Die Addams Family 2

Animation | USA 2021 | 93 Minuten

Regie: Greg Tiernan

Die morbide Monsterfamilie Addams begibt sich auf eine Urlaubsreise, um ihr Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Doch der Riss wird nicht kleiner, als ein Wissenschaftler mit finsteren Absichten behauptet, der wahre Vater der Addams-Tochter zu sein. Deren Verstand hat er allerdings ebenso unterschätzt wie den Familieninstinkt des Clans. Zweiter Teil einer Trickfilm-Adaption der bissigen Comicvorlagen, die betont harmlos daherkommt und es über Reiseanekdoten versäumt, eine interessante Geschichte zu erzählen. Allenfalls die junge Filmheldin sticht als mögliches rebellisches Vorbild heraus. - Ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
THE ADDAMS FAMILY 2
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Greg Tiernan · Conrad Vernon · Laura Brousseau · Kevin Pavlovic
Buch
Dan Hernandez · Benji Samit · Ben Queen · Susanna Fogel
Musik
Jeff Danna · Mychael Danna
Schnitt
Ryan Folsey
Länge
93 Minuten
Kinostart
18.11.2021
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 10.
Genre
Animation | Familienfilm | Fantasy | Horror | Komödie

Zweiter Trickfilm um die monsterartige Addams-Familie, deren Zusammenhalt von einem wahnsinnigen Wissenschaftler bedroht wird.

Diskussion

Die Stimmung war keine gute, als Charles Addams 1938 die Comic-Strips seiner nicht ganz heilen Kernfamilie im Lifestyle-Magazin „The New Yorker“ veröffentlichen durfte. Die Welt stand einmal wieder vor dem Abgrund, und dem Bildungsbürgertum stand der Sinn aufgrund all der deprimierenden Leitartikel nach ein wenig Weltflucht. Perfekte Randbedingungen für die Schwarz-weiß-Strips einer absonderlichen, aber ganz normalen Monsterfamilie, die alles konterkariert, für das die „Heile Welt“-Ideale amerikanischer Konservativer stehen. Bitterböse frönen Haushaltsvorstand Gomez, seine anämische Vampirfrau Morticia, der ghulhafte Onkel Fester, der Frankensteinmonster-Butler Lurch sowie die kleinen Bälger Wednesday und Pugsley dem Morbiden. Dabei ist das abgehackte, aber dennoch höchst agile „eiskalte Händchen“ als „Haustier“ nur die Spitze des Addams’schen Eisberges, der die spießige Nachbarschaft (unbeabsichtigt) entsetzen und erstarren lässt. Denn eigentlich wollen die Addams ja nur eine völlig integre und integrierte Familie sein. Aber wie nur, wenn man doch so fremdartig ist, dass es einen automatisch zum Außenseiter macht?

Mystik, Morbidität, Monstrosität und völlige Tabulosigkeit waren Markenzeichen und Erfolgsrezept des Formats, das sich auch in den nachfolgenden Adaptionen als TV-Serie (1964-1966) und in den erfolgreichen Realfilm-Reboots 1991 und 1993 eher an ein erwachsenes Publikum richtete. Für die Kinder gab es dafür die ähnlich gelagerten, aber weniger satirischen und eher albernen TV- und Kinoauftritte der Alternativfamilie „The Munsters“.

Die Eltern rücken aus dem Fokus

Erst mit dem Trickfilm-Ableger Die Addams Family von 2019 sollte sich die Trennung der Zielgruppen aufweichen. Die Grusel-Charaktere wurden handzahmer und die Satire wich mehr und mehr dem Slapstick. Das setzt sich nun 2021 auch im zweiten Teil der CGI-Animation fort. Auf ungute Weise, denn all das, was die Seele des Originals ausmacht, ist nun trefflich ausgetrieben. Gomez und Morticia sind mit ihrem zynischen und über die Maßen antikapitalistischen Weltbild aus dem Fokus der Betrachtung gerückt. Dafür wirbeln die Pyromanen Onkel Fester und Pugsley durch die Szenerie, werden aber dirigiert durch die als genialisches Superhirn inszenierte Wednesday. Die einst introvertierte und durch ihre sarkastischen Kommentare berüchtigte Misanthropin findet sich nun – nicht ganz freiwillig – im Zentrum der Geschichte wieder.

