Coming-of-Age-Film | USA 2021 | 102 Minuten

Regie: George Clooney

Ein Junge, der seinen Vater nur als körperlose Stimme kennt, weil der schon vor vielen Jahren die Familie verlassen hat, zieht mit seiner Mutter in deren Elternhaus zurück. Dort findet er in einem Onkel, der seine Liebe zu Büchern teilt, Halt und Verständnis. Die zurückhaltende Verfilmung der Memoiren des US-Schriftstellers J.R. Moehringer schwächt durch ihre Erzählhaltung eines Rückblicks aus Erwachsenensicht die Nöte des Heranwachsens zwar ab, doch kristallisiert sich die Beziehung zwischen dem Jungen und seinem Onkel als emotionaler Kern heraus. Rund um die beiden entfaltet sich, nicht zuletzt durch die Musik, viel 1970er-Zeitkolorit sowie ein schillernder Mikrokosmos an Nebenfiguren, die allerdings nur oberflächlich skizziert werden. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE TENDER BAR
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
George Clooney
Buch
William Monahan
Kamera
Martin Ruhe
Musik
Dara Taylor
Schnitt
Tanya M. Swerling
Darsteller
Ben Affleck (Onkel Charlie) · Tye Sheridan (JR) · Daniel Ranieri (Junger JR) · Lily Rabe (Mom) · Christopher Lloyd (Opa)
Länge
102 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Coming-of-Age-Film | Drama | Literaturverfilmung

Verfilmung eines autobiografischen Romans über einen Jungen, der in den 1970er-Jahren nach einem Vaterersatz sucht und bei seinem Onkel fündig wird.

Diskussion

Das Bild des traurigen elfjährigen Jungen hinter dem Maschendrahtzaun erinnert an François Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn‟. Auch in „The Tender Bar‟ geht es um einen Jungen aus einfachen Verhältnissen, und auch er leidet unter einer schwierigen Beziehung zu seinen Eltern. Genauer: Zu seinem abwesenden Vater, der die Familie schon vor langer Zeit verlassen hat und nun nur noch als weißer Fleck auf Familienfotos, aus denen er herausgeschnitten wurde, existiert – und als körperlose Stimme aus dem Radio, wo er eine populäre Sendung moderiert. „Radar Love‟ von Golden Earring läuft im Radio, als JR – kurz und schlicht für „Junior‟ – mit seiner Mutter und all ihrem Hab und Gut im Gepäck im Jahr 1973 zum Haus des Großvaters fährt. Die alte Wohnung mussten sie aufgeben, nachdem die Mutter fünf Monate lang keine Miete zahlen konnte.

Für die Mutter ist die Rückkehr ins Elternhaus eine Katastrophe, weil sie dadurch mit ihrem Scheitern konfrontiert wird. Für den Jungen jedoch ist das Haus des Großvaters ein Ort des Glücks. Dort versammelt sich stets eine fröhliche Gesellschaft: Opa und Oma, die Tante, Cousins und Cousinen – und vor allem der geliebte Onkel Charlie, der für JR so wichtig ist.

Ben Affleck als literaturliebender Ersatzvater

Onkel Charlie, gespielt von Ben Affleck, ist kein konventionelles Vorbild. Der Samstagmorgen beginnt für den Inhaber einer Bar üblicherweise mit einem heftigen Kater; hinter dem Tresen ist er Freund und Berater für seine Gäste – und für JR ein Quell der Lebensweisheiten. Von dem zunächst einfältig wirkenden Mann, dessen Kleiderschrank vor Büchern zu bersten droht und in dessen Leben Literatur eine ebenso große Rolle spielt wie Alkohol und Zigaretten, lernt er, was wichtig ist. Wie man sich in einer Bar verhält, wie man sein Geld zusammenhält, wie man mit seiner Mutter und mit den Frauen umgeht, dass ein Mann in den USA unbedingt ein Auto braucht. Onkel Charlie nimmt kein Blatt vor den Mund. Auf seine eigene Art versucht er, den unsportlichen Jungen, der später einmal Schriftsteller werden will und Bücher genauso liebt wie sein Onkel, stark und unabhängig zu machen und ihn davor zu schützen, sich lächerlich zu machen.

Musik ist überall in „The Tender Bar‟ und gibt dem Film seinen Rhythmus. Dadurch atmet der Film, der auf den gleichnamigen Memoiren des US-amerikanischen Journalisten und Autors J.R. Moehringer beruht und von George Clooney nun zurückhaltend inszeniert wurde, viel Zeitkolorit. Gleichzeitig aber geht die nostalgische Färbung zu Lasten der Coming-of-Age-Geschichte, die immer aus der wissenden Perspektive eines Erwachsenen erzählt wird und damit ihre Unmittelbarkeit verliert. So mag der erläuternde Voice-Over-Kommentar etwa die Nähe zur literarischen Vorlage betonen, nimmt den jungen Protagonisten aber auch ihre eigenen Gedanken.

Ebenso sprunghaft wechselt der Film schon früh zwischen JR als Elfjährigem (gespielt von Daniel Ranieri) und als jungem Studenten (Tye Sheridan) und versucht so, über einen Zeitraum von mehr als 13 Jahren über die Loslösung von dem unzuverlässigen Vater und die Entwicklung einer eigenen Identität zu erzählen.

Ein schillernder Mikrokosmos

Dass ein Kind, das ohne leiblichen Vater aufwächst, deswegen in eine derartige Krise stürzt, wirkt manchmal ein wenig befremdlich, zumal JR ja von Anfang an einen liebevollen Ersatzvater und Mentor an seiner Seite weiß. Die Beziehung zwischen JR und Charlie wird damit zum emotionalen Zentrum des Films, die alle anderen überstrahlt – sowohl jene von JR zu seiner Mutter, die ihn gerne als Anwalt sehen würde, als auch jene zur reichen Kommilitonin Sydney, die ihn zwar immer wieder in ihre Nähe kommen, dann aber auch eiskalt abblitzen lässt. Mit großer Sympathie wirft die Inszenierung einen Blick in diesen schillernden Mikrokosmos. Der Vielzahl der Figuren wird die Adaption aber nur ansatzweise gerecht; viele Erzählstränge werden nur gestreift.

Auch im Abspann kehrt „The Tender Bar‟ noch einmal zu einem Motiv aus „Sie küssten und sie schlugen ihn zurück‟. Wie dort führt der Weg ans Meer. Aber es ist nicht der Blick in eine ungewisse Zukunft, sondern eine schöne Erinnerung.

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