Drama | USA 2021 | 134 Minuten

Regie: Paul Thomas Anderson

Ein Schüler aus der High School verliebt sich in eine zehn Jahre ältere Mittzwanzigerin. Der Altersunterschied kann die Beziehung nicht aufhalten, verkompliziert sie aber auf wahnwitzige Weise zu einer platonischen Liebesgeschichte, die zugleich Coming-of-Age-Film, Musikvideo und Epochenporträt ist, ohne dabei das Paar aus den Augen zu verlieren. Mit unzähligen Richtungswechseln entwirft der Film nicht nur ein meisterlich inszeniertes kinetisches Abbild einer Liebesbeziehung, sondern findet zugleich einen ganz eigenen Zugang zu 1970er-Jahre-Nostalgie und einer vergangenen Hollywood-Ära. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LICORICE PIZZA
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Paul Thomas Anderson
Buch
Paul Thomas Anderson
Kamera
Paul Thomas Anderson · Michael Bauman
Musik
Jonny Greenwood
Schnitt
Andy Jurgensen
Darsteller
Cooper Hoffman (Gary Valentine) · Alana Haim (Alana Kane) · Sean Penn (Jack Holden) · Tom Waits (Rex Blau) · Bradley Cooper (Jon Peters)
Länge
134 Minuten
Kinostart
27.01.2022
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Historienfilm | Komödie | Romantische Komödie

Heimkino

Verleih DVD
Universal
Verleih Blu-ray
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Grandioser Liebesfilm, in dem ein Schüler aus der High School und eine zehn Jahre ältere Fotografin in Los Angeles das Mit- und Nebeneinander unterschiedlicher Vorstellungen erproben.

Diskussion

Die Jungs machen ihre Haare, als wären sie Männer. Im Hintergrund explodiert ein Klo, als wolle es darauf hinweisen, dass es sich eben doch nur um klassische High-School-Bengel handelt. Mit Wasser-gestyltem Haar trifft der Bengel im Mann, der sich Gary (Cooper Hoffman) nennt, dann auf seine Traumfrau. Alana (Alana Haim) ist tatsächlich eine Frau, etwa zehn Jahre älter als er und längst keine Schülerin mehr. Sie arbeitet für den Fotografen, der Porträts von den Teenagern macht. Gary hängt sich trotzdem dran, schmeichelt ihr und blitzt ab. Er bleibt dran, sie wiederholt ihre Absage – er sei schließlich erst 12. 15, korrigiert er stolz. Sie rollt mit den Augen und muss doch ein kleines Lächeln preisgeben. Das reicht Gary, um am Ende ihres giftig-charmanten Schlagabtauschs das zu ergaunern, was Alana unter gar keinen Umständen ein Date nennen will. Natürlich ist es trotzdem eins. Und natürlich führen die beiden danach eine Beziehung, ohne sie jemals Beziehung zu nennen.

Damit ist alles etabliert: der Altersunterschied, der Schlagabtausch, die Richtungswechsel, die schöne, warme, in Kalifornien immer strahlende Sonne und das noch schönere Filmkorn, das ihren Glanz festhält.

Mit einem Bein hier, mit dem anderen dort

Dieser Glanz bleibt durch die zweieinhalbstündige, in alle Richtungen drängende Beziehung und ihre Unberechenbarkeiten tatsächlich erhalten. Alana Haim und Cooper Hoffman geben ihr gemeinsames Spielfilmdebüt als passioniertes Zweckehepaar, das sich verliebt durch die eigene Beziehung performt. Er als der Teenager, der, so sehr er sich als Mann inszeniert, noch mit einem Bein fest in der Kindheit steckt. Sie als Mittzwanzigerin, die inmitten der Teenager abgeklärt und cool wirkt, in der Erwachsenenwelt aber hoffnungslos verirrt und verloren ist.

Eine Beziehung, die den schlichten Altersunterschied in eine erratisch-dynamische Liebesgeschichte transferiert. So oft wie Gary sich im Laufe des Films eine neue Identität überstreift, so oft wird Alana als Begleiterin, Mentorin und irgendwie auch Geliebte mit aufspringen. Miteinander geschlafen wird nicht. Stattdessen gibt es regelmäßig neue Geschäftsideen. Gary hangelt sich als begnadeter Opportunist mit jugendlicher Naivität vom Schauspieldasein zum Wasserbettenverkäufer und schließlich – als die Ölkrise das vorige Geschäftsmodell vorerst auf Eis legt – zum Umzugsunternehmer. Alana fährt ihn durch die Gegend, belehrt ihn, unterstützt ihn, schließt sich ihm an – und lässt ihn für gealterte Männlichkeitsikonen und progressive Gouverneurs-Kandidaten stehen.

