1982 - Neunzehnhundertzweiundachtzig

Drama | Libanon/USA/Norwegen/Katar 2019 | 100 Minuten

Regie: Oualid Mouaness

Am letzten Schultag vor den Sommerferien 1982 will ein elfjähriger Junge in Beirut seiner Klassenkameradin endlich sagen, was er für sie empfindet. Doch der Einmarsch der israelischen Armee durchkreuzt diese Absicht ebenso wie die Romanze zwischen einem Lehrerliebespaar. Der autobiografisch geprägte Film beschreibt anhand der Ereignisse eines Tages die Folgen des libanesischen Bürgerkriegs für Kinder wie Erwachsene. Die kontemplative Inszenierung punktet mit soliden Darstellerleistungen und einer stimmigen Atmosphäre, lässt jedoch dramatische Zuspitzungen und eine Einbettung in den politischen Kontext vermissen. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
1982
Produktionsland
Libanon/USA/Norwegen/Katar
Produktionsjahr
2019
Regie
Oualid Mouaness
Buch
Oualid Mouaness
Kamera
Brian Rigney Hubbard
Musik
Nadim Mishlawi
Schnitt
Jad Dani Ali Hassan · Sabine El Gemayel
Darsteller
Nadine Labaki (Yasmine) · Mohamad Dalli (Wissam) · Gia Madi (Joana) · Rodrigue Sleiman (Joseph) · Ghassan Maalouf (Majid)
Länge
100 Minuten
Kinostart
04.11.2021
Pädagogische Empfehlung
- Ab 12.
Genre
Drama

Autobiografisch grundiertes Filmdrama um zwei Kinder und ein Lehrerpaar in Beirut, die im Sommer 1982 unter dem eskalierenden Bürgerkrieg leiden.

Diskussion

Beirut 1982. Der elfjährige Wissam fährt mit dem Bus zu den letzten Prüfungen, die vor den Sommerferien in der privaten englischen Quäkerschule in den Bergen vor Beirut stattfinden. Wissam schwärmt schon lange für seine hübsche Klassenkameradin Joana und steckt heimlich einen Zettel in ihren Spind, denn er wagt es nicht, sie anzusprechen oder ihr gar seine Gefühle zu gestehen. Doch Wissam weiß, dass die Zeit für ihn knapp wird. Denn es könnte sein, dass er sie lange nicht mehr sehen kann.

Schon jetzt ist es schwierig, die Kontrollpunkte an der Demarkationslinie in der libanesischen Hauptstadt zu passieren. Während Wissam im christlich geprägten Osten Beiruts wohnt, lebt Joana im muslimisch dominierten Westteil. Die Lage spitzt sich weiter zu. Artillerielärm und Explosionswolken am Horizont zeigen an, dass das israelische Militär in den Bürgerkrieg eingreift.

Die Fenster lieber offenlassen

Für einen Träumer wie Wissam, der lieber Fantasieroboter zeichnet als Fußball spielt, sind die Schrecken des Krieges noch seltsam fern, anders als für seinen besten Freund Majid, der bereits weiß, dass man in solchen Zeiten die Fenster offenlassen sollte, damit der Luftdruck einer Explosion nicht so leicht das Glas zerstört. Als Joanas geschwätzige Freundin Abir von dem anonymen Annäherungsversuch auf dem Zettel erfährt, verdächtigt sie Majid und will gegen ihn vorgehen. Doch Joana lehnt das ab; immerhin fühlt sie sich ein bisschen geschmeichelt.

Die immer lauter werdenden Tiefflieger am blauen Himmel beunruhigen auch Wissams Lehrerin Yasmine und ihren Kollegen Joseph, deren romantische Beziehung unter hohem Druck steht. Während sie den Kopf vor dem Krieg gleichsam in den Sand steckt, bis es nicht mehr geht, verfolgt er in jeder freien Minute im Radio den Fortgang der militärischen Aktivitäten. Als die Schule geräumt wird, müssen beide die Nerven bewahren.

