Eine deutsche Partei

Dokumentarfilm | Deutschland 2021 | 110 Minuten

Regie: Simon Brückner

Von 2019 bis 2021 beobachtet der Dokumentarfilm Mitglieder und Funktionäre der „Alternative für Deutschland“ (AfD) im Bezirk Berlin, in Brandenburg und auf der Bundesebene. Die Innenansichten der rechtsnationalen Partei präsentieren keine skandalösen Sensationen, sondern protokollieren das beklemmende Mit- und Gegeneinander von enttäuschten Konservativen, unbedarften Selbstdarstellern und zynischen Politprofis. Auch wenn der Film keine wertende Position bezieht, lässt sich die wachsende Ablehnung staatlicher Strukturen und demokratischer Grundsätze innerhalb der AfD nicht übersehen sowie die deutlichen Unterschiede zwischen West und Ost, was Kenntnisse über politische Zusammenhänge betrifft. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Simon Brückner
Buch
Simon Brückner
Kamera
Simon Brückner
Schnitt
Sebastian Winkels · Gesa Marten
Länge
110 Minuten
Kinostart
16.06.2022
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Beobachtender Dokumentarfilm über Mitglieder der AfD zwischen den Jahren 2019 und 2021.

Diskussion

Noch vor dem Vorspann beginnt bei einer AfD-Parteiversammlung eine Diskussion darüber, ob die Kamera weiterlaufen dürfe. Die Szene erinnert daran, dass alles, was in „Eine deutsche Partei“ zu sehen und zu hören ist, mit dem Einverständnis der dargestellten Personen entstand. Dabei geht es weniger um die Parteiprominenz, also um bekannte Gesichter. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Basis: Mitglieder der „Jungen Alternative“ (JA), außerdem regionale Parteibüros und Fraktionen, in denen erkennbar Richtungsstreits toben.

Das wird gleich zu Beginn sichtbar, wenn im AfD-Fraktionsbüro des Berliner Senats ein Antrag besprochen wird. Darin wird gefordert, dass in jedem Klassenzimmer das Grundgesetz und die Bundesflagge vorhanden sein sollen. Der Vorschlag entfacht eine Diskussion über die Gültigkeit des Grundgesetzes, die erst abebbt, als klar wird, dass es sich um einen „Schaufensterantrag“ handelt, der ohnehin abgelehnt wird und lediglich den einen Zweck verfolgt: die Aufmerksamkeit genau derer zu erregen, die man in der Öffentlichkeit so gern bekämpft, nämlich die Medien. Ließe sich nach der provozierten Ablehnung des Antrags doch publizieren, dass die „Altparteien“, wie die AfD alle anderen politischen Gruppierungen zu nennen pflegt, gegen das Grundgesetz seien.

Provokation & Aufmerksamkeit

Provokation und Aufmerksamkeit bedeuten in dieser Welt beinahe alles, besonders im Osten Deutschlands. Mit „Schnedderedeng“ und aufgedrehtem Lautsprecher wird kurz darauf der „Rote Adler“ angestimmt, die historisch dubiose inoffizielle Landeshymne von Brandenburg, mit der eine ganze Wagenladung JA-Mitglieder in Zehdenick landet, einer Kleinstadt im Berliner Umland, wo zur Einstimmung der schütter gefüllte Marktplatz mit Deutsch-Rap beschallt wird. Dort hat sich Andreas Kalbitz angesagt, der damalige Fraktionsvorsitzende der AfD im brandenburgischen Landtag und als Landesvorsitzender Angehöriger des sogenannten „Flügels“ um Björn Höcke.

In der nächsten Episode geht es dann konkreter um die Richtungskämpfe innerhalb der Partei. Ein Angehöriger der „gemäßigten“ Linie unterliegt in der Abstimmung beim Bundesparteitag 2019 gegen ein Mitglied des „Flügels“.

Die Bilder aus 2020 und 2021 sind von internen Auseinandersetzungen geprägt, aber auch von den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Insgesamt verschärft sich der Ton der AfD, auch unter den Mitgliedern. Der Riss, der sich durch die Partei zieht, lässt sich nicht mehr verdrängen. Gemäßigte Ansichten werden zurückgedrängt; eine fortschreitende Radikalisierung greift um sich, die mitunter in Zerstörungsdrang mündet und sich nicht nur gegen den Staat, sondern mitunter auch gegen die eigenen Strukturen richtet – bis hin zur Selbstzerstörung der Partei von innen.

