Kalanag - Der Magier und der Teufel

Dokumentarfilm | Deutschland 2021 | 72 (Kurzfassung: 45) Minuten

Regie: Oliver Schwehm

Dokumentarfilm über den Zauberer Helmut Ewald Schreiber (1903-1963), der sich Kalanag nannte, während der Weimarer Republik als Produzent in der deutschen Filmbranche reüssierte, sich dem NS-Regime verschrieb und nach 1945 erfolgreich alle Schuld von sich abwusch. Der weitgehend chronologisch erzählte (Fernseh-)Film ist in der Machart eher konventionell, bietet aber wertvolle Blicke auf eine lange unterschlagene Verstrickung des Entertainers mit dem Naziregime. Zudem beleuchtet er auch ein zu wenig bekanntes Kapitel der deutschen Filmgeschichte. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Oliver Schwehm
Buch
Oliver Schwehm
Kamera
Hermann Sowieja
Musik
Heiko Maile · Torsten Kamps
Schnitt
Helmar Jungmann
Länge
72 (Kurzfassung: 45) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Heimkino

Aufwändige DVD-Edition im Retro-Look der 1950er-Jahre mit 32-seitigem Booklet, Lentikularkarte und Schuber. Zu den Extras zählen der Kurzfilm "Nach Südamerika in 3 Tagen" von und mit Helmut Schreiber, zwei Sendungen des "Adenauer-Fernsehens", ein Werbefilm für die Zaubersho von Kalanag sowie Werbungen mit Gloria de Vos.

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Doku über den Zauberer Helmut Ewald Schreiber (1903-1963), der seine NS-Verstrickung erfolgreich verschleierte und in den 1950er-Jahren eine zweite Karriere startete.

Diskussion

Am 11. August 1948 schrieb das „Westfälische Tageblatt“: „Das Publikum war völlig im Banne Kalanags. Die ganze Atmosphäre war erfüllt von Zauberei.“ Wieder einmal hatte es der Magier geschafft. Helmut Ewald Schreiber alias Kalanag, geboren 1903 in Backnang bei Stuttgart, war in seinem Element. Vergessen seine beispiellose Karriere in der NS-Diktatur, die Nähe zu Göring, Goebbels, Hitler. Niemand wollte wissen, dass er Albert Speer, den Reichsminister für Bewaffnung und Munition, zur Truppenbetreuung an die Ostfront begleitet hatte. Oder dass er noch im April 1944 auf Einladung von Eva Braun zwei Wochen auf dem Berghof des „Führers“ verbracht hatte. Vergessen auch, dass ihn die US- Besatzungsbehörden im Juni 1945 verhaften wollten. Weder Schreiber noch die meisten seiner Zuschauerinnen und Zuschauer hatten Interesse, an die eigenen Verfilzungen und die Treue zum Regime erinnert zu werden. So hätte es ewig weitergehen können: „Der König der Manege“, wie der Bremer „Weserkurier“ im September 1948 resümierte, „hat Spiel und Einsatz gewonnen.“

Stilistisch einfach, aber höchst informativ

Nach seinem Herztod am Heiligabend 1963 blieb der Zauberer noch lange im Gedächtnis der älteren Generation; unter den Jüngeren, die ihn nicht mehr erlebt hatten, verblasste sein Mythos allerdings schnell. Erst mit der Ausstrahlung der Fernsehdokumentation „Verzaubert und verdrängt“ holte ihn Oliver Schwehm im März 2021 ins Bewusstsein eines größeren Publikums zurück. Nun liegt eine um knapp dreißig Minuten längere Fassung auf DVD vor: „Kalanag – Der Magier und der Teufel“.

Stilistisch lässt sich das genormte Fernsehformat auch im Langfilm nicht verleugnen; die Dramaturgie ist brav. Sie beruht auf einer weitgehend chronologischen Abfolge der biografischen Daten und Fakten, begleitet von Filmausschnitten und Interviewschnipseln mit Zeitzeugen, Kalanag-Forschern und Zaubereispezialisten. Dass es ästhetisch auch innovativer geht, hat Regina Schilling in dem ebenfalls fürs Fernsehen gedrehten Dokumentarfilm „Kulenkampffs Schuhe“ (2018) bewiesen, einer intellektuell höchst anspruchsvoll montierten Studie über den Entertainer Hans-Joachim Kulenkampff und den Zeitgeist der frühen Bundesrepublik. Dagegen nimmt sich der Kalanag-Film eher konventionell aus. Dennoch muss man Oliver Schwehm und den von ihm Befragten danken, etwas mehr Licht nicht nur in eine schillernde Biografie gebracht zu haben, sondern auch in die Untiefen der Zeitgeschichte, aus der sie erwuchs. Zudem wird ein wenig bekanntes Kapitel der deutschen Filmgeschichte beleuchtet.