Als große Erfinderin, geht sie stark davon aus, den alljährlichen „Jugend forscht“-Wettbewerb zu gewinnen: Es gelingt ihr, ihrem Onkel Fester ein wenig DNS ihres Lieblingskraken Aristoteles einzuimpfen, um ihm endlich die Intelligenz zu geben, die ihm gebührt. Dass Fester sich nun peu à peu in einen Oktopus verwandelt, steht auf einem anderen Blatt. Zwar erntet Wednesday nicht die erwartet euphorische Reaktion in der Schule, dafür aber umso mehr die des wahnsinnigen Wissenschaftlers Cyrus Strange, der auch an Supermutanten forscht – nur weniger erfolgreich. Er hetzt den Addams den windigen Anwalt Mustela samt Adlatus Pongo mit einer kühnen Anschuldigung auf den Hals, Wednesday sei gar nicht die Tochter der Addams-Familie, sondern bei der Geburt vertauscht worden. Als diese heimlich einen Gentest macht und die Behauptungen bestätigt sieht, sucht Wednesday die Nähe ihres vermeintlich echten Vaters Cyrus Strange. Doch täuscht sich gewaltig, wenn er meint, sich der Genialität von Wednesday leicht bemächtigen zu können: Der Addams-Clan will seine kleine Tochter um jeden Preis zurückbekommen.

Urlaub statt Spitzen

In Zeiten von Impfparanoia und Genverschwörungstheorien könnte die Geschichte des Films eine Fundgrube sein, um treffliche Spitzen gegen jene zu setzen, die glauben, heutige Wissenschaftler seien Frankensteins eifrige Nachfolger. Doch stattdessen kommen die Autoren von „Addams Family 2“ auf die abstruse Idee, ihren Plot mit dem Umstand verwässern zu müssen, dass die Familie unbedingt einen Urlaub braucht, um wieder zusammenzukommen. Nicht nur, dass dieser dramaturgische Zusatz die Spannung der eigentlichen Geschichte torpediert, er führt auch mit einer lahmen Sightseeing-Tour durch die USA zu kaum mehr Slapstick oder gelungenen Pointen.

Wenn die Autoren wenigstens alle berüchtigten Schauerorte von den Niagarafällen über Sleepy Hollow bis Salem mit dem zugehörigen morbiden Schabernack versehen hätten! Aber nichts da, die Trickfilmvarianten der Addams Family bleiben vor allem eines: betont kindgerecht und harmlos. Und so ist auch der zweite Teil in erster Linie ein Film der verpassten Chancen. Gelungen ist allenfalls das stilvolle Charakterdesign der Figuren und das genüssliche Agieren der prominenten Stimmenpaten, die in der Originalfassung von Oscar Isaac bis hin zu Bette Midler und Snoop Dogg reichen. Davon hat man in der deutschen Fassung indes nichts. Zumindest kann man sich auf einen heftigen Showdown freuen, der der Familie am Ende sogar ein neues Mitglied beschert.

Immerhin ein rebellisches Vorbild

Vom teuflischen Charme der Figuren, die Charles Addams 1938 erdacht hat, ist 2021 indes kein Fünkchen mehr übriggeblieben. Das werden die Fans der Vorlage betrauern, die anderen wissen es nicht besser. Immerhin bekommen alle mit Wednesday vielleicht ein neues Vorbild geliefert, das sie in eine rebellischere Zukunft jenseits von Barbie und Ken führt. Es ist intelligent, introvertiert und doch selbstbewusst, keineswegs materialistisch und nur ein ganz klein wenig böse.

Kommentar verfassen

Kommentieren