Winter's Night

Drama | Südkorea 2018 | 98 Minuten

Regie: Jang Woo-jin

Ein südkoreanisches Ehepaar in mittleren Jahren besucht einen Tempel beim Touristen-Hotspot Chuncheon – den Ort, an dem sie sich einst zum ersten Mal trafen. Durch einen dummen Zufall sehen sich die beiden gezwungen, über Nacht zu bleiben, und erleben eine zwischen Traum und Realität changierende Reise in die eigene Vergangenheit. Ein suggestives Drama um eine in die Jahre gekommene Liebe, in dem meist statische Einstellungen von nächtlichen Schneelandschaften mit nur wenigen Kamerafahrten eine märchenhafte Kulisse für innere und äußere Konflikte der zweifelnden Partner bilden. Das Verhältnis von Gegenwart und Erinnerung erweist sich als reichhaltige Quelle für filmische Einfälle. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
GYEO-WUL-BA-ME
Produktionsland
Südkorea
Produktionsjahr
2018
Regie
Jang Woo-jin
Buch
Jang Woo-jin
Kamera
Yang Jeong-hoon
Schnitt
Jang Woo-jin
Darsteller
Seo Young-hwa (Eun-ju) · Yang Heung-ju (Heung-ju) · Lee Sang-hee · Woo Ji-hyeon · Kim Sun-young
Länge
98 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama

Ein südkoreanisches Drama um ein Ehepaar um die 50, das einen Tempel beim Touristen-Hotspot Chuncheon besucht, was zu einer Reise in die eigene Vergangenheit wird und die Frage aufwirft, was aus seiner Liebe geworden ist.

Diskussion

Alte Bekannte sitzen beisammen, ein Mann und eine Frau, vielleicht haben sie sich einmal geliebt. Draußen tobt ein Sturm. Er ist schon angetrunken, stottert Halbsätze dahin. „Erinnerst du dich…“, setzt er an, nur um sich gleich wieder zu verlieren. „Warum sollte ich mich erinnern?“, erwidert sie in die abgewürgte Stille hinein. Eine merkwürdige Gegenfrage. Der menschliche Erinnerungsapparat läuft doch in der Regel einfach, ohne hinterfragt zu werden. Nur selten belasten wir ihn aktiv mit einer Funktion, stattdessen platzen Fetzen der Vergangenheit unaufgefordert in den Alltag hinein. Erinnerung geschieht. „Winter’s Night“ von Jang Woo-jin – ein Titel wie der eines Märchens – ist ein Drama über Beziehungsgeschichten. Erzählungen, die sich immer auch aus ihrem Ursprungsmythen speisen. Permanent neu arrangierte Erinnerungen, die Anfang und Ende in Verbindung setzen.

Alles ereignet sich in einer Winternacht in Chuncheon, also an dem Ort, an den die Seouler Großstadtmenschen vor ihrer Betonmüdigkeit fliehen. Ein Ehepaar im mittleren Alter, Eun-ju (Seo Young-hwa) und Heung-ju (Yang Heung-ju) hat sich vor 30 Jahren hier kennengelernt. Sie sind schon auf dem Rückweg im Taxi, als Eun-ju plötzlich bemerkt, dass ihr Handy verloren gegangen ist. Es enthält Fotos, also Erinnerungen. Später wird ein Priester sie fragen, warum sie nicht einfach ein neues kauft. Sie antwortet: „Es wäre nicht meins.“

Was bleibt nach 30 Jahren Ehe, was ist neu entstanden?

Sie kehren um, suchen erfolglos, verpassen die letzte Fähre und stranden im Nirgendwo. Über eine Nacht hinweg schwelgen sie in ihrer eigenen Vergangenheit, irren umher, treffen auf alte Bekannte und Fremde. Alles wirkt flüchtig, nie ist wirklich klar, wer echt und wer nur ein Traumgebilde ist. Über andere befragen sie ihre Beziehung. Was bleibt nach 30 Jahren, was ist neu entstanden? Ihre Erfahrung im Jahr 1988 wird dabei nicht in Rückblenden erzählt, sondern durch andere Figuren verkörpert: Ein junges Mädchen (Lee Sang-hee) und ihr Verehrer, ein Soldat, lernen einander am selben Ort kennen. Diese beiden Erzählebenen greifen irgendwann ineinander, als wären sie nie zu trennen gewesen.