Wer war Kalanag wirklich?

Wer war Kalanag wirklich? Als der Sohn eines Tuchhändlers mit acht Jahren ein „Goldenes Buch der Magie“ geschenkt bekam, verfiel er der Zauberkunst. Im Ersten Weltkrieg zaubert er vor Verwundeten in einem Lazarett; ein Stabsarzt nannte ihn „Kala nag“ (Schwarze Schlange), nach einer Figur aus dem „Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling. Als 16-Jähriger trat er dem „Magischen Zirkel von Deutschland“ bei und schrieb für die Vereinszeitung. Nach einem abgebrochenen Studium der Philologie und Kunstgeschichte landete er in der Kino- und Filmbranche. Im DVD-Booklet sind die Namen genannt, denen Schreiber als Aufnahme- und Produktionsleiter auf seinem Weg nach oben begegnete: Albert Steinrück, Richard Oswald, Fritz Kortner, Felix Bressart, Kurt Gerron und viele andere jüdische Künstlerinnen und Künstler, die ab 1933 ins Exil vertrieben oder in den NS-Konzentrationslagern ermordet wurden. Auch Schreibers Kompagnon, der Filmarchitekt Max Heilbronner, wurde außer Landes gejagt; Schreiber, der im NS-Reich seine jüdischen Beziehungen flugs vergaß, riss sich ein Teil von Heilbronners Habe unter den Nagel.

Er wurde Produktionsleiter bei der Filmfirma Tobis, dann einer der Direktoren der Bavaria Filmkunst. Der antisemitische Propagandafilm „Robert und Bertram“ (1939), eine fiese Posse, geht ebenso mit auf seine Kappe wie Veit Harlans Hitler-Allegorie „Der Herrscher“ (1937). 1939 stellte er einen Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP. Nebenher ging er seiner Leidenschaft als Zauberer nach. Er wurde Präsident des „Magischen Zirkels“, verneigte sich gerne vor den Machthabern des Reiches und war an dessen Ende wohl auch an jener Aktion beteiligt, mit der Devisen, Gold und andere Wertgegenstände, das sogenannte „Nazigold“, vor den Alliierten versteckt wurden. Das ist bis heute nicht genau geklärt; auch Schwehm deutet diese Verstrickung nur an, beteiligt sich aber nicht an Spekulationen.

„Da bin ich wieder. Simsalabim“

Penibel wird hingegen rekonstruiert, wie sich Kalanag nach dem Kriegsende eine weiße Weste herbeizauberte. NSDAP-Mitglied? Keineswegs! Nähe zu den Naziverbrechern? Aber nicht doch! Veruntreuung des Geldes von Max Heilbronner? Auf gar keinen Fall; er habe ihn im Exil sogar unterstützt. In einem Filmausschnitt resümiert Schreiber sein Leben im NS-Reich: „Manche dunkle Wolke trat da auf, ha ha ha. Da tat Kühlung Not.“ Und: „Da bin ich wieder. Simsalabim.“ Seine Zaubereien, die in immer größeren und teureren Shows zelebriert wurden, bis sie sich nach der Einführung des Fernsehens überlebt hatten, kamen dem Publikum gelegen. Dabei war er ein „ganz misstrauischer Mensch“, wie eine Mitarbeiterin erinnert, und: „Er hat seine Lügen gelebt.“

Zu Recht charakterisiert Schwehm Kalanags Nachkriegsbiografie als Beispiel für die bundesdeutsche Verdrängung des Gewesenen und das von Schuldeingeständnissen weitgehend unberührte Selbstbewusstsein der Wirtschaftswunder-Generation. Auf Kalanag bezogen, heißt es am Schluss: „Er war einfach ein korrupter Hund, der wusste, wie es geht.“ Und auf die westdeutsche Gesellschaft: „Die Stunde Null hat es nie gegeben. Sie war ein gigantischer Zaubertrick.“

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