Der erste Langspielfilm des Regisseurs Oualid Mouaness, der als Sohn libanesischer Eltern in Liberia geboren wurde, in Beirut und Monrovia aufwuchs und heute zwischen Beirut und Los Angeles pendelt, ist unübersehbar autobiografisch geprägt. Er beruht auf tatsächlichen Ereignissen und den persönlichen Erlebnissen des Filmemachers.

Das Alter Ego des Regisseurs

Mouaness war zehn Jahre alt, als er und sein jüngerer Bruder in Beirut Zeugen von Luftkämpfen wurden. „Es war der erste Tag, an dem ich Krieg erlebte“, sagt er im Presseheft zum Film, der sich konsequent auf die Ereignisse an diesem einen Tag konzentriert. Wissam avanciert quasi zum Alter Ego des Regisseurs.

Das kontemplative Filmdrama ist in verhaltenem Tempo weitgehend aus Kindersicht erzählt. Es erzeugt zunächst eine heitere Sommeratmosphäre, ehe das herannahende Kriegsgeschehen die Stimmung eintrübt. Dass Mouaness keine explizite Gewalt im direkten Erfahrungsbereich der Kinder zeigt, korreliert mit dem Verzicht auf dramatische Zuspitzungen. So plätschert der Film etwas eintönig dahin und verschenkt sein Potenzial für tiefergehende Anteilnahme.

Die Inszenierung verbindet durchaus geschickt die Welt der Kinder und die der Erwachsenen. Während der narrative Mikrokosmos der Kinder eher von privaten Problemen wie Neckereien und Rivalitäten geprägt ist, dominieren bei den Erwachsenen die aktuellen politischen Konflikte zunehmend Alltag und Beziehungen. Das Lehrerliebespaar, das zugleich unterschiedliche politische Positionen vertritt, dient dabei gleichsam als Verbindungsbrücke.

Joana, ich liebe dich

Einige Sympathiepunkte sammelt „1982“ mit soliden Darstellerleistungen, allen voran mit Nadine Labaki. Die versierte Schauspielerin, die als Regisseurin 2019 mit ihrem Film „Capernaum“ auf sich aufmerksam machte, gibt der zwischen Fürsorge, Besorgnis und falschem Optimismus schwankenden Lehrerin Yasmine mit großer Souveränität ein klares Profil. Eine beachtliche Leinwandpräsenz entfalten auch Mohamad Dalli und Gia Madi als Kinder, die mit aufkeimenden Emotionen zu kämpfen haben. Bezaubernd ist die Szene, in der Wissam vor dem Spiegel obsessiv ein Liebesgeständnis übt: „Joana, ich liebe dich. Joana, ich liebe dich.“

Die Inszenierung versäumt es allerdings, den Kontext des Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 und die geopolitische Eskalation durch die israelische Militärinvasion zu erhellen. Etwas mehr Aufklärung über die zeitgeschichtliche Konfliktlage und die konfessionellen Grabenkämpfe hätte das Verständnis für Motive und Handlungsweisen der Akteure erleichtert. So erlebt man zu Beginn, wie Yasmine vergeblich versucht, ihren Bruder davon abzuhalten, mit seiner Miliz ins Kriegsgebiet in den Süden zu ziehen; der Bruder taucht danach nicht mehr auf.

Innerhalb der meist realistischen Inszenierung wirkt das fantastische Finale, in dem Wissam imaginiert, wie ein animierter Superroboter einen Schutzschirm über Beirut spannt, das in der Realität gerade von Artilleriegeschossen und Bomben getroffen wird, etwas aufgesetzt. Nicht zuletzt durch diese Schlusswendung avanciert der Film, der 2020 vom Libanon ins „Oscar“-Rennen geschickt wurde, zum Plädoyer für Humanität und gegen Krieg als politisches Mittel.

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