Drama | Großbritannien/Deutschland/USA 2021 | 108 Minuten

Regie: Nora Fingscheidt

Eine Frau, die wegen des Mordes an einem Polizisten eine 20-jährige Haftstrafe abgesessen hat, wird unter strengen Bewährungsauflagen freigelassen. Der Film erzählt in unsortierten Rückblenden und Traumsequenzen von ihrem Versuch, ihre jüngere Schwester zu finden, sowie von der bruchstückhaften Erinnerung an ihre Kindheit. Angesichts des nach dem Baukastenprinzip zusammengewürfelten Drehbuchs erschöpft sich die Figurenzeichnung allerdings weitgehend in Schwarzweißmalerei. Was ein einfühlsames Sozialdrama hätte werden können, endet letztlich als flacher und willkürlicher Thriller. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE UNFORGIVABLE
Produktionsland
Großbritannien/Deutschland/USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Nora Fingscheidt
Buch
Peter Craig · Hillary Seitz · Courtenay Miles
Kamera
Guillermo Navarro
Musik
David Fleming · Hans Zimmer
Schnitt
Stephan Bechinger · Joe Walker
Darsteller
Sandra Bullock (Ruth Slather) · Jon Bernthal (Blake) · Vincent D'Onofrio (John Ingram) · Viola Davis (Liz Ingram) · Aisling Franciosi (Katherine Malcolm)
Länge
108 Minuten
Kinostart
25.11.2021
Fsk
ab 12
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Thriller

Drama um eine verurteilte Frau, die wegen Mordes an einem Polizisten verurteilt wurde und eine 20-jährige Haftstrafe abgesessen hat; nun kehrt sie in ihren Heimatort zurück, um ihre Schwester zu finden.

Diskussion

Absolution ist kaum möglich im amerikanischen Justizsystem. Das muss auch die Mittvierzigerin Ruth Slater (Sandra Bullock) feststellen, als sie aus dem Gefängnis entlassen wird. Vor 20 Jahren hat sie einen Beamten erschossen, der die Räumungsklage ihres Elternhauses durchsetzen wollte. Ruth wehrte sich, um ihrer damals erst vierjährigen Schwester Katy weiter ein Zuhause und eine Familie bieten zu können. Der Film „The Unforgivable“ macht dieses Stigma gleich zu Beginn deutlich. Der Job als Schreinerin, den sie sich organisiert hatte, platzt – der Arbeitgeber hat ihre Akte überprüft und schüttelt nur den Kopf. Sie ist und bleibt eine Polizistenmörderin, drinnen wie draußen. Ihr einziger Bezugspunkt ist ihr Bewährungshelfer, der ihr einen Job in einer Fischfabrik verschafft. Die Regeln sind klar: kein Alkohol, keine Drogen, kein Kontakt zu anderen Ex-Knackis.

Sandra Bullock spielt diese gebrochene Frau und fungiert zugleich als Produzentin. Die deutsche Filmemacherin Nora Fingscheidt, die 2019 mit dem rauen Sozialdrama „Systemsprenger“ auch international auf sich aufmerksam machte, führte Regie. Es wirkt wie eine Traumpaarung, denn Ruth Slater ist wie das Problemkind Benni aus „Systemsprenger“ eine soziale Außenseiterin auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt. Sie macht sich auf die Suche nach ihrer Schwester Katie, die bei Adoptiveltern aufwuchs und nichts von Ruths Schicksal weiß. Lediglich Erinnerungsfetzen plagen sie in Episoden zwischen Halluzination und Ohnmacht – ein Anfall gleich zu Beginn des Films führt zu einem Autounfall und löst bei Katie eine Kaskade an Träumen und Erinnerungen aus.

Das Sozialdrama wird zum Thriller

Parallel zu Katies Halluzinationen erzählen eingestreute Rückblenden von den Ereignissen, die zu Ruths Inhaftierung führten: der Selbstmord des alleinerziehenden Vaters, der Räumungsbeschluss, Ruth, die sich panisch dagegen wehrt, Flucht, ein letztes Beisammensein mit der Schwester, bevor sie sich der Polizei stellt. Diese Gedankenfetzen laufen schnell quer zueinander und entwickeln eine Eigendynamik, die vermutlich Begriffe wie Gerechtigkeit, Vergebung, Buße und Vergeltung reflektieren soll. Allerdings bewirkt die wirre Struktur beinahe das Gegenteil, denn sie überführt das anfänglich eingeleitete Sozialdrama in einen Thriller, in dem nicht klar ist, was aufgedeckt werden soll: Ruths Motivation, ihre Schuld, oder gar ihre Unschuld?

„The Unforgivable“ ist eine Adaption der britischen Miniserie „Unforgiven“ aus dem Jahr 2009. Die Handlung wurde von Yorkshire nach Seattle verlagert, ansonsten orientiert sie sich weitestgehend an der Vorlage. Erstaunlicherweise ist der Film kaum kürzer als die dreiteilige Serie, wirkt jedoch trotzdem so, als sei eine weitaus tiefgründigere Handlung und Figurenzeichnung stark vereinfacht und zusammengekürzt worden.

Zerfallende Bruchstücke

Nora Fingscheidt bewies in „Systemsprenger“ Stärke, indem sie nah an den Menschen und ihren Beweggründen blieb und so nicht nur genau dokumentierte, wie das deutsche Sozialsystem an einem kleinen Mädchen scheitert, sondern auch wie einfühlsame Helfer an den starren Mechanismen und Hebeln dieses Systems verzweifeln. Unglücklicherweise kann sie diese Feinfühligkeit in „The Unforgivable“ kaum ausspielen, zu schwarzweißmalerisch ist das Drehbuch von Peter Craig, Hillary Seitz und Courtenay Miles, das ihr hier vorgelegt wurde. Es bleibt zu befürchten, dass die drei Autor:innen hier gegenseitig nur verschlimmbessert haben, denn dass Hillary Seitz in der Lage ist, ein dichtes und verschachteltes Drehbuch zu schreiben, hat sie 2002 mit „Insomnia“ bewiesen, das von Christopher Nolan verfilmt wurde. Leider bleiben bei „The Unforgivable“ nur zerfallende Bruchstücke dieser Technik übrig.

Da helfen dann auch verästelnde Handlungsstränge um einen Anwalt, der zufälligerweise in Ruths altem Haus wohnt und ihr nach kurzem Zögern Hilfe anbietet, die auf Rache sinnenden Söhne des getöteten Polizisten, sowie eine kurz aufkeimende Freundschaft zu einem Kollegen in der Fischfabrik kaum, um dieser Figur Tiefe zu verleihen oder systemische Schwachstellen aufzudecken. Was in den Händen von Nora Fingscheidt ein vielversprechendes und einfühlsames Sozialdrama hätte werden können, endet letztlich als flacher und willkürlicher Thriller.

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