Dokumentarfilm | Deutschland 2022 | 94 Minuten

Regie: Antje Schneider

Als Geschäftsführer der Waldkliniken im thüringischen Eisenberg nutzt der ehemalige Krankenpfleger David-Ruben Thies die Chance eines Klinik-Neubaus, um seine Idee eines Krankenhauses im Geist eines Patientenhotels umzusetzen. Der Dokumentarfilm folgt Thies über zwei Jahre bis zur teilweisen Realisierung seiner Vision und präsentiert ihn als leicht exzentrischen, aber durchaus handfesten Visionär. Dabei gelingt eine sehr informative und vergnügliche Erkundung über mögliche Krankenhäuser der Zukunft, der eine radikale Kritik des neoliberalen Zustands des Gesundheitswesens zugrunde liegt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2022
Regie
Antje Schneider
Buch
Antje Schneider
Kamera
Carsten Waldbauer
Musik
Anna Kühlein
Schnitt
Carsten Waldbauer
Länge
94 Minuten
Kinostart
14.04.2022
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Ein Dokumentarfilm über den Geschäftsführer eines Klinik-Komplexes in Thüringen, der seine Idee eines Krankenhauses im Sinne eines Patientenhotels umzusetzen versucht.

Diskussion

Hätte nicht die COVID19-Pandemie so ein dramatisches Schlaglicht auf das deutsche Pflege- und Gesundheitswesen geworfen, hätte man locker jahrelang weiter klagen können: über die Privatisierung des Gesundheitswesens, die (fiktive) Kostenexplosion durch die Überalterung der Gesellschaft, die desaströsen Konsequenzen der rot-grünen „Agenda 2010“ mit der Bürokratisierung des Vergütungssystems in den Krankenhäusern. Das Gesundheitswesen wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten in eine Gesundheitswirtschaft transformiert, in der die Verkürzung der Aufenthaltsdauer, die Erhöhung von Fallzahlen, die Vervielfachung operativer Eingriffe und die Erhöhung des Pflegeschlüssels Profit abwerfen.

Das Krankenhaus der Zukunft

Krankheit ist längst zum neoliberalen Wirtschaftsgut geworden. Auftritt: David-Ruben Thies. Der ist Geschäftsführer der Waldkliniken im thüringischen Eisenberg, wo ein Klinik-Neubau genehmigt worden ist. Immer wieder zeigt der Film „Vier Sterne Plus“ Thies auf seinen Reisen, die ihm dazu dienen, Informationen zu sammeln, um seine radikalen Vorstellungen eines Krankenhauses der Zukunft zu schärfen, dass endlich die Patienten in den Mittelpunkt stellt. Thies, den man übrigens – ein Running Gag des Films – zu jeder Tag- und Nachtzeit vorzüglich in der Raucherecke antrifft, ist zugleich Visionär und Kritiker des Status quo.

Was passt, wenn man berücksichtigt, dass der ehemalige Krankenpfleger Thies einst ins Management wechselte, weil er mehr bewegen wollte, als nur zuverlässig die Verhältnisse zu bejammern. Und jetzt sieht man ihn auf Reisen, beim Besichtigen der üblichen konventionellen Krankenhäuser mit den langen Fluren, den Geräuschen und Gerüchen und fragen: „Willst du hier gesund werden?“

David-Ruben Thies denkt „groß“

Angesichts der Tatsache, dass jedes achte Krankenhaus von Insolvenz bedroht ist, hat Thies einen Plan für den anstehenden Wettbewerb um den Patienten. Wenn den Patienten schon die nötige medizinische Expertise fehlt, um das beste Krankenhaus zu wählen, dann kann man ja vielleicht auf den Patienten als „Gast“ setzen, dem ein entsprechendes Angebot zu machen ist. Man mag es exzentrisch finden oder vielleicht auch überkandidelt, aber David-Ruben Thies denkt da „groß“. Eben „Vier Sterne Plus“. Wie wäre es, wenn der Stararchitekt Matteo Thun ein zylinderförmiges Gebäude mit großen Fenstern entwerfen würde? So dass sämtliche Patienten einen freien Blick in die Natur erhalten? Wie kommt es, dass ein solches Projekt sich kostengünstiger realisieren lässt, wenn man den Luxushotel-Sektor bedient, als im darauf spezialisierten medizinischen Sektor? Wie wäre es, wenn der Eingangsbereich eines Krankenhauses nicht unpersönlich, bürokratisch und sachlich-kalt anmute, sondern ein Kaminfeuer brenne, es nach frisch gebackenem Brot dufte, die Krankenhausküche einen Michelin-Stern erkocht habe und es einen begehbaren Humidor gäbe?

Die Frage stellt sich: Wieviel Luxus braucht ein Krankenhaus? Warum nicht Klinikkleidung, die von Gaultier entworfen wird? Aber ist das in der Provinz noch kommunizierbar? Thies’ Kreativität erschöpft sich allerdings nicht in derlei etwas exzentrischen Visionen vom Luxus-Krankenhaus, das Genesung auf Lifestyle reimt, sondern sie umfasst auch eine umfassende Re-Organisation des Krankenhaus-Betriebs, die bereits den Klinik-Neubau in Eisenberg inspiriert hat. Das fängt bei der Transformation von Stationen in sehr transparente und sichtbare „Units“ an, fragt nach dem Sinn von Großraumbüros, zweifelt das Statussymbol des Einzelzimmers an und hört bei der Klinikkleidung noch lange nicht auf.

Kein Träumer

Nicht alles, was Thies vorschwebt, lässt sich realisieren, aber der Film legt es auch nicht auf Diskussionen über die Ideen und Visionen Thies’ an, sondern lässt sie einfach mal so stehen. Dass Thies kein Träumer ist, wird deutlich, wenn er zum Beispiel ganz handfest versucht, eine Reise des thüringischen Ministers nach Vietnam zu nutzen, um dort das Problem des fehlenden Anästhesisten-Nachwuchses zu diskutieren. Zwei Jahre hat die Filmemacherin Antje Schneider („Die schöne Krista“) den umtriebigen Thies mit der Kamera begleitet. Am Ende wird das neue Haus der Waldkliniken feierlich eröffnet, wenngleich nicht ganz in der von Thies angedachten kulturellen Liga. Dann kommt die Pandemie, die Dynamik aus dem Spiel nimmt. Um neue Kraft zu tanken, zieht sich Thies erst einmal für ein Sabbatical auf seinen Hof in der Toskana zurück.

Insofern bleibt leider offen, inwiefern sich die ambitionierten Pläne in der Praxis bewähren. Es wäre also durchaus von Interesse, in einigen Jahren mal wieder für einen Realitätscheck in Eisenberg vorbeizuschauen.

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