Diener des Volkes

Satire | Ukraine 2015 | 600 (24 Folgen) (Staffel 1) Minuten

Regie: Alexej Kirjuschtschenko

Ein ukrainischer Geschichtslehrer ist frustriert über die gesellschaftlichen und politischen Missstände in seinem Land; als er seinem Ärger laut Luft macht und ein Video auf Youtube gelangt, wird er damit unversehens zur neuen Stimme des Volkes und zum Präsidenten gewählt. Womit es nun an ihm ist, sich mit der Hydra von Filz, Trägheit und Korruption in den politischen Kreisen herumzuschlagen. Eine Sitcom, mit der 2015 der Kabarettist und Schauspieler Wolodymyr Selenskyj zum Star wurde, in der Folge tatsächlich in die Politik ging und 2019 zum ukrainischen Präsidenten gewählt wurde. Die komödiantisch aufbereiteten Windmühlenkämpfe eines aufrecht-schlichten „Volkshelden“ mit einer korrupten politischen Elite formulieren eine schlichte, aber schlagkräftige Systemkritik, die im Rückblick freilich zugleich als Polit-Propaganda erscheint. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
SLUGA NARODA
Produktionsland
Ukraine
Produktionsjahr
2015
Regie
Alexej Kirjuschtschenko
Buch
Wolodymyr Selenskyj
Musik
Dmitro Schurow · Andrij Kirjuschenko
Darsteller
Wolodymyr Selenskyj (Wassyl Holoborodko) · Stanislaw Boklan (Yurij Ivanowitsch Tschuiko) · Viktor Sarajkin (Petro Vassiljewitsch Holoborodko) · Natalija Sumska (Marija Stefanowna Holoborodko)
Länge
600 (24 Folgen) (Staffel 1) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Satire | Sitcom

Die Kunst imitiert die Realität imitiert die Kunst: Eine ukrainische Polit-Satire in Sitcom-Form, die Wolodymyr Selenskyj den Weg zur Präsidentschaft ebnete.

Diskussion

Die Kunst imitiert die (politische) Realität imitiert die (erfolgreiche) Kunst! Ein einfacher Geschichtslehrer, der Geschichte schreibt… Wolodymyr Selenskyj spielt in „Diener des Volkes“ wahrlich die Rolle seines Lebens. Als Wassyl Holoborodko, ein einfacher, ehrlicher Mann aus dem Volk, mittelalt, geschieden, wieder im Schoß der Familie lebend, ist er mit kargem Lehrergehalt um die historische Bildung des ukrainischen Nachwuchses besorgt, bis sein Ausbruch gerechten Zorns über die bleiernen Verhältnisse im Lande heimlich gefilmt und auf Youtube hochgeladen wird. Der schlichte Held, gänzlich unerfahren im Polit-Zirkus, spricht damit dem Volk aus dem Herzen und wird tatsächlich zum Präsidenten gewählt; fortan kämpft er tapfer gegen die Hydra von Filz, Trägheit und Korruption, stets bedrängt von Oligarchenintrigen und drohendem Staatsbankrott. 2015 wurde die Serie im ukrainischen Fernsehen ein großer Erfolg. Knapp vier Jahre später gewann Selenskyj mit seiner nach der Serie benannten Partei die Parlamentswahlen und wurde Präsident der Ukraine. Der Rest ist – genau: Geschichte.

Vom Kabarett an die Spitze des Staates

Der „echte“ Selenskyj ist zwar kein Lehrer, doch bildete er sich, der sozialistischen ukrainischen Nomenklatura entstammend, nach einem Studium der Rechtswissenschaft (schon in der postsowjetischen Ära) autodidaktisch zu einem satirischen Künstler mit starker kritisch-politischer Profilierung aus, ohne allerdings aktiv politisch hervorzutreten. 1997 formierte Selenskyj das nach seinem Stadtviertel benannte Kabarettensemble „Kwartal 95“ („Wohnblock 95“) mit. Die Truppe tourte fünf Jahre von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

Zurück in der Ukraine gründete Selenskyj zusammen mit „Kwartal 95“ sogar eine eigene Fernsehproduktionsgesellschaft. Diese zeichnete ab 2015 auch verantwortlich für Produktion und Distribution der Serie „Diener des Volkes“. Nach deren Straßenfeger-Potenzial lotete man wohl Chancen und Risiken aus, und 2017 ließ der Anwalt der Künstlertruppe eine gleichnamige Partei registrieren. Gerüchte um Selenskyj als möglicher Präsidentschaftskandidat machten die Runde. Und am 20. Mai 2019 wurde Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj ins höchste Staatsamt seines Landes eingeführt.

Eine Jedermann-Figur im politischen Kartenhaus

Die Polit-Serie, die nun mit einiger Verspätung via Streaming und in Originalsprache ihre deutsche Premiere in der arte-Mediathek hat, wurde bereits als komödiantisches House of Cards des Ostens rezipiert, und sie wird auch entsprechend vermarktet. Die Analogie erscheint etwas weit hergeholt, gemessen an der Komplexität des US-Vorbilds. Auch verblieb man dort gänzlich im politischen Establishment, während der „Diener des Volkes“ im Grunde eine Jedermann-Figur ist, die ausspricht, was viele sich denken: „Wenn ich an der Macht wäre...“ Dennoch ist man auch hier dazu aufgerufen, das dargestellte Verhältnis von Realität und Fiktion für sich kritisch zu bewerten, und die große Meinungsmacht von Social Media wiegt ganz offensichtlich einen gewieften Wahlkampfmanager völlig auf.

Gut gelingt der Serie der Kontrast von Privatheit, ja Häuslichkeit und dem öffentlichen Raum der res publica; ein für postsozialistische Gesellschaften wohl besonders wichtiger Aspekt. Und auch Holoborodko muss nicht gänzlich auf weise Berater verzichten: Neben in seinen Träumen imaginierten alten Philosophen und Polit-Heroen wie Plutarch und Lincoln (der Mann träumt, scheint’s, ausschließlich politisch: bedenklich!) nimmt ihn der weltkluge, erfahrene, man könnte auch sagen: zynische Ministerpräsident Tschujko (Stanislaw Boklan) an die Hand, um dem politischen Greenhorn nicht immer ganz uneigennützige Ratschläge zu erteilen. Der spielt das mit sichtlichem Gusto als eine der wenigen komplexeren Figuren der Serie. Und in diesem Set-up kann man Wolodymyr Selenskyj in seiner sehr stark auf ihn allein zugeschnittenen Geschichte über allzu viele (23!) Episoden folgen, bis hin zu – und das ist nun kein Spoiler mehr! – seinem finalen Triumph, denn dieser ist, Sie ahnen es: Geschichte.

Knallharte politische Propaganda

So sympathisch Selenskyj als Protagonist und Politiker sein mag und so handwerklich solide er und „Kwartal 95“ hier agieren – all dies darf niemanden einen Augenblick lang darüber täuschen, dass wir es bei „Diener des Volkes“ mit knallharter politischer Propaganda zu tun haben (wenn auch mit gelegentlichem Weichzeichner). Dies wird insbesondere in der Ukraine auch genau so gesehen und von soziologischen wie medienwissenschaftlichen Expert:innen entsprechend kritisch eingeordnet. In diesem Lichte betrachtet fragt sich, ob dem, was hier vorliegt, überhaupt noch hinreichend nur mit kunstkritischem Instrumentarium beizukommen ist. Als seltenes Hybrid aber zugleich satirischer und propagandistischer Erzählungen findet „Diener des Volkes“ sicherlich seinen Weg in die Geschichte… des Films.

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