A Pleasure, Comrades!

Dokumentarfilm | Portugal 2019 | 105 Minuten

Regie: José Filipe Costa

Eine Gruppe von Migranten, die 1975 nach der Nelkenrevolution nach Portugal gereist ist, um dort an neu entstandenen Kooperativen mitzuwirken, kehrt fast 50 Jahre später wieder dorthin zurück. In den utopischen Räumen ihrer Vergangenheit spielen sie die Erfahrungen ihres jüngeren Selbst nach. Was nach einem anregenden Experiment klingt, erweist sich schnell als relativ kraftlose Reflexion über Stärken und blinde Flecken der europäischen 68er-Generation. Herausgearbeitet wird vor allem der Machismo der männlich dominierten Genossenschaft, aber auch die Diskrepanz zwischen bürgerlichen Großstädtern und der lokalen Landbevölkerung. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
PRAZER, CAMARADAS!
Produktionsland
Portugal
Produktionsjahr
2019
Regie
José Filipe Costa
Buch
José Filipe Costa
Kamera
Hugo Azevedo
Schnitt
João Braz
Länge
105 Minuten
Kinostart
09.12.2021
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Historienfilm

Knapp 50 Jahre nach der Nelkenrevolution kehren Menschen, die damals als internationale Helfer von einer neuen Gesellschaft träumten, nach Portugal zurück und lassen ihre Erfahrungen Revue passieren.

Diskussion

Ein Mann in einem gelben Hippie-Bus blickt freundlich in die Kameralinse vor sich und behauptet: „Ich bin João de Azevedo, 26 Jahre alt.“ Der Name mag stimmen, doch Mitte zwanzig ist er ganz offenkundig schon lange nicht mehr. Die Haare auf seinem Kopf sind knapp geworden, die Falten tief, sein Bart ist schlohweiß und die Brillengläser dick. Nein, er ist nicht mehr 26 Jahre alt, aber er war es einmal, im Jahr 1975, als alles möglich schien. Kurz nach der Nelkenrevolution in Portugal, als die Diktatur langsam der Demokratie wich und ein utopisches Potential freigesetzt wurde.

Und jetzt wird er wieder jung, spielt jung, für die Länge eines Films: „A Pleasure, Comrades!“ von José Filipe Costa. Mit seinem Kleintransporter reist er durch die Zeit, um sich den Träumen und Albträumen der eigenen Vergangenheit zu stellen. Denn „A Pleasure, Comrades!“ dokumentiert ein großes Reenactment. Eine Gruppe von Migranten, die 1975 nach Portugal reiste, um dort an neugegründeten Genossenschaften mitzuwirken, kehrt an die Orte der Revolution zurück.

Woran scheiterte die neue Welt?

Der Italiener João, Mick aus London und die Deutschen Eduarda und Edeltraud wurden damals angelockt von dem Versprechen, auf eine neue Art zu leben. So bewegen sich nun gealterte Körper durch gealterte Gebäude, die Ruinen einer verlorenen Zukunft. Man spielt nach, was man er- und überlebt hat, wiederholt alte Gespräche und alte Streitereien. Man hütet die Schafe, wäscht Bettlaken, fegt nunmehr verstaubte Flure und lernt Portugiesisch. Warum nur haben gemeinsame Feldarbeit, das Singen von Arbeiterliedern, das gemeinsame Schauen von sexuellen Aufklärungsfilmen damals keine neue Welt hervorgebracht?

José Filipe Costa kehrt nicht zum ersten Mal ins Jahr 1975 zurück. 2011 drehte er „Lina Vermelha“, ein Doku-Essay über den Film Torre Bela von Thomas Harlan, den Sohn von Veit Harlan. Der zeigt die Besetzung eines Schlosses und die Gründung einer Genossenschaft und wurde schnell zu einem bedeutsamen Teil der portugiesischen Revolutions-Erzählung. Doch ganz traute Costa dem dort geschaffenen Mythos nicht, weder den Ideen der Menschen noch den filmischen Mitteln, mit denen sie in Szene gesetzt wurden.

Auch sein neuer Film hat zwar offensichtlich Sympathien für die 68er-Generation und ihre Kämpfe, will aber auch ihre Fehler und ihr Scheitern begreifen. Er sieht eine Vergangenheit, die seine Gegenwart nicht loslässt.

