A Very British Scandal

Drama | Großbritannien 2021 | Minuten

Regie: Anne Sewitsky

Der Scheidungsprozess zwischen dem 11. Herzog von Argyll, Ian Campbell, und seiner Frau Margaret erregte in den 1960er-Jahren großes Aufsehen, zumal skandalträchtige Details über ihre Beziehung in der Öffentlichkeit breit rezipiert wurden. Die dreiteilige Miniserie beleuchtet den realen (Medien-)Skandal der britischen Geschichte als Rückblick auf eine von Beginn an unter einem schlechten Stern stehende Ehe zweier psychisch labiler Persönlichkeiten. Dabei ist manch Aufschlussreiches über die Gesellschaft der Nachkriegszeit zu erfahren, die dramaturgischen Absichten der Serie bleiben allerdings eher im Dunkeln. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
A VERY BRITISH SCANDAL
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2021
Regie
Anne Sewitsky
Buch
Sarah Phelps
Kamera
Si Bell
Musik
Nathan Barr
Schnitt
Dominic Strevens
Darsteller
Claire Foy (Margaret Campbell) · Paul Bettany (Ian Campbell - Herzog von Argyll) · Olwen May (Dora) · Albertine Kotting McMillan (Jeanne Campbell) · Amanda Drew (Yvonne MacPherson)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Serie

Miniserie um den gesellschaftlichen Skandal der Scheidung des Herzogs von Argyll und seiner Frau Margaret in den 1960er-Jahren und den aufsehenerregenden Gerichtsprozess.

Diskussion

Die Kriegsgefangenschaft bei den Deutschen im Zweiten Weltkrieg hatte die Schuld. Was er dort erfahren hat, was ihm dort, mutmaßlich, angetan wurde, das kann Ian Campbell (Paul Bettany), der nachmalige elfte Herzog von Argyll, nicht vergessen und verwinden, und es prägt ihn und seine Beziehungen zu den anderen, besonders zu Frauen, seither. So lebt er fortan unstet, promisk, als Playboy nach den Maßstäben der britischen 1950er- und 1960er-Jahre, immer auf der Suche nach seinem Platz in Leben und Gesellschaft sowie reichlichen Mitteln, die ihm diesen so angenehm wie möglich auspolstern sollen.

Zwei, die sich besser nie begegnet wären

Auch die Frau, die er schließlich heiratet, hat einiges hinter sich. David Niven hat wie ein Schurke an ihr gehandelt: Gerade einmal 15-jährig wird sie von ihm, dem mutmaßlich bereits mit 18 Jahren blendend aussehenden Schauspieler in spe, beschlafen, und was folgt, ist für Margaret Whigham (Claire Foy) ein Wirbelwind (oder Malstrom) von Feten, Verlobungen, Hochzeiten, Scheidungen und vielen Fehlgeburten…

Es ist klar: Sie und Ian Campbell hätten sich nie begegnen dürfen ‒ geschweige denn in ernstere gesellschaftliche und persönliche Beziehungen treten. Doch es kommt, wie es kommen muss in „A Very British Scandal“, dem historischen Drama als dreiteilige BBC-Miniserie, die als Sequel von „A Very English Scandal“ annonciert wird: Sie treffen während einer romantischen Zugfahrt durch die schottischen Highlands schicksalhaft aufeinander, verleben eine stürmisch-leidenschaftliche Zeit zusammen und gehen alsbald eine (weitere) Ehe ein.

Schmutzige Wäsche vor Gericht gewaschen

Die Serie beginnt, fast schon konventionell, mit deren Ende, der zum unverhohlenen Gaudium des Publikums öffentlich vollzogenen Scheidung. Sie zeigt insbesondere das Spießrutenlaufen von Herzogin Margaret durch Presse und moralisch entrüstete Bürgersleute, das hohe Gericht und die vielen Anwälte beider Seiten sowie den sehr selbstbewussten Herzog ‒ man kann und soll im Geiste die vielen prominenten Paare ergänzen, denen seither Ähnliches widerfahren ist. Nachdem genügend schmutzige Wäsche gewaschen wurde, blendet Episode 1 zurück in die hysterisch feierwütigen Salons der unmittelbaren Londoner Nachkriegszeit. Auf einer schlüpfrigen Party, deren Attraktion viele kleine goldene (!) Penisse darstellen, die als Aufziehspielzeug erregt über den Tisch jagen, wird die Verbindung von Margaret und Ian öffentlich besiegelt ‒ welch ein Omen!

