Ottolenghi und die Versuchungen von Versailles

Dokumentarfilm | USA 2020 | 78 Minuten

Regie: Laura Gabbert

2018 engagiert das New Yorker Metropolitan Museum of Art den israelischen Meisterkoch Yotam Ottolenghi für ein Live-Event auf den Spuren der Konditorkunst von Versailles. Für die Ausstellungseröffnung sucht dieser sich Backkünstler aus aller Welt zusammen, die ihre Kreationen auch als Kunstwerke betrachten. Der Dokumentarfilm begleitet die Vorbereitung in optischer Makellosigkeit und ist hochinformativ und unterhaltsam. Dabei fehlt ihm allerdings der Anspruch, die durchaus implizite Dekadenz des Ereignisses auch zu hinterfragen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
OTTOLENGHI AND THE CAKES OF VERSAILLES
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Laura Gabbert
Buch
Laura Gabbert
Kamera
Judy Phu
Musik
Ryan Rumery
Schnitt
Philip Owens · Faroukh Virani
Länge
78 Minuten
Kinostart
21.10.2021
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Dokumentarisches Porträt

Ein Dokumentarfilm über einen Auftrag des Meisterkochs Yotam Ottolenghi für das New Yorker Metropolitan Museum of Art, der für eine Ausstellungseröffnung ein kulinarisches Kunstwerk erschaffen soll.

Diskussion

Er ist ein Meister der Kochkunst: der aus Israel stammende Yotam Ottolenghi, der allein in London sechs gut gehende Restaurants betreibt. Seine Kochbücher sind Weltbestseller, und weil bei ihm das Auge immer mitisst, erhielt er eines Tages eine Mail von der MET, dem New Yorker Metropolitan Museum of Art. Für eine Kunstausstellung über die Besucher von Versailles im Sommer 2018 bat man Ottolenghi, ein Live-Ereignis mit feinsten Backwaren und Patisserie zu bestücken, die den „Kuchen von Versailles“ nachempfunden sind.

Ottolenghi, der seine Karriere als Konditor begann, wollte dieses einmalige „Koch-Event“ nicht allein bestücken und suchte nach besonders kreativen Konditorinnen und Konditoren in aller Welt, die sich auch als visuelle Künstler betrachten. Über Instagram fand er u.a. eine Meisterin aus der Ukraine, zwei Künstler aus London, einen Patissier, der aus Frankreich stammt, und Janice Wong aus Singapur, eine Spezialistin für essbare Kunst und besondere kulinarische Spektakel.

Als der amerikanische Produzent Steven Robillard von dem nahenden Event erfährt, engagiert er die vielseitige Dokumentarfilmregisseurin Laura Gabbert. Sie soll Ottolenghi bei den Vorbereitungen in London und Versailles und vor allem während der Veranstaltung für die New Yorker High Society filmisch begleiten.

Luxus und Dekadenz damals und heute

Herausgekommen ist eine überaus unterhaltsame und informative Dokumentation über die Verbindung zwischen Essen, Kunst und Geld. Auch wenn die Filmemacherin Ottolenghi und seine Kochkünstler:innen nur feiert und ihnen eine Bühne gibt, sich zu präsentieren, hat ihr Film bewusst oder unbewusst noch einen weiteren Subtext: Luxus und Dekadenz in Versailles vor über 200 Jahren und im New Yorker Metropolitan Museum heute. Während eine amerikanische Kunsthistorikerin und Ottolenghi selbst den Hof in Versailles für seine Offenheit loben und den Luxus und die Verschwendungssucht auch im Bezug auf die Zurschaustellung des Essens durchaus thematisieren, gehen sie auf die sozialen Klassenunterschiede nicht ein. Das Volk bleibt uninteressant.

Ähnlich verhält es sich bei den Bildern aus dem Jahr 2018 in der MET. Mit einem logistischen und finanziellen Riesenaufwand werden kostbarste Speisen kreiert, die auch im 21. Jahrhundert wieder nur von einer sehr gut betuchten Elite goutiert werden können. Diese Nicht-Reflexion stößt dem Betrachter spätestens nach Ende des Films auf.

Gut dosierte Interviews machen den Film sehenswert

Und so ist „Ottolenghi und die Versuchungen von Versailles“ dann auch eher eine gepflegte TV-Doku als ein wirklicher Kino-Dokumentarfilm. Das bedeutet jedoch nicht, dass man dieses Werk nicht goutieren könnte. Besonders dankbar ist man als Zuschauer auch über die gut dosierten Interviews, wenn Yotam Ottolenghi über seinen biografischen Hintergrund berichtet oder man ihn zusammen mit seinem palästinensischen Geschäftspartner Sami Tamimi sieht, der im Ostteil Jerusalems aufwuchs. Und so bleibt es trotz seines unkritischen Ansatzes immer eine sehenswerte Doku, die durchaus Appetit auf mehr macht.

Man genießt so auch die optische Schönheit der Törtchen und kleinen Kuchen und ist sogar gewillt, sich vielleicht ein Kochbuch des Meisters zuzulegen. Wer übrigens bei diesem Film kritisch das Product Placement anmerkt, sollte wissen, dass beispielsweise bei dessen ausverkaufter Vorführung beim Jüdischen Filmfestival in Berlin und Brandenburg im Juli 2021 etwa zwei Drittel der Zuschauer bereits ein Kochbuch von Ottolenghi besaßen.

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