Coming-of-Age-Film | USA 2021 | (1. Staffel: acht Folgen) Minuten

Regie: Sterlin Harjo

Eine Coming-of-Age-Serie über die Probleme von vier indigenen Jugendlichen im ländlichen Oklahoma, die alle der Perspektivlosigkeit ihrer Heimat entkommen und nach Kalifornien aufbrechen wollen. Helfen soll ihnen dabei ein kleinkrimineller Coup; in der Folge sehen sie sich allerdings genötigt, ihren moralischen Kompass neu zu justieren. Ihre persönliche Verbindung zu ihrem kulturellen Erbe, die beiläufigen Beobachtungen des sozialen Alltags und die glaubhafte Besetzung verleihen der Serie eine Besonderheit, die über schablonenhafte Konflikte des Coming-of-Age-Genres hinausgeht. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
RESERVATION DOGS
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Sterlin Harjo · Sydney Freeland · Blackhorse Lowe · Tazbah Chavez
Buch
Sterlin Harjo · Taika Waititi · Bobby Wilson · Tommy Pico · Tazbah Chavez
Kamera
Mark Schwartzbard · Christian Sprenger
Musik
Mato Standing Soldier
Schnitt
Yana Gorskaya · Dane McMaster · Gina Sansom · Varun Viswanath
Darsteller
Devery Jacobs (Elora Danan Postoak) · D'Pharaoh Woon-A-Tai (Bear Smallhill) · Lane Factor (Cheese) · Paulina Alexis (Willie Jack) · Sarah Podemski (Rita)
Länge
(1. Staffel: acht Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 12.
Genre
Coming-of-Age-Film | Serie

Coming-of-Age-Serie um die Probleme von vier indigenen Jugendlichen im ländlichen Oklahoma, die nach Kalifornien aufbrechen wollen

Diskussion

Eine Tüte Käsechips verrät die Diebe. Der Sheriff erkennt in den Händen eines Jungen die Marke der Chips wieder, von der kürzlich ein ganzer Lastwagen überfallen und gestohlen wurde. Der kauende Junge – sein Name Cheese (Lane Factor) ist Programm – gibt sich unwissend; genauso wie seine Freunde Bear (D'Pharaoh Woon-A-Tai), Elora (Kawennáhere Devery Jacobs) und Willie (Paulina Alexis). Damals hat der Sheriff auf sein Handy starrend den Überfall verpasst, während im Hintergrund die vier Jugendlichen mit dem LKW voll mit Chipstüten über die Landstraße davongerast sind. Die Chips essen sie nicht nur selbst, sondern verkaufen die Beute in der Einfahrt ihres Zuhauses weiter. Der Sheriff bleibt misstrauisch, sagt aber nichts weiter.

Nicht der Eigenbedarf ist das Ausschlaggebende des Raubs – auch wenn vor allem Elora mit vierzehn Chipstüten pro Tag ordentlich zugreift und davon Bauchschmerzen bekommt. Von dem Erlös planen die vier indigenen Jugendlichen ihr Reservat in Oklahoma zu verlassen, um nach Kalifornien aufzubrechen. Doch in den USA stehen die Chancen, Träume auch zu realisieren, längst nicht für alle gleich. In ihrer Heimat, einer ländlichen Gegend, ist die Armut hoch und die Perspektiven auf Arbeit sind schlecht. Stillstand ist der Normalzustand. Und so ist der Akt des Stehlens an sich schon eine kleine Rebellion, um den Blutdruck der Pubertierenden mal in die Höhe schießen zu lassen.

Bunte Flecken und blutige Nase

Angelehnt ist der Name der Vierer-Gang Reservation Dogs an Quentin Tarantinos Klassiker „Reservoir Dogs“. Einmal treten sie in Anlehnung an dessen Figuren auch in Anzügen mit Krawatten und lässig aufgeknöpften Hemden auf die Straße. In Sachen Coolness können sie auf jeden Fall mit den älteren Herren mithalten; in Sachen Gewalt läuft es bei den vier Kleinkriminellen etwas harmloser: Eine rivalisierende Gang attackiert die vier, als sie auf dem Territorium der anderen Chips verkaufen, lediglich mit Paintballs. Das beschert allen Reservation Dogs bunte Flecken; verarztet werden müssen sie hinterher lediglich wegen Nasenbluten, Bauchschmerzen, Sehschwäche. Der Sheriff rät außerdem im Krankhaus von Energy Drinks ab. Der Zucker des weißen Manns sei schlecht für die Zähne und gut für Diabetes. Bear schüttelt bloß den Kopf.

Solche kleinen Beobachtungen machen aus „Reservation Dogs“ eine Coming-of-Age-Serie, die fest in der sozialen Gegenwart der indigenen Bevölkerung der USA verortet ist. Außerdem sind Cast und Showrunner (federführend in Produktion, Drehbuch und Regie: Sterlin Harjo und Taika Waititi) ganz oder teils indigener Abstammung, was ebenfalls als Novum in der amerikanischen Fernsehlandschaft gelten kann. Neben der Perspektivlosigkeit des Ortes werden auch die häufigen Krankheiten in der Bevölkerungsgruppe thematisiert. Das wirkt zwar nicht so drastisch wie in Chloé Zhaos „Songs My Brother Taught Me“, aber die Frage von Cheese an seinen Kumpel Bear, ob er nur komisch drauf oder depressiv sei, hat innerhalb des leichtfüßigen Tons der Serie doch einen erschreckenden Effekt.

Depression oder Lethargie sind nur allzu verbreitet unter den Erwachsenen. Bears Mutter hätte lieber einen Anwalt als einen indigenen Rapper geheiratet. Und auch der örtliche Arzt möchte wieder nach Kalifornien zurückkehren. Einzig vom Geist eines Ureinwohners namens William „Spirit“ Knifeman bekommt Bear Unterstützung. Dieser gibt ihm Ratschläge wie zum Beispiel: „Es ist leicht, schlecht zu sein, aber schwer, deinem Volk gegenüber loyal zu sein.“

(Native) American Dream

Dieser Satz löst bei Bear dann auch das schlechte Gewissen aus, als die vier den bestohlenen LKW-Fahrer, einen ebenfalls nicht wohlhabenden Afroamerikaner, wiedersehen. An diesen Stellen spielt die Serie dann doch wieder das typische Erwachsenwerden-Muster durch, wo Jugendliche ihren moralischen Kompass finden sollen. Das Besondere aber ist, dass die vier trotz Amerikanisierung immer noch eine Verbindung zu ihrem kulturellen Erbe aufrechterhalten. Einmal veranstalten sie in einem verlassenen Fabrikgelände eine Totenzeremonie mit Rauch und einem Foto des verstorbenen Freundes Daniel. Auch diese Geschichte hinterlässt unsichtbare Wunden in den Seelen der Jugendlichen. Gleichzeitig träumen sie immer noch von Kalifornien. Und wo Träume sind, gibt es Hoffnung.

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