Sechs durchnummerierte Kapitel

„Eine deutsche Partei“ ist ein schwieriger Film, der zum Diskurs anregt, aber auch ratlos macht. Das gilt sowohl für die Form als auch für den Inhalt. Aus 500 Stunden Filmmaterial kompilierte Simon Brückner einen rein beobachtenden Dokumentarfilm, ohne Kommentare, Interviews oder erklärende Inserts. Nicht einmal Namen werden eingeblendet. Das gehört zum Konzept, denn die Botschaft des Films ist klar: Hier geht es nicht um einzelne Menschen, um Persönlichkeiten oder Einzelschicksale; es geht vielmehr um Stimmungen und Innenansichten.

Brückner teilt den chronologisch gegliederten Film in sechs Kapitel, die nummerisch von 1 bis 6 durchgezählt werden, ohne weitere Hinweise oder Erklärungen. Nicht immer erschließt sich jedoch die Bedeutung dieser Kapitel. Es könnte sich um die Bekanntschaft mit verschiedenen, nicht benannten Personen handeln, die kapitelweise in den Fokus rücken, oder um bestimmte Zeitabschnitte; es könnte aber auch um verschiedene parteirelevante Themen gehen, die in mehreren kurzen Episoden angesprochen werden, wie etwa im ersten Kapitel das Thema „Unterschiedliche Gruppierungen in Berlin und Brandenburg“, im zweiten der Umgang der AfD mit aktuellen politischen Themen wie Umweltschutz oder das Verhältnis zur EU.

Das eigentliche Problem des Films aber besteht gerade darin, dass Brückner sich für einen rein beobachtenden Dokumentarfilm entschieden hat und nicht für einen investigativen Enthüllungsfilm; die Verdichtung von 500 Stunden Material stellt allerdings unweigerlich eine Wertung dar, die eine Richtung vorgibt. Zumindest ist das zu erwarten.

Potenzielle Flüchtlinge in der Ferne

Der Beginn, die Diskussion um die laufende Kamera, führt dabei auf eine falsche Fährte, denn diese Szenen sind so trivial wie ungewollt komisch, dass sie eher der Erwartungshaltung eines Publikums entsprechen, das auf Aufklärung oder Sensationen hofft. Im Intro wird hart am Rande des Klamauks darüber verhandelt, ob das, was gerade gesprochen wird, überhaupt noch relevant ist, wenn der Film fertig ist. Tatsächlich aber zeigt Brückner nur wenige Situationen, die eine solche Interpretation zulassen. Das gilt für die Begegnung von AfD-Mitgliedern mit Flutopfern, bei der sie einen Scheck nicht loswerden, aber auch für eine Reise nach Rumänien, mit Szenen, die sich als Bloßstellung interpretieren lassen, etwa wenn in der Ferne mögliche Flüchtlinge gesichtet werden, was sofort für Verwirrung und Ängste sorgt.

Der Film bleibt indes durchgängig unaufgeregt, er serviert keine Sensationen, wenngleich er dennoch etwas Beängstigendes hat. Das erwächst zum großen Teil aus den Mitwirkenden, beinahe ausschließlich Männer, meist viele enttäuschte Konservative, unter die sich ein paar gewiefte Polit-Profis mischen sowie wachsend mehr radikale Demokratiegegner mit rassistischen Ansichten. Auch lässt sich eine Kluft zwischen Ost und West erkennen, bei der die Unkenntnis und das Desinteresse für politische Zusammenhänge im Osten auffallen. Hier sammeln sich die Abgehängten und Zukurzgekommenen.

Der Westen hingegen scheint den intellektuellen Überbau zu liefern, wozu einige prominente AfD-Vertreter zählen, die sich in den neuen Bundesländern engagieren und als „Ossis“ gelten, etwa Andreas Kalbitz und Björn Höcke. Während sich zwischen 2019 und 2021 immer mehr „gemäßigte“ AfD-Anhänger verabschieden, wächst der Anteil an Menschen, die sich in ihrer generalisierten Ablehnung von allem, insbesondere von staatlichen Strukturen, radikalisieren.

Wohin steuert die AfD?

Brückner zeigt diese Entwicklung konzeptionsbedingt nur indirekt und unkonkret. Ein solcher Ansatz macht den Film als Experiment sehenswert, aber auch schwer zugänglich und in seiner Aussage diffus. Es gibt keine klare Stellungnahme; „Eine deutsche Partei“ dient bestenfalls als Diskussionsgrundlage. Das ist interessant, aber ungewöhnlich. Was die AfD als Partei betrifft, stellt sich die Frage, was wohl eher eintritt: die Selbstzerstörung oder die endgültige Abkehr von demokratischen Werten.

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