Die Liebe der beiden, die in Wahrheit eine Obsession ist, konstituiert sich ganz überwiegend durch Eifersucht, Besitzstreben und, vor allem aufseiten von Ian, durch fundamentale Unsicherheit. Das reicht von Fantasien à la „Wenn du die Meine wärest…“ über die zwanghafte Frage „Wie viele Männer vor mir?“ bis hin zum nagenden Zweifel an der Vaterschaft seiner Söhne aus früherer Ehe. Das Drama wirkt und ist offensichtlich inszeniert ganz aus dem Geiste von Friedrich Nietzsches Liebesentzauberung in der „Fröhlichen Wissenschaft“: „Am deutlichsten aber verrät sich die Liebe der Geschlechter als Drang nach Eigentum: der Liebende will den unbedingten Alleinbesitz der von ihm ersehnten Person, er will eine ebenso unbedingte Macht über ihre Seele wie ihren Leib, er will allein geliebt sein und als das Höchste und Begehrenswerteste in der andern Seele wohnen und herrschen.“

Die englische Krankheit

Dabei widmet sich die Serienerzählung ebenso dem Schicksal der Generationen: Margarets Vater (Richard McCabe), ein reicher bürgerlicher Pharma- und Finanzmann, hegt naturgemäß Ambitionen für den gesellschaftlichen Aufstieg seiner Tochter, nur um zum Schluss bitter erfahren zu müssen, dass sie und Ian ihn hauptsächlich als Goldesel gesehen und benutzt haben. Der Herzog wiederum sehnt sich nach Bedeutung (die ihm wie anderen seiner Generation im Kriege zu erlangen verwehrt war) und steckt eine Unmenge Geldes (Margarets Geldes) in ein abenteuerliches Projekt seiner Vorfahren ‒ ein vor seinem Schloss gesunkenes Schiff der spanischen Armada voller sagenhafter Schätze zu heben: natürlich vergeblich und dies auf sehr symbolträchtige Weise.

Er muss nun alle Hoffnung fahren lassen und ergibt sich mehr und mehr der Trunksucht und seinen misanthropischen Launen. „Du empfindest nichts, gar nichts!“, hält ihm seine Gattin einmal sehr zu Recht vor: die englische Krankheit, die damals wohl endemisch wütete, insbesondere unter den Männern einer bestimmten Schicht und Erziehung. Staunenswert bleibt der schöne, ewig unzerstörbare Leib des Adeligen, seine makellose Oberfläche und sein perfekter Halt durch Konventionen und Maßanzüge ‒ trotz eines Lebens als Wüstling. Bei all dem sieht man Paul Bettany gern zu, der eine souveräne Leistung zeigt.

Doch ihr, Margaret, ergeht es kaum besser. Wenn sie auch eine Überlebende ist und bleiben wird (sie hat einst den nahezu tödlichen Fall in einen tiefen Aufzugschacht überstanden) ‒ ihr Wissen reicht nicht weiter, als ihre (Aus-)Bildung vorsieht: Im Klassendünkel ihrer Epoche verwechselt auch sie (Eigen-)Wert und äußerliche Besitztümer und plündert in einer grotesk-komischen Szene selbst ihr ehemaliges Schloss: „Das gehört mir!“

Die Liebe vor Gericht, vor allem die abweichende, nicht ganz der Norm entsprechende, ist ein weiteres klassisches Motiv englischer Geschichte(n). Der Prozess um Oscar Wildes Liebschaften wird unwillkürlich heraufgerufen, wenn Herzogin M. freimütig über damals skandalöse Sexpraktiken berichtet ‒ nicht mehr so sehr, um den besten Scheidungsdeal auszuhandeln, sondern, so muss man verstehen, in der Absicht, endlich sich selbst zu erkennen und anzunehmen. Doch da ist diese Miniserie jäh zu Ende und lässt ein wenig im Unklaren über ihre ursprüngliche Motivation, dramaturgischen Absichten und Allianzen mit ihren Rollen und Darstellern. Ein Gefühl stellt sich ein wie in einer allzu kurzen Ehe: coitus interruptus.

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