Brand New Cherry Flavor

Horror | USA 2021 | Minuten

Regie: Gandja Monteiro

Eine begabte junge Filmemacherin wird in den 1990er-Jahren aufgrund eines ersten Horror-Kurzfilms von einem berühmten Produzenten nach Hollywood eingeladen. Doch der verrät sie, als sie sich seiner sexuellen Zudringlichkeit verweigert, und übernimmt die Kontrolle über ihr Langfilmprojekt. Um sich zu rächen, wendet sie sich an eine Hexe, die ihn verfluchen soll. Das hat allerdings schwer kontrollierbare Folgen. Die durchdesignte Horror-Serie schildert den Schrecken von Missbrauch und Machtkämpfen in Hollywood mit der Bildsprache des Horrorkinos. Ein unterhaltsames, in seiner Kritik aber sehr oberflächliches Pandämonium der Traumfabrik als Pfuhl der Korruption und Verderbtheit. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
BRAND NEW CHERRY FLAVOR
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Gandja Monteiro · Jake Schreier · Matt Sobel · Nick Antosca · Arkasha Stevenson
Buch
Nick Antosca · Haley Z. Boston · Matthew Ross Fennell · Lenore Zion · Christina Ham
Kamera
Celiana Cárdenas
Schnitt
Greg O'Bryant · Curtiss Clayton · Ken Ramos · Christine Park · Steph Zenee Perez
Darsteller
Rosa Salazar (Lisa Nova) · Mark Acheson (Pierre) · Daniel Doheny (Jonathan) · Catherine Keener · Eric Lange (Lou Burke)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Horror | Mystery | Serie

Eine Serie über eine jungen Nachwuchsfilmemacherin, die in den 1990er-Jahren in Hollywood über den Tisch gezogen wird und sich mit magischer Hilfe rächen will.

Diskussion

Welche Mythen sind Hollywood überhaupt noch geblieben? Wer glaubt noch an die Traumfabrik, wer glaubt an Stars, Glitzer und Glamour? Man muss wohl sogar fragen: Wer will noch glauben? Wer könnte sich an diesen einst so schillernden Trugbildern noch freuen?

Wer aktuell vom Filmgeschäft erzählt, der zeigt Machtkämpfe, Dominanzgebaren, Missbrauch und Grausamkeit. Los Angeles als neonleuchtender Vampir, als modernes Babel mit Kenneth Anger als Propheten. Die Horror-Miniserie „Brand New Cherry Flavor“ nach dem gleichnamigen Roman von Todd Grimson aus dem Jahr 1996 labt sich am Aas einer sterbenden Bestie. Ihre Schöpfer Nick Antosca und Lenore Zion blicken in die frühen 1990er-Jahre zurück, mit dem Wissen der Gegenwart. Und wie so oft, wenn der Blick ganz und gar aufgeklärt ist, entdecken sie doch wieder das Mystisch-Monströse, eine Welt voll von düsterer Hexerei, Blutsaugern und Menschenfressern.

Hollywood-Horror und echtes Hexenwerk

Die Geschichte beginnt so, wie Hollywood-Horror (man denke nur an „Mullholland Drive“ oder „The Neon Demon“) oft beginnt: Eine junge Frau erreicht die fragwürdig benannte Stadt der Engel. Sie ist neu hier und heißt auch so, zumindest in ihrer Landessprache: Lisa Nova, gespielt von Rosa Salazar. Sie hat gerade erst einen Kurzfilm fertiggestellt, einen grausigen Horrorfilm, durch den der Produzent Lou Burke (Eric Lang) auf sie aufmerksam wird. Lisa trifft ihn, lässt sich von ihm die Welt versprechen, wird aber verraten: Plötzlich liegt da eine Hand auf ihrem Schenkel, die beiseite gewischt werden muss. Statt Lisa führt dann ein wenig begabter, aber serviler Jüngling Regie. Lisa sinnt auf Rache und gerät dabei an die Hexe Boro (Catherine Keener), die ihr helfen will, Burke zu verfluchen.

Natürlich verläuft der dafür notwendige Kontakt mit der Geisterwelt alles andere als glimpflich. Die Vertragswerke beim Film wie beim Blutpakt kommen gleichermaßen mit Fußnoten daher; sie sind schnell geschlossen und wirken lange nach. Durch die Verbindung zum Jenseits wird Lisa mit alten und neuen Traumata konfrontiert. Ihre Mutter hat sie als Kind verlassen, aber auch am Set ihres Kurzfilms sind schlimme Dinge geschehen. Lawinenartig wächst das Unheil heran, und so werden nicht nur Karrieren, sondern auch zahlreiche Leben beendet.