Die Identitätssuche bindet beide aneinander und zerrt sie gleichzeitig in unterschiedliche Richtungen. Bis das Band wieder einmal überspannt ist, zurückschnappt und beide erneut gegeneinanderprallen lässt.

Alles kommt dazwischen, nichts bietet Halt

Diese Bewegung erzählt von der Liebe. Im ständigen Richtungswechsel rennen, fahren, stolpern und rollen die Protagonisten durch die Zeit-, Film- und Liebesgeschichte. Gemeinsame Autofahrten, das Nebeneinander des gemeinsamen Spaziergangs und dann auf einmal wieder fremdbestimmte Richtungswechsel.

Einmal stürmt die Polizei eine Messehalle, legt Gary in Handschellen, zerrt ihn in den Streifenwagen. Alana rennt hinterher, stolpert durch eine Horde der „verfluchten Teenager“, bis sie auf der Wache ankommt, wo Gary – eben noch Mordverdächtiger – schon wieder frei ist. Hand in Hand rennt das Paar den gleichen Weg zurück – wo eben Polizeiwillkür war, ist jetzt wieder Romanze. Alles kommt dazwischen, nichts bietet Halt.

Die Flüchtigkeit ist das Grundprinzip und zugleich die große Stärke von „Licorice Pizza“. Schwebend navigiert Regisseur Paul Thomas Anderson den Film durch das San Fernando Valley, einen weniger prominenten Stadtteil von Los Angeles. Dass der prominenteste Stadtteil gleich um die Ecke liegt, ist jederzeit spürbar. Showbusiness, Filmgeschichte und Meta-Kommentare sind immer dabei, drängen sich aber nie auf. Der Soundtrack jammt gemütlich und mysteriös im Hintergrund, bis die „Needle Drops“ übernehmen und der Film zu Songs von David Bowie, Nina Simone oder The Doors kurz ins Musikvideo-Dasein abgleitet. Ein Auftritt von Sean Penn, der Alana als gealterte Hollywood-Ikone in einer Bar seine Filmmonologe, die sukzessive zum verwirrenden Gerede über gefallene Kameraden im Krieg (gemeint ist natürlich ein Film) als Anmache auftischt, ist einer der vielen Stolpersteine, der die nostalgisch-romantische Gleitbewegung erschüttert, aber nie wirklich ins Wanken bringt.

So sieht nicht alleine die Idee der Liebe aus, die Paul Thomas Anderson in sein Kindheits-Jahrzehnt trägt, sondern auch seine Vorstellung von Nostalgie. Gary und Alana stolpern mit jedem historischen Zerwürfnis und jedem eigenen Fehltritt wieder nahtlos ins nächste Abenteuer; sie werden nur getrennt, um auf neue Art zueinander zu finden.

Zwischen Scotch und Limo

Trennung und Kennenlernen sind entsprechend tonal kaum voneinander zu unterscheiden. Als Alana sich vom alten Hollywood-Haudegen hofieren lässt, ist das weniger ernstgemeinter Flirt- oder Fluchtversuch, sondern vielmehr eine gut inszenierte Eifersuchtsmasche für den Teenager-Freund, der das Paar am Nebentisch beäugt, statt des gegenüber servierten Scotchs aber nur seine Limo schlürfen darf.

Wie so oft geht es so lange um Selbstinszenierung, bis es ernst wird. Im entscheidenden Moment schneiden sich die Bewegungslinien des Paars dann wieder. Als Alana für einen spontanen Stunt mit auf das Motorrad von Sean Penn springt und schon beim Gasgeben hintenüberfällt, ist es Gary, der, am Hollywood-Poser vorbei zu ihr rennt. Die Linien laufen wieder zusammen, und für einen Moment ist er tatsächlich der Gentleman, als der er posiert, und verzaubert sie für einen Moment wirklich so, wie sie es nie eingestehen würde. 

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