Krimi | Großbritannien 2022 | 296 (6 Folgen) Minuten

Regie: Tim Mielants

An der Oberfläche scheint ein Polizeibeamter, der als "Emergency Response Officer" in Liverpool arbeitet, seinen Job in langen Nachtschichten voll im Griff zu haben. Doch im Inneren leidet er unter einer Mischung aus Angststörungen und Depressionen und weiß nicht, wie er sein Familienleben und die schlecht bezahlten, zermürbenden Schichten auf die Reihe bekommen soll. Als er dann noch in einen Drogenklau verwickelt wird, während er eine sensible Jungpolizistin einarbeiten muss, droht der berufliche und private Absturz ins Bodenlose. Eindringlich gespielte Miniserie, der es gelingt, den harten Alltag im sozialen Brennpunkt der nordenglischen Großstadt mit Thriller-Elementen und ironischem Zungenschlag fesselnd wiederzugeben. Dabei zeigt sie mehr Interesse an menschlichen Abgründen als an oberflächlichem Spannungsfernsehen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE RESPONDER
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2022
Regie
Tim Mielants · Philip Barantini · Fien Troch
Buch
Tony Schumacher
Kamera
Johan Heurlin Aidt · Matthew Lewis
Musik
Matthew Herbert
Schnitt
Danielle Palmer · Alex Fountain
Darsteller
Martin Freeman (Chris Carson) · MyAnna Buring (Kate Carson) · Romi Hyland-Rylands (Tilly Carson) · Adelayo Adedayo (Rachel Hargreaves) · Mark Womack (Barry)
Länge
296 (6 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; nf
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Krimi | Serie

Diskussion

Ein guter Polizist sein! Gutes tun! Normal sein! Für Chris Carson (Martin Freeman) sind diese selbstgesetzten Postulate weit entfernte Wunschvorstellungen. In seinem Leben ist schon bisher nicht alles glatt gegangen, nun wird er auch noch wegen fadenscheiniger Anschuldigungen eines Kollegen degradiert. Für den Familienmensch und Vater einer schulpflichtigen Tochter ist es ein Albtraum, dem er sich jedoch fast schon trotzig stellt. Eine Woche Nachtschicht steht ihm nun bevor. In Liverpool gibt es bessere Dienstzeiten.

Doch der „Emergency Response Officer“ ist Polizist mit Leib und Seele. Er kennt sein Revier und seine „üblichen Verdächtigen“ und hat sich mit ihnen arrangiert, wie sie sich mit ihm. Da ist der 18-jährige Marco (Josh Finan), der Informant, dessen Hirn unter der ständigen Kifferei nicht gerade prosperiert. Da ist die kaum ältere Casey (Emily Fairn), der chronische Problemfall, der indes schlauer ist, als der sie umgebende permanente Nebel aus Drogen und Alkohol vermuten lässt. Und da ist sein Kumpel Carl Sweeney (Ian Hart), der Dealer, dessen Frau Jodie (Faye McKeever) mit seiner eigenen Frau Kate (MyAnna Buring) bekannt ist, ohne dass Jodie von Carls zweifelhaftem Ruf weiß. Es ist ein mehr als fragiler Mikrokosmos, in dem Chris mit aller Mühe die Balance hält. Doch dann zieht ein Sturm auf.

Martin Freeman als strauchelnder Held

In sechs Teilen zeigt Tony Schumachers Miniserie, wie das Leben eines Cops mit einem Stoß bedrohliche Schlagseite bekommt. Schumacher war selbst einmal Polizist und weiß, dass selbst in scheinbar ausweglosen Situationen manchmal gute Miene zum bösen Spiel gemacht werden muss. Mit dem wackeren Martin Freeman hat er den idealen Darsteller gefunden, dem man auch als gefallenen Helden alles Glück der Welt für eine zweite Chance wünscht.

Zunächst klaut Casey aber Carl eine Tasche mit Koks und bringt damit auch Chris ordentlich in die Bredouille. Denn der Cop deckt das obdachlose Mädchen und bringt damit nicht nur seinen Freud Carl gegen sich auf, sondern auch die eigentlichen Besitzer des Rauschgifts, die über Leichen gehen, wenn es das Geschäft erfordert. Chris könnte das alles regeln, da er zur Not Recht und Gesetz frei interpretiert. Doch ausgerechnet jetzt wird ihm die Jungpolizistin Rachel Hargreaves (Adelayo Adedayo) zugeteilt, die vom harten Nachtschichtalltag schnell überfordert scheint, es dafür mit den Paragrafen des Gesetzbuchs aber extrem genau nimmt.

„The Responder“ ist alles andere als ein heiterer Stoff. Chris Carson leidet chronisch unter Angststörungen und Depressionen. Als wäre das alles nicht schon schwer genug, reicht sein Verdienst kaum für die Familie und erst recht nicht für die Betreuung seiner todkranken Mutter. In dieser Situation braucht es nicht viel, um selbst einen wackeren Polizisten in einen unberechenbaren Psychopathen zu verwandeln. Martin Freeman spielt diesen Balanceakt mit einem derart beachtlichen Stoizismus, dass es einen fröstelt. Man nimmt ihm ab, wenn er seiner Psychotherapeutin sagt, dass er im Augenblick nicht mehr weiß, was Recht und was Unrecht ist. Es ist nicht die Frage, ob er irgendwann explodiert, sondern eher, wann er es tut und wen er dann mit in den Abgrund reißt.

Zwischen Thriller, absurder Alltagskomik und Sozialdrama

Aber „The Responder“ ist auch kein waschechter Psychothriller. Autor Schumacher schafft es immer wieder, neben absurder Alltagskomik und dem auch audiovisuell beachtlich auf Spannung getrimmten Angstkino das Sozialdrama nicht außer Acht zu lassen. Und so bekommt man in den Nachtschichten von Chris und Rachel viel mit vom Alltagswahnsinn der nordenglischen Metropole und erfährt in Nebenhandlungen, dass auch Rachel und Kate keine moralischen Übermenschen sind, sondern jeweils ihre Leichen im Keller respektive ihre Dämonen im Schlafzimmer haben.

All das würde in anderen Serien für mehrere Staffeln reichen. „The Responder“ stemmt den Stoff in fünf Nachtschichten und einer Handvoll müder Nachmittage. Mitunter besteht aber auch in diesem Mehrteiler die Gefahr des Überladenseins, etwa wenn Chris bei allen Katastrophen daheim und auf der Arbeit auch noch bei seiner kranken Mutter im Heim vorbeischaut. Doch „The Responder“ schafft es auch durch diese Augenblicke der emotionalen Übersättigung. Martin Freemans Gleichmut wirkt auch hier. Und wenn andere Serien bemüht sind, am Staffelende noch einmal alle Register zu ziehen, unterläuft „The Responder“ diese Erwartung mit beachtlicher Konsequenz, beschwichtigt und deeskaliert, ohne alle Probleme gekünstelt zu bewältigen. Und wieder beginnt eine neue Nachtschicht.

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