Traue niemandem – nicht einmal den eigenen Augen!

Die Bildsprache des Horrorkinos paraphrasiert den Schrecken der Albtraumfabrik. Gerade in den ersten Episoden webt „Brand New Cherry Flavor“ einen dichten Teppich aus Referenzen: Lisa soll sich als neuer David Cronenberg verkaufen, Steven Soderberghs Überraschungserfolg mit „Sex, Lügen und Video“ geistert noch frisch durch die Köpfe der Studio-Executives. Man liest Variety und Entertainment Weekly, am Set will man von seiner Darstellerin so viel Isabelle Adjani wie möglich. Gierig saugt man einander aus, verschlingt Freund und Feind; die Grenzen zwischen Industrie-Zombie und tatsächlichem Untoten verlaufen fließend.

Die Unschuld lässt man Lisa nach und nach aus dem Körper spucken; in Form von Katzenbabys, die sie für die Hexe hervorwürgen muss: Der Effekt von Zaubertränken und den populären Hollywood-Drogen von Kokain bis Meskalin werden ganz ähnlich gezeigt. Großzügig wird das Bild mit Unschärfe überzogen, den Durchblick hat ohnehin keiner. Wie Drehbuchautor William Goldman über das Showgeschäft zu sagen pflegte: Nobody knows anything. Das ist sicher auch der erzählerische Reiz von „Brand New Cherry Flavor“ – das Gefühl, unwägbares Terrain zu betreten, das man nach und nach besser versteht. Doch wem kann man trauen? Stehen wenigstens wir selbst und unsere Augen auf dieser sicher kurzen Liste? (Nein, natürlich nicht.)

Visuell wird diese Welt verzerrt und überschraubt gezeigt. Alles scheint aus dem Lot geraten, unwirklich. Heruntergekommene Appartements, Gewächshäuser und Villen werden in kaltes, künstliches Licht getaucht, das öfter flackert als einfach scheint. Es ist bemerkenswert, wie oft Horror-Unterhaltung heute nach den Mitteln des Giallo greift, ohne dessen Ästhetik durchdrungen zu haben. Edle Partys erinnern an verquere Vernissagen. Bei einer wird ein Apparat aufgestellt, der Gedanken direkt in Filme verwandeln soll – als wäre nicht alles längst schon reine Projektion.

Los Angeles als große Oberfläche

Doch auch wenn oft und tief in Fleisch geschnitten oder gebissen wird, oder selbst wenn man aus dem Nichts erscheinende Falltüren ins Unbewusste hinabsteigt – so recht in die Tiefe gehen will „Brand New Cherry Flavor“ nie. Die Oberflächenwelt von Los Angeles bleibt als solche erhalten.

Genauso, wie die Traumfabrik eine Fata Morgana war, ist auch das verhexte „Hellywood“ aus dünnen Holzfassaden gezimmert. Die geringe Zahl von immer wieder abgesuchten Schauplätzen und die ebenso dünne Masse an dort platzierten Schießbudenfiguren raubt der Serie jeder Weitläufigkeit und Vitalität. Bei aller berechtigten Kritik: ein derart potemkinsches Dorf kann L.A. unmöglich sein. Und selbst wenn, wäre es langweilig, es so zu zeigen. Wie will man Abgründe zeigen, wenn man nur Mulden in die Erde kratzt?

Auch die 1990er-Jahre als Epoche sind eher dünne Kostümierung als stilprägend. Man telefoniert mit Kabeltelefonen, vom Soundtrack schallen Pixies, Primus, R.E.M. und Superchunk. Aber darüber hinaus geht es wohl auch darum, dass das Hollywood von vor drei Jahrzehnten kaum anders war als das heutige. Die Zeit implodiert und lässt ein Gefühl von Gleichgültigkeit zurück. Als wäre es nicht wichtig, was sich verändert hat. Als gäbe es nicht mehr als eine Geschmacksrichtung von Hass und Ekel. Oft sind gerade die feinen Abstufungen des Bösen entscheidend.

So ist die Serie vor allem schwarzhumorige Kaugummi-Unterhaltung, auf der mit acht Folgen zwischen 40 und 50 Minuten ein wenig zu lange herumgekaut wird. Am Ende platzt die Blase nicht mit einem Knall, sondern fällt eher in sich zusammen. Alle Zeichen deuten auf eine zweite Staffel hin; die ewigen Kreisläufe drehen sich weiter, was Lisas finalen Entscheidungen ein wenig die Kraft raubt. So, als würde das böse Hollywood, das hier gezeichnet wird, aus der Serie hinausgreifen, um zu zeigen, wie hilflos alle Subversion gegen die Kraft von Geld und Ritual ist.

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