Thriller | USA 2021 | 90 Minuten

Regie: Antoine Fuqua

Ein Polizist erhält in der Notrufzentrale kurz vor Ende seiner Nachtschicht den Anruf einer Frau, die offenbar von ihrem Ex-Mann entführt wurde. Von seinem Platz aus setzt er alle Hebel in Bewegung, um der Frau zu helfen und agiert dabei auch weit über seine Befugnisse hinaus. Das US-amerikanische Remake des gleichnamigen dänischen Kammerspiel-Thrillers verlegt die Geschichte in das von Waldbränden betroffene Los Angeles, fügt sonst aber kaum Neues hinzu. Nichtsdestotrotz gelingt dank des hervorragenden Hauptdarstellers und einer dichten Inszenierung ein packender Thriller über Schuld und Wahrheit, der eine intensive Filmerfahrung bietet und lange nachhallt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE GUILTY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Antoine Fuqua
Buch
Nic Pizzolatto
Kamera
Maz Makhani
Musik
Marcelo Zarvos
Schnitt
Jason Ballantine
Darsteller
Jake Gyllenhaal (Joe Baylor) · Riley Keough (Emily Lighton) · Peter Sarsgaard (Henry Fisher) · Christina Vidal (Sgt. Denise Wade) · Ethan Hawke (Sgt. Bill Miller)
Länge
90 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Thriller

US-Remake des gleichnamigen dänischen Thrillers, das dem Original kaum Neues hinzufügt, aber dennoch eine intensive Erfahrung bietet.

Diskussion

2018 wurde ein kleiner, wuchtiger Thriller zum Überraschungserfolg, weit über sein Produktionsland Dänemark hinaus: „The Guilty, ein Kammerspiel, das ausschließlich in der Notrufzentrale von Kopenhagen spielt, dessen Handlung aber überwiegend im Kopf des Zuschauers stattfindet. Ähnlich wie bei Filmen wie „No Turning Back oder „Buried wird auch in „The Guilty“ nur über die Telefonate, die der Protagonist führt, das Geschehen vermittelt. Dem dänischen Regisseur Gustav Möller gelang damit, einen effektiven Thriller-Plot voller Wendungen und Gänsehautmomente zu entwickeln, der über die komplette Laufzeit fesselte.

Drei Jahre später folgt nun das US-amerikanische Remake. Bei solchen Neuverfilmungen ist meist Skepsis angebracht. Doch mit Blick auf die Namen der Beteiligten weicht sie in diesem Fall der Neugier: Nic Pizzolatto, Schöpfer der Serie „True Detective, zeichnet für das Drehbuch verantwortlich, Actionfilm-Regisseur Antoine Fuqua übernahm die Regie, Jake Gyllenhaal spielt die Hauptrolle und produzierte mit.

Die Handlung des Originals wurde für die neue Version von Kopenhagen in das von Waldbränden bedrohte Los Angeles verlegt. Ansonsten hält sich das Remake sehr stark an die Vorlage und weicht nur in leisen Zwischentönen davon ab.

Ein gezeichneter Anti-Held

Der Polizist Joe Baylor (Jake Gyllenhaal) hat die Nachtschicht in der Notrufzentrale. Wie im Laufe des Films deutlich wird, wurde er dorthin degradiert, da gegen ihn ein Gerichtsverfahren läuft; am nächsten Morgen steht der entscheidende Prozess gegen ihn an. Baylor ist kein Held, sondern ein gezeichneter Mann, das wird von der ersten Szene an deutlich. Er steht im Bad, sein Gesicht ist schmerzhaft verzerrt, während er sich die Seele aus dem Leib hustet. Erst ein Inhalator hilft ihm, zu Luft zu kommen.

Von dieser Schwäche ist kurz darauf aber nichts mehr zu spüren. Als er am Telefon sitzt und die Notrufe entgegennimmt, reagiert er wenig einfühlsam; er wirkt gelangweilt und überheblich. Einen Mann, der im Rotlichtviertel von einer Prostituierten beklaut wurde, lacht er aus und lässt ihn absichtlich lange warten. Einem panischen Mann im Drogenrausch sagt er nur, er solle gefälligst keine Drogen mehr nehmen.

