Queens of the Qing Dynasty

Coming-of-Age-Film | Kanada 2022 | 122 Minuten

Regie: Ashley McKenzie

Eine neurodivergente kanadische Jugendliche lernt nach einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie in einem queeren chinesisch-stämmigen Praktikanten einen Seelenverwandten kennen. Für beide ist der Beginn dieser Freundschaft ein Moment der Emanzipation: Zwei Gestrandete lehnen sich auf, geben sich gegenseitig Halt und müssen doch lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Ein empathischer, spektakulär unspektakulärer Film, der sich auf die Perspektive seiner Hauptfigur ganz und gar einlässt. Damit mutet er den Zuschauern einiges an Befremdungserfahrung zu, bereichert aber auch, indem er Einblicke in eine eigenwillige Wahrnehmungswelt eröffnet. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
QUEENS OF THE QING DYNASTY
Produktionsland
Kanada
Produktionsjahr
2022
Produktionsfirma
Hi-Vis Film
Regie
Ashley McKenzie
Buch
Ashley McKenzie
Kamera
Scott Moore
Musik
Yu Su · Cecile Believe
Schnitt
Ashley McKenzie · Scott Moore
Darsteller
Sarah Walker (Star) · Ziyin Zheng (An) · Wendy Wishart (Gail) · Jana Reddick (Sozialarbeiterin) · Yao Xue (Violet)
Länge
122 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Coming-of-Age-Film | Drama
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Eigenwilliger, formal herausfordernder Film über die Freundschaft einer jungen Psychiatrie-Patientin zu einem queeren Praktikanten.

Diskussion

Ein waberndes Brummen wird von seltsam elektronischem Klackern belagert. Der Ansatz von Melodien, die sich auf halbem Wege entscheiden umzukehren, legt sich im Gehörgang schräg. Die Kamera ist derweil unangenehm nah. Das ganze Bild wird von Stars Gesicht ausgefüllt, deren Blick entgeistert starrt. Die 17-Jährige (Sarah Walker) ist in der Psychiatrie, und sie ist nicht das erste Mal auf der Station. Nach mehreren psychischen Zusammenbrüchen hat das Mädchen den Entschluss gefasst, mit einem kräftigen Schluck Chemikalien aus dem Leben treten zu wollen. Nun ist es wieder in stationärer Obhut: stark suizidal, womöglich manisch-depressiv. Mehrfach thematisiert Star ihren Zustand selbst. Was sie genau hat, das bleibt bis zum Ende ungeklärt.

Die kanadische Regisseurin Ashley McKenzie hat ihren fantastischen Low-Budget-Film „Queens of the Qing Dynasty“ vollständig aus der Neurodivergenz ihrer Hauptfigur komponiert. Das ist durchaus bemerkenswert, weil kompromisslos und mutig. Man braucht eine Weile, bis man mit den engen Perspektiven, den verschleppt-narkotisierten Dialogen und dem lakonisch-aufdringlichen Tonfall warm wird. Dieser Coming-of-Age-Film ist alles andere als ein Crowdpleaser. Nein, im Gegenteil: Es gilt, diese Fremdheit erstmal auszuhalten.

Zwei Außenseiter, die sich weigern, der Norm zu entsprechen

Sobald man sich darauf eingestellt hat, beginnt dieses queere Kleinod zu strahlen und in seiner sensiblen Form eine ungemeine Wärme zu entfalten, obwohl der Schnee meterhoch liegt. Denn „Queens of the Qing Dynasty“ erzählt die ermächtigende Geschichte einer Freundschaft zweier Außenseiter, die sich weigern, der Norm zu entsprechen.

Im Krankenhaus bekommt Star einen Betreuer zugeteilt: Der chinesische Praktikant An (Ziyin Zheng) versucht, eine Bindung zu dem verschlossenen Mädchen aufzubauen. Selbst darauf hoffend, die kanadische Staatsbürgerschaft zu erhalten, ist auch diese queere Erscheinung eine gestrandete Person. Die Nägel an zwei Fingern sind zu langen Krallen gewachsen – was seiner Faszination für die Königinnen der Qing-Dynastie entspringt. So bezeichnet er die Konkubinen, die unartigen und widerspenstigen Geliebten (Zweit- oder Drittfrauen) aus dieser Zeit der chinesischen Geschichte. Am Ende dieser Herrschaftslinie war gar die ehemalige Konkubine Cixi (1835-1908) zur Kaiserin aufgestiegen und im Umgang mit ihrer körperlichen Lust nicht zögerlich.

An sehnt sich nach dem Exzess, nach einer anderen Norm der Geschlechter. In Star sieht er eine Verbündete, eine Art Seelenverwandte. Das psychisch labile Mädchen fühlt sich in Anwesenheit seines neuen Freundes gestärkt und steht zu seiner Andersheit zunehmend selbstbewusst. Was in der Vergangenheit vorgefallen ist, wird hingegen nur angedeutet: Star hat wohl mit ihrem Bruder ein Kind gezeugt. Ob es sich um vertuschten Missbrauch gehandelt hat, wird nicht weiter geklärt. Deutlich wird: Die Welt vor den Krankenhaustoren ist harsch und für Menschen, die aus der Reihe fallen, ein Hindernis. Als Star schließlich lernen soll, auf eigenen Beinen zu stehen, müssen sie und An einen Weg für ihre Freundschaft finden.

Spektakulär unspektakulär

Die Bilder, die Ashley McKenzie für diese Emanzipationsbewegung findet, sind spektakulär unspektakulär. Es gibt eigentlich keine Weite. Alles ist immer zu nah, zu schief und zögerlich. Keine Einstellung ist im klassischen Sinne schön und doch gelingt es dem Film, seinen Close-ups eine Würde zu geben: Für Star ist alles immer ein wenig zu nah. Distanz kann sie nicht einschätzen. Die kargen, immer leicht sedierten Sätze wirken wie Querschläger eines Geistes, der sich selbst nicht kontrollieren kann. Dabei sind diese Äußerungen von einer ungemeinen Wachsamkeit durchdrungen.

In einer Szene stehen Star und An vor dem Zimmer, in dem die kleinen Waisenbabys liegen. Eine Krankenschwester wickelt die Kinder gerade ein; sie schreien und zetern. Es müsse schon furchtbar sein, so allein auf die Welt zu kommen, bemerkt An. Beide sehnen sie sich danach, umsorgt zu werden, wie ein solches Baby, das niemand haben will. Später wird An seine Star in ein Laken einwickeln: Sei umsorgt, immerzu. Welch’ liebevolle Geste! Denn es muss schon ziemlich einsam sein, wenn man die Welt durch ganz eigene Filter wahrnimmt. Zum Glück gibt es Filme wie „Queens of the Qing Dynasty“, die uns Durchschnitts-Normalos die Wunder dieser Welten öffnen.  

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