Biopic | Deutschland 2021 | 78 Minuten

Regie: Benjamin Martins

Die letzten Lebensstunden des Schriftstellers Jochen Klepper, der im Dezember 1942 mit seiner jüdischen Frau und Tochter vor den Nazis in den Tod floh. Der Film entwirft eine symbolisch aufgeladene Welt der Bedrückung und Bedrohung, aus der es kein Entkommen gibt. Die eindrückliche Bilderzählung will mit den Mitteln des magischen Realismus zu Fragen über Glauben und Selbstbestimmung angesichts existentieller Herausforderungen anregen, was narrativ und inszenatorisch mitunter bleischwer ausfällt. Dennoch gelingt eine eindrucksvolle Mahnung zu Würde und Freiheit. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Benjamin Martins
Buch
Benjamin Martins
Kamera
Malte Papenfuß
Musik
Max Schuller
Schnitt
Malte Papenfuß
Darsteller
Christoph Kaiser (Jochen Klepper) · Dirk Waanders (Adolf Eichmann) · Beate Krist (Johanna Klepper) · Sarah Palarczyk (Renate Stein) · Boris Becker (Der Schatten)
Länge
78 Minuten
Kinostart
27.01.2022
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Biopic | Drama | Historienfilm

Experimenteller Spielfilm über die letzten Lebensstunden des Schriftstellers Jochen Klepper (1903-1942), der mit seiner jüdischen Frau und Tochter vor den Nazis in den Tod floh.

Diskussion

Manchen Lesern ist der Schriftsteller Jochen Klepper (1903-1942) vielleicht noch als Autor des heiteren Romans „Der Kahn der fröhlichen Leute“ bekannt. Auch der 1950 nach Motiven dieses Buchs gedrehte gleichnamige DEFA-Film, ein musikalisches Lustspiel mit Paul Esser und Werner Peters, erfreute sich lange Jahre großer Beliebtheit. Dass Klepper zu den bedeutendsten christlichen Autoren des 20. Jahrhunderts zählt, seine Liedtexte bis heute fester Bestandteil sowohl katholischer als auch evangelischer Gottesdienste sind und er in der NS-Zeit ein tief berührendes Tagebuch schrieb, hat sich allerdings kaum im allgemeinen Bewusstsein festgesetzt.

Jochen Klepper hatte eine jüdische Frau, Johanna, die von der Mordpolitik des NS-Regimes existentiell bedroht war. Nachdem der SS-Führer Adolf Eichmann ihr Ausreisegesuch abgelehnt hatte, stand für sie und ihre jüngste Tochter Renate – die ältere Tochter Brigitte hatte sich ins Ausland retten können – die Deportation in ein Vernichtungslager unmittelbar bevor. Eichmann legte Klepper die Scheidung nahe. In dieser Situation entschloss sich die Familie, wie so viele andere jüdische Familien, zum Suizid. Am 10. Dezember 1942 schrieb Jochen Klepper zum letzten Mal in sein Tagebuch. „Über uns“, so seine Gewissheit und sein Trost, „steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

Alles gehört zur Metapher

Der Schauspieler und Regisseur Benjamin Martins war vom Schicksal Kleppers so bewegt und betroffen, dass er sich schon vor mehr als zehn Jahren entschloss, die Ereignisse zu einem Film zu verdichten. Grundlage des Drehbuchs bildeten Kleppers Tagebuchaufzeichnungen, aus denen er eine symbolisch aufgeladene, nicht-naturalistische Welt der Bedrückung, Bedrohung und emotionalen Klaustrophobie filterte.

In „Schattenstunde“ gerät alles zur Metapher. Die Holztür zum Hausflur, die nur bis zu den Knien reicht und unter der sich die mörderische Außenwelt in die Wohnung der Familie einschleichen kann. Das Mobiliar, das nach und nach, wie von unsichtbarer Hand bewegt, aus dem Film verschwindet. Die Wände, die immer näher an den Familientisch heranrücken, die Decke, die sich immer tiefer absenkt.

Statt mit digitaler Technik, die es in den Hintergrundprojektionen und Trickelementen des Films auch gibt, arbeitete Martins mit einer tonnenschweren Stahlkonstruktion: Wände, Decke und Mobiliar konnten so ineinander verschachtelt werden, eine eindrückliche Bilderzählung. Zu den surrealen Momenten gehören singende Fotografien, eine imaginäre Schattenfigur und die Marionetten in Eichmanns Büro, die Kleppers Antlitz tragen und Kaskaden von Selbstvorwürfen des Schriftstellers in sein Gespräch mit dem SS-Führer einbringen. Schließlich steht ein Eisenbahnwaggon direkt im Hausflur vor Kleppers Wohnung.

Ein Bekenntnis zum magischen Realismus

„Schattenstunde“ entstand ohne Drehbuchförderung oder Fernsehsender als Eigenprojekt des Regisseurs und seines Teams. Ein Kunststück im wahrsten Sinne des Wortes, ein ästhetisches Wagnis, ein Bekenntnis zum magischen Realismus. Im deutschen Kino ist das ein artifizielles Unikat, das bewusst aus der großen Reihe eher konventioneller Erzählungen über die Vergangenheit ausbricht. Allein das ist ein Ausrufezeichen wert.

Dennoch ergeben sich auch eine Menge Fragezeichen. So wirken die Monologe und Dialoge, die meist aus authentischen Texten zusammengesetzt sind, oft bleischwer und machen es den Schauspielern nicht leicht, die theoretische Ebene der Weltbetrachtung, Selbstkasteiung und Glaubenszuversicht zu verlassen und „lebendige“ Menschen zu formen. Übertriebene mimische Auf- und Ausbrüche können dabei nicht immer vermieden werden, was ein gewisses Chargieren zur Folge hat. Hinzu kommt, dass dem Film auch das schmale Budget anzusehen ist. So entbehren die verrückenden Wände nicht einer technischen Bravheit und Biederkeit.

Bemerkenswert ist der kluge Umgang des Regisseurs und seines Kameramanns Malte Papenfuss mit dem Bildformat 1:1, also der quadratischen Leinwand. Die Verlorenheit der Schriftstellerfamilie Klepper, die in die Enge getrieben ist, gewinnt dadurch eine besondere Dimension.

Mahnung zur Würde und Freiheit

Trotz mancher Einschränkung ist „Schattenstunde“ eine noch immer notwendige Mahnung zu Würde, Freiheit und einem selbstbestimmten Leben. Die in Kleppers Gedanken und Aufzeichnungen immer wieder gestellte Frage, ob die Seelen der Menschen auch nach deren physischem Ende überleben und in der Ewigkeit mit denen ihrer Lieben verschmelzen, bleibt allerdings auch nach „Schattenstunde“ als philosophisch-theologische These unbeantwortet.

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