Doch dann kommt der Anruf von Emily. Zunächst hält Joe auch sie für eine Betrunkene, doch dann begreift er, dass sie nicht anders sprechen kann – weil ihr Entführer offenbar neben ihr sitzt. Joe will ihr mit allen Mitteln helfen und geht dabei weit über seine Befugnisse hinaus.

Warum geht dem Polizisten, der gerade andere große Sorgen hat, ausgerechnet dieser Fall so nahe? Wegen seiner Ex-Frau, von der er seit Monaten getrennt ist? Oder wegen seiner Tochter, die im selben Alter ist wie Emilys Tochter? Oder braucht er das Gefühl, etwas Gutes zu tun – als Gegenpol zu der Schuld, die auf ihm lastet?

„Die Wahrheit wird euch frei machen“: Mit diesem Bibelzitat aus dem Johannes-Evangelium eröffnet „The Guilty“. Doch diese Aussage passt für den Film nur zum Teil. Am Ende wird die Wahrheit den Protagonisten zwar innerlich befreien. Doch in der Zwischenzeit bringt sie nichts als Verzweiflung.

Ein intensives Filmerlebnis

Ein paar Mal scheint es, als würde das Konzept des Kammerspiels aufgegeben und die Handlung auf den Straßen gezeigt. Rücklichter der Autos oder das Blaulicht vom Highway schieben sich ins Bild, überdecken Gyllenhaals Gesicht. Der Film widersteht allerdings der Versuchung, ganz in die Szenen außerhalb der Notrufzentrale zu gehen. Die Bilder von draußen blinken nur kurz auf – etwas irritierend –, doch es bleibt der Zuschauer mit seiner Vorstellungskraft gefragt.

Die Version von Antoine Fuqua ist wie schon das Original ein intensives Filmerlebnis. Man wird in die Geschichte hineingesogen, mit allen filmischen Mitteln, die ein Kammerspiel hergibt. Eine mitreißende Soundcollage begleitet die Story und weist den emotionalen Weg; die vielen Nahaufnahmen lassen keine Distanz zum angespannten Geschehen zu; vor allem aber trägt die Präsenz von Jake Gyllenhaal dazu bei, dass dieser Film einen nicht kaltlässt. Gyllenhaal hat schon mehrfach bewiesen, dass er die Leinwand für sich einnehmen kann – physisch und emotional, ob muskelbepackt in „Southpaw oder abgemagert in „Nightcrawler. Auch in „The Guilty“, in dem oft nur sein Gesicht oder Details davon zu sehen sind, vereinnahmt er das Bild für sich – schreiend, weinend, verzweifelnd, leidend.

Dabei ist seine Figur keineswegs sympathisch. Sie ist bedrohlich und unberechenbar. Offensichtlich lastet ein enormer Druck auf Joes Schultern, dessen Ausmaß sich nur nach und nach offenbart. Wie er mit Kollegen spricht oder seine Ex-Frau behandelt (es liegt nah am Stalking), ist eigentlich unverzeihlich. Es gibt noch mehr Unverzeihliches, das er getan hat. Doch er leidet unter der Last seiner Schuld. Joe Baylor ist dadurch ein klassischer Charakter des Film noir. Dieser schwarzen Logik folgt auch der Plot von „The Guilty“: Joe Baylor kann seinem Schicksal nicht entkommen. Es wird nur schlimmer, auch – oder gerade wenn – er glaubt, etwas Gutes zu tun.

Kleine Änderungen stellen US-Bezug her

Die neue Version fügt dem Original kaum Neues hinzu, auch wenn das Drehbuch von Nic Pizzolatto ein paar kleine Änderungen einbaut, um den Bezug zur USA herzustellen. Man könnte also zu dem Schluss kommen, dass das Original ausreiche. Nichtsdestotrotz ist Antoine Fuqua dank des hervorragenden Jake Gyllenhaal und einer atmosphärisch-dichten Inszenierung ein intensives Filmerlebnis gelungen, das die Themen Schuld und Wahrheit berührt und noch lange nachwirkt.

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