We Are All Detroit - Vom Bleiben und Verschwinden

Dokumentarfilm | Deutschland 2021 | 125 Minuten

Regie: Ulrike Franke

Bochum und die US-amerikanische Stadt Detroit verbindet trotz vieler Unterschiede das Schicksal, dass ihre besten Jahre mit dem Boom der Autoindustrie zusammenhingen. Heute müssen sie den Mangel verwalten und sich neuen Ideen und Konzepten öffnen. Die über sechs Jahre gedrehte Langzeitdokumentation lässt Beteiligte und Betroffene zu Wort kommen und spürt darin den Verwerfungen und Defiziten des Wandels nach, betrachtet aber auch individuelle Versuche, Lösungswege aus der Krise zu finden, voller Empathie. Ein emphatischer Film zwischen Melancholie, feinem Humor und realsatirischen Einschüben. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Ulrike Franke · Michael Loeken
Buch
Ulrike Franke · Michael Loeken
Kamera
Uwe Schäfer
Schnitt
Guido Krajewski
Länge
125 Minuten
Kinostart
12.05.2022
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Langzeitdokumentarfilm über die Städte Bochum und Detroit, die beide mit dem Niedergang der Autoindustrie klarkommen müssen.

Diskussion

Ich zeige, was ist. Aber ich sage nicht, was es bedeutet. Dieses Bonmot von Volker Koepp könnte als Leitmotiv auch über den Filmen von Ulrike Franke und Michael Loeken stehen, die seit fast zwei Jahrzehnten im Ruhrgebiet eine Geschichte der ökonomischen und sozialen Transformationen dokumentieren. „Losers and Winners“ (2006) verfolgte die Demontage einer gigantischen Dortmunder Kokerei und deren Überführung nach China. „Arbeit Heimat Opel“ (2012) beobachtete Jugendliche, die ihre Ausbildung im Bochumer Opel-Werk beginnen. „Göttliche Lage“ (2014) verfolgte die Entstehung eines neuen Stadtteils auf einem ehemaligen Stahlwerksgelände, ebenfalls in Dortmund. Nun schließt sich „We are all Detroit“ (2021) an, über all die Verwandlungen und Verwerfungen, die mit dem Ende der Autoindustrie in Bochum verbunden sind, aber auch der Suche der Stadt und ihrer Menschen nach einer neuen Identität.

Zugleich weitet sich der Blick über das Ruhrgebiet hinaus nach Detroit; die US-amerikanische Stadt steckt mitten in einer mit Bochum durchaus korrespondierenden und doch viel heftiger ausschlagenden Metamorphose: von der urbanen Verwüstung über den Verfallstourismus zum vorsichtig erträumten neuen Image. Die einst zwei Millionen Einwohner zählende Motor-City Detroit beherbergt heute noch knapp ein Drittel und blickt auf ein verödetes Zentrum und unendlich viele Industriebrachen. Und doch gibt es auch Raum für neue Energie.

Eine schmerzhafte Transformation

Loeken und Franke beobachten viele Menschen und lassen sie vor der Kamera zu Wort kommen, ohne selbst kommentierend einzugreifen. Ihr dokumentarisches Prinzip fußt, ähnlich wie bei Koepp, vielmehr in der klugen Auswahl der Gesprächspartner, in atmosphärischen Kameraperspektiven und der beziehungsreichen Montage einzelner Wirklichkeitsausschnitte zwischen Deutschland und den USA.

Gar nicht genug zu loben ist die Neugier, Geduld und Konsequenz, mit der die Dokumentaristen immer wieder darauf aufmerksam machen, was die immensen Leerstellen bedeuten, die durch das Ende traditioneller Industriearbeit entstehen. Was tritt an die Stelle der einstigen Großindustrie, die Hunderttausenden Arbeit gab? Wie weit reichen die Chancen, Ideen und Kräfte jedes Einzelnen, um zu neuen Ufern aufzubrechen? Wie sollen diese neuen Ufer überhaupt aussehen? Und welche Verpflichtungen müssen Gesellschaft, Politik und Staat eingehen, um das Individuum, den „gewesenen Industriearbeiter“ und sein Umfeld nicht im Orkus des Vergessens verschwinden zu lassen?

