La Fortuna

Abenteuer | Spanien 2021 | Minuten

Regie: Alejandro Amenábar

Einst ist mit einem spanischen Schiff ein sagenhafter Schatz im Meer versunken. Ein US-amerikanisches Team von Schatzsuchern geht nun daran, ihn zu finden und zu bergen. Damit rufen die Abenteurer auf spanischer Seite einen engagierten jungen Diplomaten aus dem Kulturministerium auf den Plan, der das Schiff und seine Ladung als Teil der spanischen Geschichte und kulturellen Identität ansieht und darum vehement die Meinung vertritt, der Schatz gehöre der spanischen Öffentlichkeit. Eine Kontroverse, bei der der Diplomat und seine Helfer gegen das finanzielle und politische Gewicht der Amerikaner zunächst schlechte Chancen haben. Die spanische Miniserie spielt teils explizit mit Verweisen auf den klassischen Abenteuerfilm. Dabei besteht allerdings ein latenter Widerspruch dazwischen, dass die Serie auf der Handlungsebene dessen aus der Kolonialzeit stammendes Weltbild hinterfragt und die Romantik der Schatzsuche mit nagenden Fragen nach deren Legalität konterkariert; formal überlässt sie sich jedoch zu sehr dessen Mustern und eskapistischen Reizen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LA FORTUNA
Produktionsland
Spanien
Produktionsjahr
2021
Regie
Alejandro Amenábar
Buch
Alejandro Amenábar · Alejandro Hernández
Kamera
Alex Catalán
Musik
Roque Baños
Schnitt
Carolina Martínez Urbina
Darsteller
Álvaro Mel (Álex Ventura) · Ana Polvorosa (Lucía Vallarta) · Clarke Peters (Jonas Pierce) · Stanley Tucci (Frank Wild) · Karra Elejalde (Kulturminister Enrique Moliner)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Abenteuer | Serie | Thriller

Spanische Miniserie um einen sagenhaften Schatz, der in einem gesunkenen Schiff auf Abenteurer wartet, die ihn bergen. Doch die Schatzsucher sind habgierige Opportunisten, während die wahren Helden als Diplomaten, Archivarinnen und Anwälte arbeiten.

Diskussion

Die Scheinwerfer eines ferngesteuerten U-Boots erhellen die Tiefen des Ozeans, wo der Meeresgrund vielversprechend zu funkeln beginnt. Frank Wild ist auf Gold gestoßen! Er reißt mit seinem Team einen zum Überquellen gefüllten Safe aus dem Gerippe eines gesunkenen Schiffswracks und lässt die Korken knallen. Ungefähr zur gleichen Zeit dringt auch Álex Ventura auf dem spanischen Festland in unbekannte Gefilde vor – in die grauen Abgründe der spanischen Bürokratie. Der frischgebackene Diplomat tritt voller Enthusiasmus eine Stelle im Kultusministerium an. Bald stellt er jedoch desillusioniert fest, dass ihn hier hauptsächlich Schreibtischarbeit erwartet.

Wild und Ventura werden zu Konkurrenten, denn ein Gericht hat darüber zu entscheiden, ob die Fortuna dem US-Schatzsucher oder dem spanischen Staat gehört – und genau das ist für Ventura die Chance, vom Schreibtisch wegzukommen und sein eigenes Abenteuer zu erleben.

Diplomaten gegen Goliath

Obwohl die Geschichte von „La Fortuna“ beim US-Team beginnt, wird schnell deutlich, dass Serienschöpfer Alejandro Amenábar die Spanier um den idealistischen Álex als Sympathieträger bevorzugt. Der Jungdiplomat und die Archivarin Lucia entscheiden sich entgegen aller Vernunft, den Kampf gegen die profithungrigen US-Amerikaner aufzunehmen, und stecken mit ihrer Begeisterung sogar den Minister an.

Mit dieser Prämisse spinnt „La Fortuna“ eine kleine europäische Emanzipations-Mär. Das Schiff wird zum kulturellen Erbe Spaniens erhoben, und der Streit um dessen Ursprung soll beweisen, dass man Europäer nicht mit US-Dollars kaufen oder mit Machtdemonstrationen einschüchtern kann. Eine Gruppe spanischer Büroangestellter stemmt sich tapfer gegen die schier endlosen finanziellen und politischen Ressourcen der US-„Piraten“. Der Schlüssel zum Sieg liegt darin, die Fahrt der Fortuna zu rekonstruieren, indem man durchs Land reist und sich mit der eigenen Geschichte und der aktuellen Landespolitik auseinandersetzt.

Bis zum Ende von „La Fortuna“ wird allerdings nicht klar, ob hier eine (ironischerweise vom US-Genrekino geprägte) Story mit dem Happy End für den Underdog erzählt wird. Oder doch eine urspanische Saga, in der ein moderner Don Quijote chancenlos gegen Windmühlen kämpft.

