Der Kastanienmann

Krimi | Dänemark 2021 | 331 (sechs Folgen) Minuten

Regie: Kasper Barfoed

In einem Vorort von Kopenhagen wird die verstümmelte Leiche einer Frau gefunden. Der einzige Hinweis auf den Mörder ist ein Kastanienmännchen, das zugleich eine Verbindung zu einem seit einigen Monaten vermissten Mädchen andeutet. Die dänische Krimi-Serie betritt damit kein Neuland, bleibt aber durchgängig spannend, auch wenn die gesellschaftspolitischen Motive um moderne Mutter- und Familienkonstellationen dabei der allzu kausalen Logik der Ermittlungen unterworfen bleiben. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
KASTANJEMANDEN
Produktionsland
Dänemark
Produktionsjahr
2021
Regie
Kasper Barfoed · Mikkel Serup
Buch
Søren Sveistrup · Dorte Warnøe Høgh · David Sandreuter · Mikkel Serup · Christoffer Örnfelt
Kamera
Louise McLaughlin · Sine Vadstrup Brooker
Musik
Kristian Eidnes Andersen
Schnitt
Martin Schade · Anja Farsig · Cathrine Ambus · Lars Therkelsen
Darsteller
Danica Curcic (Naia Thulin) · Mikkel Boe Følsgaard (Mark Hess) · Iben Dorner (Rosa Hartung) · Lars Ranthe (Nylander) · Esben Dalgaard Andersen (Steen Hartung)
Länge
331 (sechs Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Krimi | Literaturverfilmung | Serie

Dänische Krimi-Serie um einen Frauenmörder, der außer einem Kastanienmännchen keine Spuren am Tatort hinterlässt.

Diskussion

Etwas stimmt nicht mit diesem Herbst. Noch bevor die einschlägigen Vorzeichen sichtbar werden, raunt es das Cello auf der Tonspur. Im Bild sind es dann die Wolken, die tiefhängend mit neuem Regen drohen; der Wald, der die Straßen einzuschließen droht, und das Auto, das wie ein Phantom lautlos dahingleitet. Das Ziel ist ein scheinbar verwaister Hof. Der Polizeibeamte, der aussteigt, um den Hofherren zu suchen, wird dessen Familie und damit die ersten Opfer einer Mordserie finden, die sich Jahre später in Kopenhagen fortsetzt. Das zunächst einzig sichtbare Verbindungsstück zwischen den verstümmelten Leichen ist ein Kastanienmännchen, das sich an jedem einzelnen Tatort wiederfindet. Andere Spuren gibt es nicht. Dafür ist der Mörder, wie in skandinavischen Krimis üblich, zu präzise und zu gründlich.

Der Autor Søren Sveistrup ist seit seinem Serienerfolg Kommissarin Lund – Das Verbrechen beziehungsweise dessen US-Remake „The Killing“ einer der großen Namen in der Welt der skandinavischen Krimi-Dramen um Serienmörder und die Kommissarinnen, die sie jagen. In „Der Kastanienmann“, dessen Drehbuch nach seiner Romanvorlage ebenfalls von Sveistrup stammt, heißt diese Kommissarin Naia Thulin (Danica Curcic). Thulin, die schon mit einem Bein im Innendienst steht, übernimmt ein letztes Mal als leitende Ermittlerin einen Mordfall. Statt regelmäßiger Arbeitszeiten und der Chance, endlich wieder etwas Zeit mit ihrer Tochter verbringen zu können, muss die Kommissarin gemeinsam mit Mark Hess (Mikkel Boe Følsgaard), dem neuen Kollegen von Europol, in die entstellten Gesichter der Frauen sehen, die der Mörder wie Kastanienmännchen aus Fleisch präpariert hat. Die Augen der Opfer sind herausgebohrt, die Gliedmaßen abgetrennt, wie die Streichhölzer, die sonst in Kastanien stecken.

Die Fingerabdrücke einer Verschwunden

Die einzigen Spuren, die der Mörder hinterlässt, sind die den neben den Leichen aufgestellten Kastanienfiguren. Sie tragen die Fingerabdrücke der vor einigen Monaten verschwundenen Kristine Hartung. Die Tochter der Sozialministerin Rosa Hartung (Iben Dorner) galt als ermordetet, der Fall mit dem Geständnis des angeblichen Mörders als abgeschlossen. Jetzt, da Rosa und ihre Familie den Weg zurück in das Leben und den dazugehörigen Alltag gefunden haben, kehrt mit den Fingerabdrücken die quälende Hoffnung zurück, die eigene Tochter könnte doch noch am Leben sein.

Im Mittelpunkt der Mordreihe stehen, egal wessen Perspektive gerade eingenommen wird, Mutterfiguren. Die Frauen, die verstümmelt und getötet werden, sind allesamt dem Jugendamt bekannte Mütter, die ihre Kinder oft vernachlässigt oder gar misshandelt haben. Die „Strafe“ des Mörders macht keine Unterscheidung zwischen beiden Phänomenen. Naia und Rosa werden als Prototypen für Mütter, die Führungs- und Verantwortungspositionen an der Grenze des Erduldbaren mit ihrer Rolle im Familiengefüge zu vereinbaren versuchen, mit in den Abgrund gezerrt.

Das Private folgt der Krimi-Dramaturgie

Bei alledem ist „Der Kastanienmann“ gut genug. Die Figuren wirken lebendig in der melancholischen Herbstkulisse, die Volten, die den Fall immer wieder in neue Richtungen und die Ermittler auf falsche Fährten drängen, sind gut gesetzt, und die Actionszenen überbrücken potenzielle Spannungslücken. Doch mehr als die Summe seiner Teile ist „Der Kastanienmann“ nicht. Die gut getaktete Spannungsmechanik entpuppt sich mitunter als Hemmschuh für die Motive, die sich um das moderne Mutter- und Familiendasein drehen. Zu sehr hängt die Dynamik des Privaten an der in Schritten gedachten Krimi-Dramaturgie. Auf jede heiße Spur folgt eine verpasste Schulaufführung, auf jedes neue Kastanienmännchen am Tatort ein weiterer Rückfall von Rosas Ehemann Steen (Esben Dalgaard Andersen).

Die Kausalitätsketten der Ermittlung greifen ins Private über und gliedern die komplizierten und widersprüchlichen Familienbeziehungen in den linearen Prozess der Verbrechensbekämpfung mit ein. Wirklich nahe kommt die Serie dabei weder der einen noch der anderen Familie. Es bleibt allein das flüchtige Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt.

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