Wenn „We are all Detroit“ eine Art globale Erkenntnis enthält, dann jene, wie sehr es darauf ankommt, jedem Einzelnen ein Leben in Würde zu ermöglichen. „We need to need each other“, sagt Donney Jones, der Urban Farmer aus Detroit. Das könnte als Motto über diesem Film stehen.

Melancholie, aber auch Tatkraft und Initiative

„We are all Detroit“ entstand in einem Zeitraum von sechs Jahren. Während dieser Spanne fanden vier Drehphasen in Detroit statt. Loeken und Franke kehren gerne zu sozialen Orten zurück, die in der vollendeten Vergangenheit einen institutionellen Wert einnahmen und nun auf die Defizite des Transformationsprozesses hinweisen. Da ist der Werkzeugladen „Busy Bee“, der nahezu hundert Jahre lang Anlaufpunkt für Handwerker war und zugleich Ort der Kommunikation. Nun aber, zwangsgeräumt, fristet er ein Schattendasein als leere Hülle. Oder der Imbiss „Hygrade Deli“, vor dessen Eingang die Autoarbeiter in langen Schlangen für ihre Mittagspause anstanden.

Mit ein wenig Melancholie blickt die Inszenierung auf die funktionierenden Strukturen von Gestern zurück, gibt aber zugleich den Aktivisten Raum, die sich am eigenen Schopf aus der Krise herausziehen, neue Lebens- und Geschäftsideen entwickeln und wenigstens auf kleiner Flamme fortzusetzen versuchen, was im Großen nicht mehr möglich ist. Zupackende US-Amerikaner, so teilt der Film beiläufig und bisweilen auch auf heitere Weise mit, können bei der Suche nach Lösungen durchaus Vorbild für manch eher verzagt wirkenden Deutschen sein.

„We are all Detroit“ ist ein emphatischer Film. So gilt die Sympathie der Filmemacher etwa dem Bochumer Architekten Wolfgang Krenz, der ein visionäres Projekt für das Opel-Gelände entwickelt hat. Krenz verknüpft die vorhandene Architektur mit neuer, ökologisch grundierter Nutzung. Wenn es nach ihm ginge, würde die riesige Halle, die für Opel das Kernstück bildete, nicht abgerissen. Diesen Ort der Industriegeschichte hält Krenz für unbedingt bewahrenswert und geeignet für modernste High-Tech-Entwicklungen. Allerdings konnten sich die Entscheider des Plans „Perspektive 2022“ für seine Ideen nicht erwärmen.

Mittelmaß fürs Mittelmaß

Wenn schließlich auf dem einstigen Werksgelände, in einer neuen Blechhalle, ein DHL-Paketzentrum eingeweiht wird und der damalige Ministerpräsident Armin Laschet mit stolzgeschwellter Brust die „Zukunftsinvestition“ preist, wird der Film zur Realsatire. Wo einst 20.000 gut bezahlte Menschen Arbeit fanden, entstehen nun 600 prekäre Jobs. Gewachsene Sozialstrukturen sind dabei ebenso passé wie gewerkschaftliche Errungenschaften. Eine Politik, die dies als Fortschritt preist, schmort in ihrem eigenen Wolkenkuckucksheim. Oder, wie es der Professor auf den Punkt bringt: „Aus dem Mittelmaß für das Mittelmaß in das Mittelmaß.“

Der Film beginnt mit einem Gedicht von Andreas Gryphius aus dem Jahr 1643: „Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden. / Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein: / Wo jetzt noch Städte steh’n, wird eine Wiese sein, / Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.“ Viele von Loekens und Frankes Gesprächspartnern, denen man in „We are all Detroit“ begegnet, lesen jeweils einen Vers des Poems, wobei manche die Hellsichtigkeit des Dichters bestaunen. Nein, es gibt keine ewigen Gewissheiten. Die Zukunft braucht Mut, Klugheit – und Solidarität.

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