Schwestern - Eine Familiengeschichte

Drama | Frankreich/Algerien 2020 | 100 Minuten

Regie: Yamina Benguigui

Drei französische Schwestern algerischer Herkunft leben seit Jahrzehnten mit dem Trauma des Verlustes ihres kleinen Bruders, den ihr Vater nach Algerien entführt hat. Als die Älteste ihre Kindheit zum Gegenstand eines autofiktionalen Dramas macht, geraten die verdrängten Gefühle zwischen den Schwestern und ihrer Mutter außer Kontrolle. Der Film erzählt auf unterschiedlichen Ebenen von Integration und Freiheitskampf, patriarchalen Strukturen und der Suche nach individuellen Wegen, mit den traumatischen Erlebnissen umzugehen. Ein berührendes, streckenweise aber auch etwas bemühtes Drama. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
SOEURS
Produktionsland
Frankreich/Algerien
Produktionsjahr
2020
Regie
Yamina Benguigui
Buch
Yamina Benguigui · Maxime Saada · Farah Benguigui · Jonathan Palumbo
Kamera
Antoine Roch
Musik
Amine Bouhafa
Schnitt
Nadia Ben Rachid · Sercan Sezgin
Darsteller
Isabelle Adjani (Zorah) · Rachida Brakni (Djamila) · Maïwenn (Norah) · Hafsia Herzi (Farah / Leïla mit 22 Jahren) · Rachid Djaidani (Hassan / Ahmed)
Länge
100 Minuten
Kinostart
30.12.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama

Drama über drei französische Schwestern algerischer Herkunft, die sich einem Familientrauma stellen müssen.

Diskussion

Familiäre Traumata wiegen schwer, vor allem, wenn sie nicht bearbeitet werden. Drei französische Schwestern algerischer Herkunft und ihre Mutter schleppen eine solche Last schon seit Jahrzehnten mit sich herum. Die Schwestern – Zorah, Djamila und Norah – hatten auch einen kleinen Bruder namens Rheda. Der wurde als Zweijähriger zusammen mit Norah, der jüngsten Schwester, vom Vater nach Algerien entführt. Doch die Älteste, Zorah (Isabelle Adjani), konnte nach einer abenteuerlichen Flucht nur Norah nach Frankreich zurückholen. Seitdem haben sich die vier Frauen – die Schwestern sind mittlerweile alle erwachsen – in sehr verschiedenen Lebensentwürfen eingerichtet. Doch unter der Oberfläche brodelt es.

Die Konflikte brechen endgültig auf, als Norah (Maïwenn) aus Geldmangel wieder bei ihrer Mutter Leila (Fettouma Bouamari) einziehen muss. Sie ist die Einzige, die ihrem Vater nachtrauert. Dabei übersieht sie, dass er ein Tyrann war, der die Mutter regelmäßig schlug und sie und die Kinder mit dem Messer bedrohte. Doch statt ihr dankbar zu sein, dass sie sich von dem gewalttätigen Mann scheiden ließ, macht Norah ihr Vorwürfe.

Die Folgen der Ohnmacht

Norah ist ein Beispiel dafür, wie man die eigene Machtlosigkeit verdrängen und durch den Wunschtraum einer heilen Familie ersetzen kann. Außerdem fühlt Norah sich als Versagerin, weil sie es im Unterschied zu ihren Schwestern nicht weit gebracht hat. Djamila (Rachida Brakni) ist Bürgermeisterin geworden. Zorah dagegen versucht den Familienkonflikt künstlerisch aufzuarbeiten. Sie hat ihn zu einem autofiktionalen Theaterstück verwoben, das sie gerade probt. Als die Schwestern und die Mutter davon Wind bekommen, kochen die Emotionen endgültig über. Sie verlangen die Absetzung der Proben.

Um die zurückliegenden familiären Konflikte zu illustrieren, greift Regisseurin Yamina Benguigui auf zwei stilistische Mittel zurück. Zum einen benutzt sie Rückblenden, in denen junge Schauspielerinnen die vier weiblichen Hauptfiguren verkörpern. Darin werden die Gewaltexzesse des Vaters geschildert sowie sein Drängen, die in Frankreich sozialisierten Kinder zu algerischen Patriot(inn)en zu erziehen. Denn sowohl er als auch die Mutter haben im Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich gekämpft – auch davon sieht man Rückblenden; vor allem die Mutter hat dabei Schlimmes durchgemacht; umso mehr wehrt sie sich gegen die patriarchalischen Ansprüche ihres Mannes.

Realität und Fiktion mischen sich

Die Schauspielerinnen aus den Rückblenden spielen aber auch in dem Theaterstück von Zorah mit. Darin mag man einen kleinen Wink Richtung „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow sehen. Vor allem aber vermischen sich in der Fiktion Realität und Fantasie, denn die junge Schauspielerin der Mutter ist im Film auch die Tochter von Zorah. Die älteste Schwester versucht, durch die Verbindung von Verfremdung und Nähe das Drama ihrer Familie intellektuell und seelisch aufzuarbeiten. Fürs Filmpublikum ist das aber eine Ebene zu viel; zudem ergeben sich Fragen, die der Film nicht stellt. Etwa danach, warum der algerische Widerstandskämpfer ausgerechnet nach Frankreich gezogen ist.

Wie in vielen Familien funktioniert die Kommunikation zwischen den Mitgliedern vor allem über Emotionen. Die Mutter und die jüngeren Schwestern wehren sich gegen das Stück, weil sie ihre schmerzlichen Auseinandersetzungen nicht in die Öffentlichkeit verlagern wollen. Dennoch vermögen sie dies nicht auszuformulieren. Selbst Djamila, die Vernünftigste der Schwestern, die durch ihre Funktion als Politikerin oft vermittelnd auftritt, kommt mit Zorahs Ansatz nicht zurecht. Mit Argumenten wird wenig gestritten, dafür umso mehr mit Vorwürfen.

Ein Herz für Algerien

In dieser Gemengelage spiegelt sich auch die Zerrissenheit der Schwestern wider, die die Immigration der Eltern und ihre eigene Sozialisierung unter einen Hut bringen müssen. Nach außen hin sind sie gute Französinnen. Doch die Mutter nimmt es sich heraus, jeder ihrer Töchter eine Funktion zuzuschreiben, insbesondere der Ältesten, der sie mehr Verantwortung aufträgt.

Dass das Herz der Schwestern trotz aller Familienzwistigkeiten auch für Algerien schlägt, kommt zur Sprache, als es „Schwestern“ im letzten Viertel des Films ins Land ihrer Eltern verschlägt. Dort geraten sie in die Widerstandsbewegung gegen den Autokraten Bouteflika und nehmen schließlich an der großen Demonstration für Freiheit und Demokratie teil.

Getragen wird dieser streckenweise bemühte Film vor allem durch die bekannten Darstellerinnen der Schwestern, die alle drei algerische Wurzeln haben. Allerdings ist Isabelle Adjani durch zahlreiche Schönheitsoperationen in ihrer Mimik sehr eingeschränkt. Dennoch vermittelt sie die Emotionen ihrer Figur ebenso wie ihre Filmschwestern Rachida Brakni und Maïwenn und macht den Konflikt der zerrissenen Familie nachvollziehbar.

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