- und des Eastcoast-Hip-Hop, zwischen den Labels Death Row und Bad Boy Entertainment. Wobei der Verdacht im Raum stand, dass die East-Coast-Ikone The Notorious B.I.G. als Rache für den Tod des West-Coast-Musikers Tupac sein Leben lassen musste und Tupacs Produzent Suge Knight darin involviert gewesen sein könnte.

Im Dickicht des Großstadtdschungels

Bei seinen Recherchen stieß Poole damals auf Widerstände in den eigenen Reihen und auf ein weiteres, mit dem Mord verknüpftes dubioses Verbrechen: Ein verdeckt ermittelnder Polizist und ein anderer Police Officer – der eine weiß, der andere schwarz – lieferten sich am helllichten Tag auf offener Straße ein Schießduell von Wagen zu Wagen, bei dem der Afroamerikaner zu Tode kam.

Der Film basiert auf einem Tatsachenroman des Journalisten Randall Sullivan und stellt die Morde in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang. Anfang der 1990er-Jahre eskalierte die Straßengewalt in Los Angeles, als vier Polizisten den Afroamerikaner Rodney King bei einer Kontrolle brutal attackierten und trotzdem freigesprochen wurden. Diese angespannte Lage führt im Film dazu, dass Poole von seiner Vorgesetzen immer wieder daran gehindert wird, weitere Nachforschungen anzustellen; angeblich könne das die Unruhen wieder anheizen; die Aufklärung eines Mordes an Afroamerikanern besitze nicht genug Priorität, um Ärger zu riskieren. Pooles Chef meint dazu nur: „Die Dschungelbewohner haben sich ihr eigenes Grab geschaufelt.“

Der Dschungel: das ist das Moloch LA. Es regnet ungewöhnlich oft in der sonst so ausgetrockneten Metropole. Und nicht gerade ein Schauer niedergeht, sind heruntergekommene Ghettohäuser und Straßen zu sehen. „City of Lies“ ist durch und durch ein Neo-Noir, mit dunklen Bildern und einer pessimistischen Grundstimmung. Dabei rekapituliert der Film ein Stück Zeitgeschichte, das gar nicht so lange zurückliegt und immer noch präsent ist; der Journalist Randall Sullivan wie auch Regisseur Brad Furman arbeiten sich vor allem an der Korruption und dem latenten Rassismus der Polizei abarbeiten. Poole und Jackson, der gescheiterte Cop und der unnachgiebige Reporter, suchen dafür nach Beweisen.

Jeder Cop hatte eine Theorie

Der Film verirrt sich gelegentlich in dem Labyrinth aus Verdächtigen, Informanten und Tätern, das in der literarischen Vorlage ausgebreitet wird. Eine dramaturgische Unzugänglichkeit, in der sich freilich die Undurchsichtigkeit des LAPDs widerspiegelt. Wem kann man vertrauen? Wem nicht?

Das Duo stößt mit seinen Theorien auch Jahre nach den Verbrechen immer noch gegen Mauern des Schweigens. Wie schon in Brad Furmans früheren Filmen „The Lincoln Lawyer“ und „The Infiltrator“ geraten die Protagonisten an den Rand ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit, wodurch auch ihre Integrität auf die Probe gestellt wird. Dass Korruption nicht nur den Korrumpierten, sondern auch den ehrlichen Menschen zusetzt, erinnert an Al Pacino in dem Sidney-Lumet-Klassiker „Serpico“. Der spielte im New York der 1970er-Jahre. „City of Lies“ ruft auf ebenso spannende wie unterhaltsame Weise das Versagen staatlicher Institutionen ins Gedächtnis, das bis in die Gegenwart reicht. Über 50 Prozent der Mordfälle an Afroamerikanern bleiben in den USA ungeklärt, heißt es am Ende des Films. Ob „Black Lives Matter“ daran langfristig etwas ändern kann?

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