Heil dich doch selbst

Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | 105 Minuten

Regie: Yasmin C. Rams

Die Filmemacherin Yasmin Rams leidet seit ihrer Kindheit an Epilepsie. Da eine ständige Medikation schwere Leberschäden auslösen kann, sucht sie Hilfe in der alternativen Medizin. Ihre Suche nach verträglicheren Heilmethoden führt sie von der traditionellen chinesischen Medizin bis zur umstrittenen Schamanen-Droge Ayahuasca. Zusätzlich wird sie durch die Parkinson-Erkrankung ihres Vaters motiviert, der in der ärztlichen Behandlung keine Besserung erfahren hat. In Begegnungen mit betroffenen Menschen, die subjektiv von ihren persönlichen Erfahrungen berichten, aber auch leidenschaftlich-dubiosen Heilern entsteht ein nachdenkliches Bild der Selbstfindung ohne Anspruch auf Verallgemeinerung. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Yasmin C. Rams
Buch
Yasmin C. Rams
Kamera
Vita Spiess
Musik
Patrick Puszko
Schnitt
Kirsten Kieninger
Länge
105 Minuten
Kinostart
21.04.2022
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Dokumentarfilm über die Suche der an Epilepsie leidenden Filmemacherin Yasmin Rams nach alternativen Heilmethoden, die sie um den halben Globus führt.

Diskussion

Irgendwann, so beschreibt es die Filmemacherin Yasmin Rams in „Heil dich doch selbst“, hatte sie einfach „genug“. Genug von den Tabletten, die sie als Epileptikerin seit ihrer Kindheit einnehmen musste und die auf Dauer ihrer Leber zusetzten. Genug von der Schulmedizin, die ihr immer nur Vorschriften zu machen schien und eine lebenslängliche Ausweglosigkeit vor Augen führte. Genug davon, Opfer ihrer Krankheit zu sein. Trotzig, wütend, als klänge ihr die unausgesprochene schnippische Aufforderung arrivierter Ärzte und Ärztinnen im Ohr, „Na, dann heil dich doch selbst“, entschied sie sich, genau das zu versuchen.

In dieser „rebellischen Phase“, wie sie es später nennt, beginnt die Regisseurin mit der Arbeit an ihrem ersten Dokumentarfilm. Dass der am Ende seinen Arbeitstitel behält, liegt laut Rams vor allem daran, dass „Heil dich doch selbst“ auch die Ambivalenz einfängt, die sich aus den schweren Rückschlägen ergibt, welche die filmende Protagonistin auf ihrer Suche nach alternativen Behandlungsmethoden erlitt. „Selbstheilung“ klingt toll, ist aber oft leichter gesagt als getan.

Die Heilungsgeschichten anderer Menschen

Von diesen zutiefst persönlichen Erfahrungen aus erweitert sich die Perspektive des Films, indem nach und nach auch die Erlebnisse jener Menschen eingeflochten werden, denen die Filmemacherin bei ihrer Suche nach Heilungsmöglichkeiten jenseits etablierter „allopathischer“ Behandlungsmethoden begegnet und die ihr als Vorbilder und Inspirationsquellen dienen. Es sind Geschichten wie die von Hilary Rubin, der Yoga und Ayurveda helfen, trotz Multipler Sklerose ein aktives, erfüllendes Leben zu führen. Oder die von Howard Shifke, der dank Qigong seit vielen Jahren seine Parkinsonerkrankung im Zaum hält.

Auch der ehemalige Geschäftsmann Rick Newton wurde als Pensionär unvermittelt mit einer Parkinsondiagnose konfrontiert und begegnet seiner Krankheit unter anderem mit Kinesiologie. Der Immobilienmakler Junius Johnson fand nach einem Schlaganfall dank Hypnotherapie ins Leben zurück und praktiziert diese inzwischen selbst. Fiona Burns, die mit Krebs im Endstadium nur noch palliativ behandelt werden sollte, änderte ihren Lebenswandel radikal und wurde wie durch ein Wunder gesund. Am Ende des Films begegnet man Miguel Cárdenas, der als Aussteiger im kolumbianischen Regenwald lebt und seine Epilepsie mit schamanischen Taita-Ritualen und einem psychedelischen Ayahuasca-Trank ohne weitere Medikamente in den Griff bekam.

