Lass den Sommer nie wieder kommen

Experimentalfilm | Deutschland 2017 | 202 Minuten

Regie: Aleksandre Koberidze

Ein junger Georgier will in Tiflis als professioneller Tänzer reüssieren, findet aber zunächst keinen Anschluss an die Tanzkompanie. Er nimmt an illegalen Boxkämpfen teil, schläft für Geld mit Männern und verliebt sich in einen jungen Mann, der allerdings bald in den Krieg ziehen muss. Lose festgemacht an dieser Geschichte, entfaltet der Film ein impressionistisches, magisch-realistisches Porträt städtischen Lebens und städtischer Bewegung. Herausragend dabei ist der Umgang mit einer Low-Resolution-Digitalästhetik, die in Pixeln und Unschärfen ungeahnte Schönheit entdeckt. Ein stellenweise etwas überfrachteter, nichtsdestotrotz aber ästhetisch äußerst fesselnder Film von beeindruckender Musikalität. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Aleksandre Koberidze
Buch
Aleksandre Koberidze
Kamera
Aleksandre Koberidze
Schnitt
Aleksandre Koberidze
Darsteller
Mate Kevlishvili · Giorgi Bochorishvili
Länge
202 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Experimentalfilm

Eine poetische Betrachtung der Welt, festgemacht an einer Geschichte um einen jungen Tänzer, der sein Glück in der Stadt sucht. Herausragend ist der Umgang mit einer Low-Resolution-Digitalästhetik, die in Pixeln und Unschärfen ungeahnte Schönheit entdeckt.

Diskussion

Jeder Sommer endet letztlich so, als würde er nie wieder kommen. Etwas aus den von Hitze und einer eingebildeten Freiheit beseelten Monaten bleibt dennoch in uns zurück. Es sind unscharfe Konturen und sich in der Erinnerungsglut zersetzende Bilder. So in etwa könnte man das Verhältnis der quasi-impressionistischen Digitalästhetik von Alexandre Koberidze in dem im Rahmen seiner Ausbildung an der DFFB realisierten „Lass den Sommer nie wieder kommen“ und seinem Titel auffassen. Das muss man aber nicht.

Porträt einer städtischen Bewegung

Wie bei seinem international gefeierten Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?funkeln nämlich gerade die verträumten, unbestimmten Momente seines Kinos. All das, was am Rand der gleich einer verirrten Brise durch die Stadt wehenden Geschichte um einen jungen Mann geschieht, der nach Tiflis reist, weil er professionell tanzen möchte, prägt sich letztlich am stärksten in die Wahrnehmung ein. Koberidze arbeitet mit Fiktion wie andere mit einer Fördermappe. Er braucht sie, um das zu filmen, was ihn eigentlich interessiert: Füße auf dem Asphalt, von Gebäuden gebrochenes Licht, ein Laubblatt, in der Sonne schlafende Hunde, Kinder, die sich an ihre Omas klammern.

Daneben entfaltet sich eine Geschichte, für all jene, die suchen. Man verpasst aber viel, wenn man sich einem solchen suchenden statt eines treibenden Blicks verschreibt. „Lass den Sommer nie wieder kommen“ ist das Porträt einer städtischen Bewegung. Als man noch an das Kino glaubte, nannte man solche Filme Symphonien. 

Sanfter magischer Realismus

Der Film wirkt wie ein Echo aus der Vergangenheit in seinem Verhältnis zu „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“. Das liegt nicht nur an der Präsenz von Giorgi Bochorishvili, dem Bresson-Spleen von einer gen Boden gerichteten Kamera, manchen wiederkehrenden Motiven und Bildern oder den Tönen Giorgi Koberidzes, sondern eben an diesem sanften magischen Realismus, dem sorgfältigen Umgang mit der Materialität seiner Bilder und den verspielten formalen Einschüben. Letztere schmerzen ein wenig, weil sich Koberidze nicht gerade in Demut übt, wenn es um künstlerischen Ausdruck geht. Statt sich auf die bezaubernde Kunst der so nie gesehenen Low-Resolution-Bilder, seiner präzisen Kadrierung und seiner berauschenden Beobachtungsgabe (vor allem von Licht!) zu verlassen, füllt er seinen Film mit künstlerischen Ideen noch und nöcher. Zwischentitel, die einen zur Aufmerksamkeit ermahnen, und Untertitel, die ankündigen, was passieren wird, sind nur zwei dieser Gimmicks. Und Gimmicks sind, das sagt nicht nur Godard, im Kino fehl am Platz.

Auch die politische Dimension des Films (der Liebhaber muss in den Krieg) versandet als bloße Geste. Es entsteht der Eindruck einer Übersättigung. Vielleicht beruhigend, angesichts dessen, dass dies eine Filmschul-Arbeit ist. 

Meilenstein einer genuinen digitalen Ästhetik

Eigentlich aber ist der Film ein Meilenstein, wenn es um die sich langsam auch im Mainstream etablierende Idee einer genuinen digitalen Ästhetik geht. „Lass den Sommer nie wieder kommen“ droht ständig in dem zu verenden, was eigentlich als Bildfehler gilt. Und genau darin findet er seine Schönheit und ein geradezu flammendes Statement gegen die weitverbreitete „Cleanness“, die dieses Medium angeblich auszeichnet. Besonders eindrücklich gestaltet Koberidze eine Art Prolog mit fahrenden Zügen, die in der Bewegungsunschärfe wie aus einer anderen Zeit gefahren kommen. Aber auch das bereits erwähnte Licht wird von der limitierten Technik oft so eingefangen, wie man es nie gesehen hat. Derart führt Koberidze das Kino ein wenig zu seinen Ursprüngen zurück. Einzig, dass er in einer Welt filmt, in die sich das Kino bereits eingeschrieben hat. Die Unschuld ist geliehen, aber sie blüht dennoch.

Koberidze arbeitet narrativ, philosophisch und ästhetisch mit dem Zufall. Man bekommt das Gefühl, dass die Kamera auch jede andere Geschichte, die sich in der Stadt abgespielt hat oder nicht abgespielt hat, hätte registrieren können. Begegnungen geschehen, weil sie geschehen. Sie hätten auch nicht geschehen können, das gerade macht sie so besonders. Es gibt ein Schicksalsgefühl, aber es wird mit einem nüchternen Blick begutachtet. Der junge Mann wird zunächst abgelehnt von der Tanzkompanie. Er hatte sich bei einem Boxkampf verletzt, und das äußere Erscheinen wäre wichtig. Später versteckt er sich mit seinem Liebhaber in verlassenen Hotels. Manchmal nimmt die einsetzende Musik die eigentlich ruhenden Bilder mit auf eine lange Reise. Sie kommen nicht wieder, aber sie waren doch da.

Die Musikalität des Films ist bemerkenswert. Sie erinnert zusammen mit den vielen dialoglosen Passagen tatsächlich an Otar Iosseliani, den zu oft vergessenen Koloss des georgischen Kinos. Auch wenn man vorsichtig sein sollte mit solchen eigentlich irrelevanten Vergleichen, kann man doch bemerken, dass es schön ist, wenn junge Filme an den Sommer erinnern.

 

 

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