So altersmild wie die Figuren

„A Pleasure, Comrades!“ ist ein Experiment, und Experimente können fehlschlagen. Die Grundidee ist interessant, zumindest auf dem Papier. Aber davon, dass Theorie und Praxis weit auseinandergehen können, erzählt ja auch der Film selbst. Tatsächlich reagieren die Elemente, die der Regisseur zusammenwirft, nur selten auf interessante Weise. Der Film bleibt so altersmild wie seine Hauptfiguren. Worte, Bilder und Töne schaffen kaum Erkenntnisse, Überraschungen, Kontroversen oder Denkangebote, bestenfalls mildes Amüsement. Auf der Suche nach Neuem trifft man auf die Stolpersteine der Gewohnheit.

Zu den nachgestellten Szenen gesellen sich Landschaftsaufnahmen, als Voiceover vorgetragene Tagebuch-Texte von 1975, später auch einige verfremdete, surreale Einschübe, die fast wie Traum-Sequenzen wirken. So tanzen einmal zwei Jeans miteinander, aus deren Hosenställen jeweils eine Zucchini ragt.

Es werden vor allem drei Reibungsflächen in der Kooperative ausfindig gemacht und bearbeitet: die zwischen Männern und Frauen, zwischen Ausländern und Portugiesen, zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Am deutlichsten hervorgehoben wird der Geschlechterunterschied. Auch da, wo man von einem neuen Menschen träumt, müssen letztlich die Frauen Geschirr spülen. Aus dem Off wird erzählt, wie lange man jeden Abend an der Spüle gestanden habe; dazu türmen sich im Bild Teller auf, während die „Internationale“ eingespielt wird. Auch vor dem Abwasch rettet uns kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun.

Weiße Laken, rot gefärbt

Bei Treffen und Diskussionen schweigen die Frauen oft, gerade auch die einheimischen. Auch die „sexuelle Befreiung“ der Zeit wird hinterfragt. In nachgestellten Festen und Gesprächen werden die Revolutionäre als übergriffige Machos identifiziert, denen die Beseitigung der gesellschaftlichen Repression vor allem zur eigenen Bedürfnisbefriedigung dient. In einer Szene unterhalten sich drei Frauen beim Wäschewaschen über ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Wenig später folgt eine Einstellung, in der sich weiße Laken nach und nach rot färben, wie von Blut befleckt.

Die Diskrepanz zwischen Portugiesen und den immer wieder so benannten „Ausländern“ ist nicht weniger offenkundig. Während die neuen Hände eingangs noch freundlich empfangen werden, werden sie bald als gierige Mäuler verstanden. Auch die Werte von Italienern, Briten und Deutschen, viele von ihnen Studenten und Großstädter, sind nicht unbedingt mit denen der konservativeren Landbevölkerung kompatibel. Wenn bei einem Fest zu eng getanzt wird, gibt es sofort eine Ermahnung; unverheiratete oder gar lesbische Frauen werden kritisch beäugt.

Einseitig ist der Film allerdings nie, jeder Verfehlung wird ein Erfolg oder zumindest eine Möglichkeit an die Seite gestellt. Jede schlechte Erfahrung findet ihre Entsprechung in utopischem Rausch, in einem neuen Möglichkeitshorizont. Die Protagonisten sind sympathisch; man könnte sich schlechtere Gesellschaft vorstellen für die Laufzeit von 105 Minuten.

Man kann niemals zurückkehren

Alles endet mit einem großen Tanzfest, ähnlich wie bei Animationsfilmen für Kinder, die nach ihren sanften Halb-Abenteuern keine wirkliche Finalität entwickeln können. Ein wenig zu offensichtlich verlässt sich der Film auf das komödiantische Irritationspotential von alten Menschen, die tun, was alte Menschen im Kino sonst selten tun: einander verführen, wild tanzen und so weiter.

„A Pleasure, Comrades!“ ist ein Film über das Wiederbeleben einer anderen Zeit, dessen Vitalität immer Behauptung bleibt. Die Vergangenheit bleibt ferne, tote Abstraktion. Zumindest das beweist der Film: Man kann niemals wirklich zurückkehren.

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