Träum weiter! Sehnsucht nach Veränderung

Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | 102 Minuten

Regie: Valentin Thurn

Ein Dokumentarfilm begleitet über mehrere Jahre hinweg fünf Menschen, die ihr Leben radikal umgekrempelt haben und durch die Verwirklichung ihrer Träume die Welt zu einem besseren Ort machen wollen. Das reicht von Hochwasserhilfe über eine Leichter-als-Luft-Technologie bis hin zu neuem Lernen und Wohnen oder einer Reise auf den Mars. Der Film stellt die Protagonisten und ihre Vorhaben vor, ohne zu urteilen, und verzichtet, abgesehen von einigen gewollt poetischen Kommentaren, auf Überhöhung. So erweisen sich die vermeintlichen Träumer als Realisten, deren Selbstverwirklichung auch von ihren gesicherten Lebensverhältnissen abhängt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Valentin Thurn
Buch
Valentin Thurn · Sebastian Stobbe
Kamera
Gerardo Milsztein
Musik
Pluramon
Schnitt
Birgit Köster
Länge
102 Minuten
Kinostart
30.09.2021
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Doku über fünf Träumer, die ihr Leben umgekrempelt haben und durch alternative Lebens- und Arbeitsentwürfe die Welt zu einem besseren Ort machen wollen.

Diskussion

Manch ein Individuum will hoch oder weit hinaus und wird deshalb von „Normalos“ gern als Fantast abgestempelt. Doch dass man heutzutage mehr denn je Menschen braucht, die unkonventionell denken und damit Neues und Nützliches anstoßen, beweist der Dokumentarfilm „Träum weiter!“ von Valentin Thurn. In einem Zeitraum von drei Jahren hat der Regisseur fünf Idealisten mit der Kamera begleitet und zeigt, wie diese teilweise durchaus bürgerlichen Weltverbesserer ihre Träume ausleben.

Der Designer Joy Lohmann träumt von nachhaltigen Inseln. Diese könnten Menschen und Güter in Umweltkatastrophen retten. Lohmann veranstaltet Workshops, bei denen sich junge Menschen in Brandenburg oder Straßenkinder in Indien zum gemeinsamen Werkeln, Schrauben und Bauen von großen und kleinen Flößen treffen. Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl, bündelt unterschiedliche Fertigkeiten und zeitigt ein Resultat.

Zu etwas Nützlichen anleiten

Die schwimmenden Inseln werden aus weggeworfenen Tonnen oder Plastikflaschen hergestellt. Zwar mag die Nachhaltigkeit des Projekts am Ganges durch den CO2-Fußabdruck von Lohmanns Reise dorthin (die allerdings nicht thematisiert wird) relativiert werden. Doch den Willen des Designers, Menschen zu nützlichen Aktionen anzuleiten, kann man ihm nicht absprechen.

Von selbstbestimmtem Lernen träumt Lina Fuks. Fuks und ihre Partnerin Katja bewirtschaften in Portugal einen vormals verlassenen Bauernhof und unterrichten auch ihre sieben Kinder selbst. Im Unterschied zu Deutschland ist in Portugal Homeschooling erlaubt. Fuks, die ihrem einstigen Leben in einer baden-württembergischen Kleinstadt entflohen ist, sieht im regulären Schulbetrieb zu viele Zwänge. Von einem Lernplan für alle hält sie nichts; sie fördert lieber die einzelnen Talente der Kinder. Sie wartet, bis sie an einem Thema Interesse anmelden oder weckt es durch „learning by doing“.

Die Protagonisten werden durch Bilder eingeführt, die sie bei typischen Beschäftigungen zeigen und über die sie ein eigenes Voiceover sprechen. Damit lässt der Regisseur zwar Distanz zu den Protagonisten vermissen, doch das Urteilen ist ohnehin nicht seine Sache. Über Sinn oder Unsinn der Träume muss sich das Publikum selbst eine Meinung bilden. So mag man an der Umsetzbarkeit des Traums von Günther Golob zweifeln, den Mars zu bereisen und gar zu besiedeln. Die Reise einer privaten Investorengruppe soll 2026 starten. Der ehemalige Betreiber einer Kulturagentur hat alles aufgegeben, um sich seiner Mission zu widmen. Unter die 100 Bewerber für die letzte Runde hat es der Österreicher bereits geschafft.

Träume und Vision als Katalysator

Unterbrochen werden die verschiedenen Porträts durch Animationen, bei denen eine über die Leinwand fahrende Hand immer neue Formen erstellt und dann wieder verwischt. Über sphärische Musik hinweg spricht eine Frauenstimme Formeln, die offenbar poetisch und motivierend sein sollen. Was umso überflüssiger wirkt, als der Film ansonsten auf Überhöhung verzichtet. „Träum weiter!“ zeigt vor allem auf, dass die vermeintlichen Träumer eigentlich große Realisten sind. Zielstrebig arbeiten sie darauf hin, konkrete Ziele zu verwirklichen; ihre Träume und Visionen dienen zumeist als Katalysator.

Unterm Strich erweisen sich die meisten Protagonisten in „Träum weiter!“ als Individualisten. Sie wollen ihr Leben selbst bestimmen, sich nicht gesellschaftlichen Normen unterwerfen. Die meisten hält das aber nicht davon ab, Dinge zu entwickeln, die anderen zugutekommen. Auch der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel hat vieles in seiner bislang recht geradlinig verlaufenden Karriere als einschränkend empfunden. Er erkennt keinen Sinn mehr darin, Shopping Malls in Deutschland oder Museen für steinreiche Auftraggeber in Katar zu bauen. Jetzt konstruiert er Tiny Houses, träumt von Siedlungen voller Kleinstbehausungen und fragt sich, inwiefern sie das Wohnen in der Großstadt beeinflussen oder gar verändern können.

Scheitern als Herausforderung

Auch der fünfte Protagonist, Carl-Heinrich von Gablenz, hat sich vom Manager und Banker zum Abenteurer entwickelt. Sein Traum ist die nachhaltige Leichter-als-Luft-Technologie zum Transportieren von Lasten. Mit dem Bau von kleinen Luftschiffen will er dazu beitragen, Hilfsgüter in Notfällen zu transportieren und gezielt anzuliefern. Sein Projekt „Cargolifter“ hat zwar Pleite gemacht, doch die Insolvenz hält ihn nicht davon ab, weiter zu tüfteln und neue Finanzierungsmodelle zu ersinnen.

Die Protagonisten in Thurns Dokumentarfilm glänzen mit Erfindungsreichtum, aber auch dem notwendigen Know-how, um ihre Visionen umzusetzen. Dass ihnen nicht alles gelingt, begreifen die mit reichlich Unternehmer- und Pioniergeist ausgestatteten Visionäre zumeist als Herausforderung.

Doch so bewundernswert der Mut und die Entschlossenheit der Porträtierten auch sein mag: Der Film macht – gewollt oder ungewollt – auch deutlich, dass solche Lebensentwürfe nur begrenzt zur Nachahmung taugen. Lohmann, Fuks, Golob, Le-Mentzel und von Gablenz sind keine gesellschaftlichen Aussteiger, sondern gut ausgebildete oder finanziell abgesicherte Westler, die sich ihre Selbstverwirklichung auch leisten können.

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