Rams holt Rubin, Shifke und die anderen nicht als sprechende Köpfe vor die Kamera, sondern lässt sie in stimmig miteinander verflochtenen Erzählsträngen aus dem Off zu Wort kommen, während auf der Bildebene Impressionen aus ihrem Alltag zu sehen sind. In Verbindung mit kunstvollen Überblendungen, Doppelbelichtungen und Echoeffekten, expressiven Verzerrungen und poetischen Landschaftspanoramen verleiht das den dokumentarischen Inhalten eine lebendige narrative Energie.

Der Vater warnt vor Scharlatanen

Als liebenswert-altmodischen, schnoddrig-pragmatischen Antagonisten setzt die Regisseurin dem Panoptikum östlicher Heilsversprechen ihren eigenen Vater entgegen. Der parkinsonkranke Helmut Rams warnt seine Tochter vor „Quacksalbern“ und „Scharlatanen“, die es letztlich nur auf ihr Geld abgesehen hätten. Tatsächlich spielt Geld dann eine wesentliche Rolle, als Yasmin Rams einen epileptischen Anfall erleidet, nachdem sie sich die teure chinesische Kräutertherapie, die ihr empfohlen wurde, nicht mehr leisten konnte. Bei der Filmemacherin richtet sich die Skepsis jedoch anders als bei ihrem Vater nicht gegen die Behandlungsmethode, sondern gegen das kassenärztliche System, das diese nicht finanziert. Die Vorbehalte ihres Vaters lächelt sie augenrollend weg. Obwohl sie vergeblich versucht, ihn für die chinesische Medizin zu begeistern, respektiert sie seine Entscheidung, lieber auf die klassische Schulmedizin zu setzen.

„Heil dich doch selbst“ beginnt mit einer raffiniert montierten Szene, in der Yasmin und Helmut Rams abwechselnd die langen Listen der Nebenwirkungen der Medikamente vorlesen, die sie jeweils einnehmen müssen. Danach aber beschreiten Vater und Tochter zwei grundlegend andere Wege. Da Yasmin Rams in Deutschland und den USA lebt, stehen in „Heil dich doch selbst“ auch die alte und die neue Welt – vielleicht unfreiwillig – symbolisch für diese Gegensätze: hier die rückständige, bieder-engstirnige Schulmedizin, dort die sich weitenden Perspektiven eines quirlig-bunten, neugierigen, weltoffenen und erfrischend diversen Ensembles.

Im Schatten der Erleuchtungsgeschichten

Dass der Film in diesem Spannungsfeld eine klare Position vertritt, ohne missionarisch zu sein, mag der intimen, subjektiven Perspektive geschuldet sein. Doch es hinterlässt ein unbehagliches Bauchgrummeln, dass die umstrittene Gerson-Therapie, auf die Fiona Burns ihre Heilung vom Krebs zurückführt, nie kritisch reflektiert wird. Wenn das Essen zur Medizin erhoben, die Krankheit als Chance betrachtet und die Heilung zur Sache der inneren Haltung erklärt wird, mag das von den Protagonistinnen und Protagonisten ganz authentisch genau so empfunden werden. Und doch sind es durchaus ähnlich klingende esoterische Phrasen, die rücksichtslose Pseudoheiler und selbsternannte Alternativmedizinerinnen in ihren Feng-Shui-Praxen schwerkranken Menschen ins Ohr säuseln, um auch aus den letzten verzweifelten Hoffnungen noch Kapital zu schlagen.

Für diejenigen, die es im Schatten der leuchtenden Erfolgsgeschichten nicht schaffen, sich selbst zu heilen, und auch für die Hinterbliebenen derjenigen, die das vergeblich versucht haben, kann es wie Hohn klingen, wenn am Ende alles auf eine Frage der Lebenseinstellung reduziert wird. Als wäre ihr Tod ein Ausdruck spirituellen Versagens: selbst schuld, dass du dich nicht geheilt hast. Yasmin Rams hat das gewiss nicht so gemeint. Um nicht solcherart missverstanden zu werden, ist ihr Film bewusst vielschichtig angelegt, facettenreich und undogmatisch. Dennoch schwingt diese doppelbödige Heilsbotschaft mit, dass jede Krankheit im Grunde selbstverschuldet sei; Rams verpasst es, sich in ihrem sonst so einfühlsamen und sorgsam austarierten Debütfilm auch damit auseinanderzusetzen.

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