Drama | USA 2021 | 545 (10 Folgen) Minuten

Regie: John Wells

Eine junge Frau verlässt zusammen mit ihrer Tochter ihren gewalttätigen Partner, was sozial einen freien Fall in Obdachlosigkeit und Armut bedeutet. Um sich und ihr Kind aus dieser Misere herauszuarbeiten, schlägt sie sich mit den behördlichen Fallstricken bei der Beantragung von Sozialleistungen herum und nimmt einen Job als Reinigungskraft an, bei dem die Arbeitsbedingungen allerdings denkbar schlecht sind. Die zehnteilige Serie beleuchtet den schwierigen Emanzipationsprozess als Mischung aus Sozialdrama und Familien-Melodram um häusliche Gewalt, das Leben am Existenzminimum und die Ausbeutung von Arbeiter:innen im Niedriglohn-Sektor. Dabei gelingen der Serie, ohne dass sie in Rührseligkeit verfällt, aufrüttelnde Beobachtungen speziell zur Misere von Frauen in Missbrauchs- und Abhängigkeitsverhältnissen und den Defiziten im US-Sozialsystem bei deren Überwindung. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MAID
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
John Wells · Helen Shaver · Nzingha Stewart · Lila Neugebauer · Quyen Tran
Buch
Molly Smith Metzler · Marcus Gardley · Bekah Brunstetter · Colin McKenna · Michelle Denise Jackson
Kamera
Guy Godfree · Vincent De Paula · Quyen Tran
Musik
Chris Stracey · Este Haim
Schnitt
Annette Davey · Annie Eifrig · Jacquelyn Le
Darsteller
Margaret Qualley (Alex) · Nick Robinson (Sean) · Rylea Nevaeh Whittet (Maddy) · Andie MacDowell (Paula) · Anika Noni Rose (Regina)
Länge
545 (10 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Serie | Sozialdrama

Eine Sozialdrama-Serie um eine junge Mutter, die nach der Trennung von ihrem übergriffigen Partner darum ringt, materiell auf eigenen Füßen zu stehen

Diskussion

Im Sommer 2021 gingen Meldungen über unerwartete Entwicklungen im Niedriglohnsektor der USA im Zuge der Corona-Krise durch die Medien: Um in Zeiten des Lockdowns die Verelendung der zwangsweise Unbeschäftigten abzuwenden, hatte die US-Regierung das Arbeitslosengeld erhöht – mit dem Ergebnis, dass zahlreiche Angestellte, die sonst für Hungerlöhne arbeiteten, nicht zuletzt in der Gastronomie, finanziell mit der staatlichen Hilfe plötzlich besser dastanden als zuvor. Eine Erfahrung, die anscheinend dafür gesorgt hat, dass viele Menschen nach dem Ende des Lockdowns nicht so einfach wieder bereit waren, in mies bezahlte Knochenjobs zurückzukehren; das US-Arbeitsministerium meldete im Juni Rekordwerte an unbesetzten Stellen; und siehe an: durchschnittliche Stundenlöhne kletterten nach oben.

Wenn man sich die Serie „Maid“ ansieht, wünscht man den Amerikanern herzlich, dass diese arbeitnehmerfreundliche Entwicklung nicht mit dem Auslaufen des erhöhten Arbeitslosengeldes komplett wieder verschwindet. Die von Showrunnerin Molly Smith Metzler auf der Basis von Stephanie Lands autobiografischem Buch „Maid: Hard Work, Low Pay and a Mother’s Will to Survive“ (2019) geschriebene Serie kreist um den Existenzkampf einer jungen Mutter, die versucht, für sich und ihre zweijährige Tochter ein Auskommen zu finden und ohne Ausbildung bei einem jener Jobs im Niedriglohnsektor landet: Sie heuert bei einer Agentur als Putzfrau an. Die Serie begleitet die Protagonistin Alex (Margaret Qualley) durch die Härten des Arbeitsalltags und den Windmühlenkampf mit den Defiziten des US-Sozialsystems und kombiniert das Ganze mit einem Familiendrama, das den Kontext für ihre prekäre Situation liefert.