Auch bei Jang Woo-jins drittem Spielfilm sind Vergleiche mit dem südkoreanischen Festivalregisseur Nr. 1 Hong Sang-soo so naheliegend wie irreführend. Gewiss: Es geht um Beziehungen, um Männer und Frauen, es wird im Übermaß getrunken. Alles wirkt simpel und ist komplex. Doch Jangs Filme sind weniger vernarrt in die Beiläufigkeit und obsessive Selbstverknappung. Es zieht ihn eher zu traumschönen Natur-Panoramen, die immer ein wenig wirken, als wären sie eigens für seine Figuren entworfen worden. Mehrfach wird von vereisten Seen und Wäldern auf Gemälde geschnitten, als wäre alles nur Kulisse, angefertigt für das Drama alternder Liebe.

Die Winternacht hat auch die Sprache vereist

Yang Jeong-hoons Kamera bewegt sich elegant und denkend durch die Landschaft und reist dabei immer wieder auch durch die Zeit. Ein älterer Mensch verlässt das Bild und wird durch zwei Junge ersetzt. Es wird viel gesprochen und oft wenig gesagt. Kommunikation gestaltet sich schwierig – ein elliptischer Film, in dem sich die Menschen in Ellipsen verlieren. Die Winternacht hat auch die Sprache vereist, Jang Woo-jin zeigt sich vor allem als Künstler der Pausen. So wichtig wie die Ereignisse sind die Leerstellen zwischen den Szenen. Tempel, die sich von den tagtäglichen Touristenfluten erholen. Schneeflächen, heller als der Himmel über ihnen. Alles ruht, nur die Gedanken wirbeln umher. Einstellungen werden lange gehalten, es müssen immerhin 30 Jahre Leben in ihnen eingeschlossen werden.

Das Verhalten der Eheleute spiegelt vor allem ihre Probleme wider: Heung-ju zieht es immer noch zu anderen Frauen, als er seine alte Bekannte Hae-ran trifft, flirtet er aufdringlich. Eun-ju fühlt sich von ihm beherrscht, gleichzeitig behandelt sie ihn wie ein unreifes Kind. Beide erleben sich trotz oder gerade durch die Anwesenheit des anderen als allein. Auch darauf verweisen die Ellipsen des Films: Auf einen ausgehöhlten Kern ihres Beisammenseins, auf ein undefinierbares Nichts, das in und zwischen ihnen wächst. Beide hadern mit ihrer Sterblichkeit, einmal bricht es sogar nihilistisch aus Heung-ju heraus: „Wir zerfallen ohnehin alle zu Staub!“

Der Film generiert Einsamkeits-Bilder, schätzt an der schönen Landschaft auch, wie verloren die Menschen in ihr wirken. Heung-ju singt allein Karaoke. Die Eheleute liegen im Schlafzimmer, ein dünner Lichtstrahl wandert durch ihr Fenster und hebt immer nur einen von ihnen aus dem Schatten. Das junge Paar hilft einander über eine dünne Eisfläche, die die einsame Eun-ju kurz darauf in Gefahr bringt. Manchmal metaphorisieren Thema und Dialoge die Räume vielleicht etwas zu aufdringlich.

Beziehungen werden als Prozess gezeigt und wie Erinnerungen immer neu entworfen

Originell ist, wie die Erinnerung der Gegenwart beschrieben wird. Das Handy ist fast ein Teil der eigenen Identität, weil es mehr Bilder sammelt als der Kopf. Früh im Film sind Aufnahmen des Ehepaars zu sehen, die sich kurz darauf als Überwachungsbilder erweisen. Die Kamera zoomt ein wenig heraus, und plötzlich stehen die beiden vor sich selbst. Ein wenig so funktioniert natürlich auch der Rest des Films: Sie blicken suchend auf die eigene Vergangenheit, immer in der Hoffnung, plötzlich etwas zu entdecken, das sie vielleicht längst aufgeben sollten.

„Winter’s Night“ tariert das diffizile Gleichgewicht zwischen nostalgischer Verklärung und grauen, mythenlosen Existenzen aus. Beziehungen werden als Prozess gezeigt und wie Erinnerungen immer neu entworfen und erzählt. Und vielleicht ist nicht nur das Private gemeint: Im Gespräch mit Jugendfreundin Hae-ran beschwört Heung-ju das Tränengas herauf, in das sie als junge Wilde gestürmt sind. Er denkt an Kämpfe zurück, die er längst aufgegeben hat. Und vielleicht ist das die Antwort auf die Frage, die sie ihm gestellt hat. Warum sich erinnern? Unter anderem, weil man in der Vergangenheit andere Versionen seiner selbst entdeckt, mit alten Träumen und Visionen, die neue werden können. Mit der eigenen Vergangenheit an seiner Seite ist man weniger allein.

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