Indiana Jones auf der Titanic

Während Álex und Lucia auf dem Weg nach Gibraltar sind, sitzt Wild mit dem Anwalt Jonas Pierce in einem Restaurant und redet über Indiana Jones. Der „Jäger des verlorenen Schatzes“ ist nicht die erste Filmreferenz in „La Fortuna“. Schon die Eingangsszene, in der das gesunkene Schiff entdeckt wird, erinnert visuell an den Beginn von „Titanic“. Und tatsächlich dauert es keine zehn Minuten, bis Wild in einer Ansprache genau diesen Vergleich heranzieht. Auch die anderen Figuren entpuppen sich nach und nach als Filmliebhaber. Der spanische Kulturminister lässt sich auf den Kampf um die Fortuna ein, weil er sich an seine Kinojugend in den 1960er-Jahren erinnert fühlt und er in Filmen gelernt hat, dass Piraten nicht gewinnen dürfen. Álex selbst ist Fan von Jacques Cousteau und hat dessen Expeditionen immer gespannt verfolgt. Die Figuren eint die Sehnsucht nach großen Abenteuern, die sie aus ihrem Alltag herausreißen. Zugleich aber hinterfragt die Handlung die Erzählmuster klassischer Abenteuerfilme, indem sie die Romantik der Schatzsuche mit nagenden Fragen nach deren Legalität konterkariert.

Raubzüge ins Ungewisse

Das sind clevere Ansätze, an denen sich die Serie manchmal allerdings übernimmt. Amenábar übt einerseits Kritik an der von Kolonialismus und Imperialismus geprägten Haltung des traditionellen Abenteuer-Genres, fühlt sich aber zugleich dem Unterhaltungsformat einer Mainstream-Serie verpflichtet. Am deutlichsten wird dies in den Rückblenden ins 18. Jahrhundert, die das Schicksal der Fortuna zeigen. Ganz ohne Ironie sind sie wie die klassischen Abenteuerfilme inszeniert. Mit dem Unterschied, dass „La Fortuna“ nicht über das Budget eines Blockbusters verfügt und die historischen Schlachtszenen deshalb großteils im Computer entstanden sind und visuell relativ unbefriedigend ausfallen. Es wäre klüger gewesen, aus der Not eine Tugend zu machen und die Seeschlachten deutlich avantgardistischer, gebrochener umzusetzen. So aber wird „La Fortuna“ an einigen Stellen zu ihrer eigenen Antithese.

Etwas ähnliches lässt sich über die politischen Ideen sagen, die mehr Tiefe gebraucht hätten. Die kulturelle Kluft zwischen Spanien und den USA ist ein vielversprechender Auftakt, doch schon bald ziehen mysteriöse Figuren hinter den Kulissen die Fäden und treiben in großen Limousinen dunkle Verschwörungen voran. Statt eines ernsthaften Diskurses über die Grauzonen der internationalen Politik oder der Altlasten früherer Kolonialmächte wird man mit Genre-Versatzstücken wie aus einem jener 1960er-Agententhriller abgespeist, wie sie der Kultusminister in „La Fortuna“ so liebt.

Generell bedient sich die Serie recht freizügig aus dem Baukasten der Hollywoodklassiker: Mal ist sie ein Historiendrama auf hoher See, mal wird sie zum Politthriller, mal zum Gerichtsdrama, in dem die Spanier kleine Siege davontragen und wichtige Sätze sagen, während die Musik triumphal aufwallt. Solche Momente sind für sich genommen zwar recht unterhaltsam, doch bei vielen filmgeschichtlichen Referenzen bleibt unklar, ob die Vorbilder eher kritisch betrachtet werden oder ihnen Tribut gezollt wird. Thematisch müsste es ersteres sein, doch je weiter die Serie voranschreitet, desto mehr fühlt es sich nach letzterem an.

„The dream is the real treasure”

Am Ende bleiben die subversiven Ansätze auf der Strecke, und auch die historischen Actionszenen enttäuschen. Um die Serie zu genießen, muss man sich daher eher auf die Imitation des Hollywoodkinos konzentrieren als auf dessen Dekonstruktion. Das solide Figurenensemble erleichtert dies: Das Duo Álex und Lucia ist durchaus unterhaltsam, der Anwalt Pierce ein großer Sympathieträger, der spanische Innenminister angenehm schrullig und Frank Wild fast zu überzeugend, um aktiv gegen ihn Partei ergreifen zu wollen. Seine Aussage „The dream is the real treasure“ ist zwar eine Plattitüde, bringt das Sehgefühl von „La Fortuna“ dennoch auf den Punkt. Denn die stärksten Momente der Serie sind die, in denen man den „dream“ der Figuren teilt und hofft, dass sie es schaffen, ihrem Alltag zu entfliehen und ähnlich wie die Kinohelden ihrer Kindheit ein großes Abenteuer zu erleben. Es ist zwar bedauerlich, dass die kontroversen Themen einer simplen Eskapismus-Fantasie weichen, doch wer sich nicht allzu sehr daran stört, dass die Serie eher in seichten Gewässern verweilt anstatt tollkühn in See zu stechen, kommt dennoch auf seine Kosten.

 

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