Ein Befreiungsschlag – und sozial ein freier Fall

Zu Beginn der ersten Episode liegt die junge Frau neben ihrem Freund Sean (Nick Robinson) im Bett; ihr Blick auf seinen ruhenden Körper ist der des Kaninchens auf die sprichwörtliche Schlange. Als sie sicher ist, dass er wirklich schläft, schleicht sie aus dem Schlafzimmer, packt ihre kleine Tochter Maddy ins Auto und lässt das gemeinsame Trailerpark-Zuhause hinter sich. Ein Befreiungsschlag, sozial gesehen aber auch ein freier Fall, denn Alex hat zuvor nicht gearbeitet, sondern von Seans Barkeeper-Gehalt mitgelebt, entsprechend kein finanzielles Polster und zudem kaum familiären oder anderweitigen Rückhalt, bei dem sie unterkommen könnte. Später beim Sozialamt, wo sie versucht, Unterstützung beim Finden eines Jobs und einer Unterkunft zu bekommen, wird sie nichtsdestotrotz abstreiten, ein Opfer häuslicher Gewalt zu sein, auch wenn dieser Status ihre Aussicht auf Hilfe verbessern würde. Schließlich hat Seans Faust beim letzten Streit nur ein Loch in die Wand neben ihr gehauen und nicht sie selbst getroffen.

Dass es auch so etwas wie psychische Gewalt gibt und dass Seans vor allem in betrunkenem Zustand gegen sie gerichtete Aggressivität schon auf dem besten Weg war, in Körperverletzung auszuarten, wird ihr erst später klar werden, als sie zwischenzeitlich doch in einem Frauenhaus unterkommt und sich dort mit anderen Frauen mit ähnlicher Leidensgeschichte auszutauschen beginnt.

Ein Emanzipationsprozess voller Rückschläge

Molly Smith Metzler schildert sowohl Alex’ Emanzipationsprozess aus der missbräuchlichen Beziehung als auch ihren Windmühlenkampf mit den sozialen Verhältnissen, die es ihr denkbar schwer machen, materiell auf eigene Füße zu kommen, weitgehend unsentimental und ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Als Alex Sean verlässt, hat sie gerade mal 18 Dollar in der Tasche. Das weiß man als Zuschauer:in so genau, weil im Lauf der Serie immer wieder als Inserts buchhalterische Überblicke über ihr spärliches Vermögen und ihre Ausgaben eingeblendet werden und einem vor Augen führen, welchen Stellenwert Geld hat, wenn man über wenig davon verfügt – eine Offenlegung der Notlage in nüchternen Zahlen, die die Scham konterkariert, die Alex selbst angesichts ihrer Armut empfindet: Nicht selbst für sich und ihre Tochter sorgen zu können, auf Unterstützung vom Staat angewiesen zu sein, ist ein unerträgliches Stigma, dass sie so schnell wie möglich loswerden will. Was sich allerdings, obwohl sie früh in der Serie ihren Putz-Job ergattert, als wahre Sisyphosaufgabe entpuppt.

Und so dreht Alex von Episode zu Episode ihre Runden in einem absurden Hamsterrad aus kläglich bezahlten Putz-Aufträgen, die nie zum Leben reichen, und der frustrierenden Interaktion mit diversen Behörden vom Sozialamt bis zum Gericht – ein Hamsterrad, das bei jeder unerwarteten Schwierigkeit, etwa einer durch Schimmel in einer Sozialwohnung verursachten Erkrankung Maddys, aus der Achse zu springen droht.

Familiendrama um häusliche Gewalt

Neben der harschen Kritik am Arbeitsmarkt und dem Sozialsystem der USA, die darin mitschwingt, geht es der Serie vor allem ums Ausleuchten des Themenkomplexes häusliche Gewalt: Alex’ Beziehung zu Sean, die auch mittels diverser Rückblenden näher konturiert wird, ist mit ihrem Auszug nicht einfach beendet, schon weil die gemeinsame Elternschaft ihn und Alex nach wie vor verbindet, und sie wird von Molly Smith Metzler und dem überzeugenden Darstellergespann Qualley-Robinson einfühlsam als ebenso komplexe wie verheerende Gemengelage aus widerstreitenden Emotionen, familiären und sozialen Prägungen und materiellen und psychischen, nur sehr schwer abschüttelbaren Abhängigkeiten ausgemalt – wobei auch Alex’ Beziehung zu ihrer labilen Künstler-Mutter (Andie MacDowell), bei der sie immer wieder Hilfe sucht, aber nur wenig findet, und zu ihrem Vater, zu dem sie lange keinen Kontakt hatte, als erhellende Hintergründe einfließen. Bis auf MacDowells Figur, die etwas allzu schrill-karikaturesk angelegt ist, punkten die Charaktere dabei mit sowohl im Drehbuch angelegtem als auch darstellerisch ausgearbeitetem Facettenreichtum, der dafür sorgt, dass sie nie zu sozialen Stereotypen und Klischees gerinnen.

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