Das Geheimnis des Balletttänzers

Drama | USA 2014 | 89 Minuten

Regie: Stephen Belber

Ein einst als Tänzer gefeierter New Yorker Ballettlehrer wird um ein Interview über die Geschichte des Tanzes in den 1960er-Jahre gebeten, doch das Gespräch mit der Journalistin und deren Ehemann mündet nach anregender Plauderei zunehmend in einer intensiven, ebenso aufwühlenden wie schmerzhaften Lebensinventur. Ein in den Hauptrollen grandios gespieltes, intensives Kammerspiel, von Regisseur Stephen Beller auf der Grundlage seines eigenen Theaterstücks mit sanftem Humor, aber auch einigem Pathos inszeniert. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MATCH
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2014
Regie
Stephen Belber
Buch
Stephen Belber
Kamera
Luke Geissbühler
Musik
Stephen Trask
Schnitt
Madeleine Gavin
Darsteller
Patrick Stewart (Tobi Powell) · Carla Gugino (Lisa Davis) · Matthew Lillard (Mike Davis) · Jamie Tirelli (Raul) · Maduka Steady (Taxifahrer)
Länge
89 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
Meteor
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Brillant besetzte Theaterverfilmung um einen Ballettlehrer, der von einem Ehepaar zur Geschichte des Tanzes im New York der 1960er-Jahre interviewt werden soll; doch bei dem Gespräch geht es dann um viel persönlichere Fragen.

Diskussion

Einst tanzte er auf allen großen Bühnen der Welt. Diese glorreichen Zeiten sind jedoch lange vorbei. Mittlerweile unterrichtet Tobi Powell (Patrick Stewart) zwar noch immer mit derselben Hingabe und eisernen Disziplin, die er früher beim Tanzen an den Tag legte; doch nach dem Ende des Unterrichts zieht sich der Ballettlehrer an der renommierten New Yorker Juilliard School in sein geräumiges Appartement in Manhattan zurück, dessen Regale mit schwarz-weißen Erinnerungsfotos vollgestellt sind. Hier sammelt er auch seine abgeschnittenen Fingernägel in einem großen Glas, weil er sich nicht von ihnen trennen kann.

Umso aufgeregter ist er, als sich eine unbekannte Frau bei ihm meldet, die ihn für ihre Dissertation über seine Vergangenheit interviewen möchte. Für das Treffen legt er sich einen langen, leuchtend roten Schal um und bestellt in seinem Stammlokal einen kleinen Teller Partyfood. Lisa (Carla Gugino) wird von ihrem Ehemann Mike (Matthew Lillard) begleitet, der das Gespräch auf einem Diktiergerät festhält.

Es dauert nicht lange, bis Powell seine anfängliche Nervosität überwindet und sich in einen frenetischen Erzählrausch hineinsteigert. Die vergangenen Bühnenjahre fliegen nur so dahin, als Powell seine beiden Zuhörer zu sich nach Hause führt. Lisa klebt mit staunenden Augen und verzücktem Lächeln an seinen Lippen, während Mike leicht genervt hinterhertrottet und mit langem Arm irgendwie versucht, das Diktiergerät in Position zu bringen. In der Wohnung nimmt das Gespräch dann aber eine für den Tanzlehrer unerwartete Wendung.

Eine Falle schnappt zu

Die Suspense dieser ersten halben Filmstunde gründet sich darauf, dass kleine Seitenblicke hinter Powells Rücken und rasch dahingeflüsterte Sätze schon früh erahnen lassen, was nun auch ihm allmählich dämmert: der Anlass dieses Gesprächs ist nicht wirklich eine wissenschaftliche Arbeit. Vielmehr geht es um etwas Persönlicheres. Mike schaltet sich jetzt vermehrt ins Gespräch ein. In barschem Ton erkundigt er sich nach den Anfängen der Künstlerkommune in den 1960er-Jahren und nach dem damaligen Sexleben. Mit einem Mal, das Gesicht von den beiden Interviewern und der Kamera abgewandt, realisiert Powell, dass die Stunden des charmanten, zügellosen Plauderns nur dazu dienten, ihn in eine Falle zu locken.

