Mutzenbacher

Dokumentarfilm | Österreich 2022 | 100 Minuten

Regie: Ruth Beckermann

Männer unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Schichten werden zu einem Casting geladen, bei dem sie aus den fiktiven Erinnerungen der Wiener Dirne Josefine Mutzenbacher vorlesen und über ihr eigenes Verhältnis zum Text sowie ihre individuellen sexuelle Erfahrungen berichten sollen. Der Dokumentarfilm verbleibt beim der Casting-Situation und ist nicht darauf aus, männliche Sexualität als solche zu thematisieren. Er setzt vielmehr auf ambivalente Gespräche über Wirklichkeit, Fantasie und die schwer definierbare Grenze dazwischen und konzentriert sich aufs Zuhören und Entdecken. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Österreich
Produktionsjahr
2022
Regie
Ruth Beckermann
Buch
Ruth Beckermann · Claus Philipp
Kamera
Johannes Hammel
Schnitt
Dieter Pichler
Länge
100 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Männer unterschiedlichen Alters werden zu einem Casting geladen, um aus den erotischen Memoiren der Wiener Dirne Josefine Mutzenbacher vorzulesen und über männliche Sexualität zu sprechen.

Diskussion

Zögerlich betritt ein Mann den kahlen Raum in der ehemaligen Wiener Sargfabrik. Nachdem er sich auf eine barock verkitschte Couch gesetzt hat, schaut er ratlos in die Kamera. Auch andere, die nach ihm hier Platz nehmen, wirken angespannt – oder neugierig, was sie bei diesem Casting von Ruth Beckermann erwartet.

Für ein Projekt über die fiktive Wiener Dirne Josefine Mutzenbacher hat die Dokumentarfilmerin Männer unterschiedlichen Alters eingeladen. Wie ihr Film aussehen soll, der auf dem 1906 anonym publizierten, meist dem „Bambi“-Autor Felix Salten zugeschriebenen Erotikroman fußt, scheint auch die Regisseurin selbst noch nicht genau zu wissen. Erstmal schauen, was passiert, lautet die Maxime des konsequent in der Casting-Situation bleibenden Films.

Ein virtuoses Stück erotischer Weltliteratur

„Mutzenbacher“ nimmt die Fantasie der liebestollen Dirne zum Anlass, um etwas über männliche Sexualität zu erfahren. Der Roman bleibt dabei teilweise Vorwand, um über erotische Erfahrungen, Träume, Tabus und Ängste zu sprechen, wird aber auch immer wieder selbst ins Zentrum gerückt. Dass es sich hier trotz einiger moralischer Vorbehalte um einen nicht nur schlüpfrig-detailreichen, mit ungeahnten Beischlaf-Synonymen versehen Text handelt, sondern auch um ein virtuoses Stück erotischer Weltliteratur, das demonstriert Beckermann immer dort, wo sie einzelne Episoden vorlesen lässt.

Meist kann man dabei beobachten, wie die Männer auf fast magische Weise von einer tiefen Leidenschaft ergriffen werden. Auch wenn sie sich zunächst schüchtern an die freizügigen Erlebnisberichte Mutzenbachers herantasten, verfallen sie irgendwann einem genießerischen Flow. Der Wiener Dialekt verleiht dem Text zusätzlich eine besondere Musikalität. Die wohl augenscheinlichste Verwandlung macht ein älterer Herr durch, dem das zunächst alles zu vulgär ist, der sich beim Vortrag aber schließlich voller Inbrunst in ekstatische Höhen schraubt.

Martialisch brüllt der Männerchor

Was sind das für Männer, die hier vor der Kamera stehen und sich furchtlos öffnen? Junge und alte, schüchterne und freche, Protagonisten aus dem österreichischen Kulturleben wie der Lyriker Robert Schindel und der Musiker Stefan Sterzinger, aber auch Laien, denen die Aufregung ins Gesicht geschrieben steht. Ob es den Mann an sich gibt, scheint sich Beckermann zu fragen, wenn sie ihre Protagonisten mehrmals als martialisch brüllenden Chor in Szene setzt. Doch indem sie den holprigen Probenprozess miteinbezieht, wird klar, dass es sich um eine mühevolle Konstruktion handelt.

Auch sonst stellt „Mutzenbacher“ keinen Wahrheitsanspruch und entlarvt auch ein scheinbar spontanes Gespräch, das wegen Flugzeuglärm wiederholt werden muss, als Inszenierung. Einer der Männer konfrontiert Beckermann schließlich mit ihrer Machtposition, die es ihr erlaubt, das Gesagte beliebig zu schneiden und zu kontextualisieren.

Die Vorleser positionieren sich

Spannend ist „Mutzenbacher“ vor allem deshalb, weil sich die Männer zum Text positionieren müssen. Die Alltagstauglichkeit der blumig ausgeschmückten Fantasien wird abgeklopft, worauf manche eigene Erfahrungen auspacken, die denen im Buch in nichts nachstehen. Immer wieder geht es um die schwer definierbare Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit. Beckermann lässt ihre Protagonisten teilweise auch Szenen aus dem Roman nachspielen, wodurch spielerisch, aber auch brutal das unterschiedliche Schamgefühl der Beteiligten demonstriert wird.

Nicht wenige der Männer bewundern die Hauptfigur dafür, dass sie sich nicht zum Opfer machen lässt. Andere erkennen in der Beteuerung der Romanfigur, dass sie es bei jeder noch so übergriffigen Begegnung doch auch selbst gewollt hätte, eine bequeme Entschuldigung für die männlichen Leser. In jedem Fall wird bei den Männern das Individuelle stärker als das Verbindende sichtbar.

Aufs Zuhören konzentriert

Beckermann selbst bleibt den ganzen Film über zwar hinter der Kamera, deutet aber auch mal Widerspruch an, wenn etwa die zunehmende Männerfeindlichkeit in der Gesellschaft beklagt wird. Und obwohl sie den Gesprächspartnern gerne besonders herausfordernde Textpassagen mit Inzest und Kindesmissbrauch vorlegt, trifft sie dabei eben auch auf entwaffnendes Selbstbewusstsein und Hinweise auf die Fiktion der Erzählung. Das Geheimnis von Beckermanns „Mutzenbacher“ besteh darin, dass er keine Agenda durchnudelt oder jemanden belehren will, sondern sich ganz auf die dokumentarische Tugend des Zuhörens konzentriert. Der Wirklichkeit kommt Beckermann nahe, weil sie ergebnisoffen bleibt und Widersprüche aushalten kann. Das ist mal unbequem, mal lustig, immer aber fesselnd und erkenntnisreich.

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