Wie bei einem Parabelflug im Augenblick der Schwerelosigkeit scheint es, als werde vorübergehend die Zeit angehalten. Bereits nach etwa einer halben Stunde hat „Das Geheimnis des Balletttänzers“ seinen dramaturgischen Höhepunkt erreicht. Es ist ein atemberaubender Gänsehautmoment, der dem Drama eine neue Richtung verleiht. Damit ist dann aber auch die Luft und die Leichtigkeit ein wenig raus, und eine spürbar gescriptete Bedeutungsschwere schleicht sich stattdessen in die Handlung und die Dialoge ein.

Stephen Belber inszeniert sein eigenes Broadway-Stück

Regisseur Stephen Belber inszeniert mit „Das Geheimnis des Balletttänzers“ sein eigenes Broadway-Stück aus dem Jahr 2004. In den USA hatte die Verfilmung schon im Jahr 2014 ihre Kinopremiere. Für die große Leinwand ist die Adaption, die in Deutschland nun mit reichlich Verspätung für das Heimkino vermarktet wird, allerdings nur bedingt geschaffen. Zwar bastelt Belber vereinzelte Panoramen – insbesondere einen imposanten Blick über die Manhattan-Bridge – in den Film hinein, doch letztlich richtet sich der Fokus, wie so häufig bei Theaterverfilmungen, auf die Schauspieler:innen. „Das Geheimnis des Balletttänzers“ kreist vor allem um die Begegnung zwischen Lisa und Powell, nachdem Mike, obwohl er durchaus eine Schlüsselfigur darstellt, zwischenzeitlich wutentbrannt aus der Wohnung gestürmt und damit von der Bildfläche verschwunden ist.

Die US-Presse war anlässlich des Kinostarts insbesondere von der schauspielerischen Leistung Patrick Stewarts beeindruckt. Tatsächlich scheint dieser dank seiner charismatischen Präsenz und der extrovertierten Aura eines vor Energie und Witz übersprühenden Künstlers förmlich durch den Film zu fliegen. Carla Gugino aber steht ihm mit ihrer zurückgenommenen, um Fassung ringenden Performance in nichts nach. Beide, so scheint es, gehen vollkommen in ihren Rollen und den gegensätzlichen Figuren auf, ohne dabei zu überspielen. Matthew Lillard ergänzt das Ensemble um eine herbe, tragikomische Note.

Kammerspiel um Sehnsüchte, Erwartungen und Enttäuschungen

Überhaupt ist eine leichte Ironie, die sich hauptsächlich aus Powells Sprachwitz nährt, allgegenwärtig. Die Kamera fängt das Wechselspiel der Akteure mit einer behutsamen Blickregie ein; einer intimen Montage von Erblicktem und Erblicken. Die Körpersprache des Balletts spielt dabei nur eine untergeordnete, allegorische Rolle. Zwar begeben sich sowohl Powell als auch Lisa irgendwann in die zweite Position, La Seconde, mit sanft ausgebreiteten Armen, doch auch hier sind es am Ende die Gesichter, zu denen sich die Kamera hingezogen fühlt. Die tiefe Melancholie, die Carla Gugino aus Lisas Augen sprechen lässt, wirkt umso ergreifender, solange sie im Vagen, Verborgenen bleibt.

Nachdem das Drehbuch aber Powells Geheimnis einmal preisgegeben hat, wendet es sich zunehmend Lisa zu, um so dramaturgisch die Balance zu wahren. Formal mag das stimmig sein, aber inhaltlich wirkt dieser Erzählstrang pflichtschuldig aufgesetzt, wie überhaupt alles, was auf die ersten dreißig fulminanten Minuten folgt, nie mehr denselben Zauber zu entfalten vermag. Was bleibt, ist ein intensives Kammerspiel um zwischenmenschliche Sehnsüchte, Erwartungen und Enttäuschungen; zweifellos packend, wenn auch nicht frei von Pathos und Klischees, immerhin aber großartig gespielt.

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